
- „ ... und das Herz wird mir schwer dabei“ - Deutsches Kulturforum östliches Europa
Vom heute ukrainischen Czernowitz hat man für die Zeit vor 1914 gesagt, die damalige Hauptstadt der Bukowina habe das neuzeitliche Europa vorweggenommen. In dieser Großstadt lebten Deutsche, Juden, Russen und Ukrainer friedlich und gleichberechtigt miteinander. Alle Nationalitäten pflegten ihre Kultur – die Juden bemerkenswerterweise mehr auf Deutsch denn auf Jiddisch –, und so entstand ein bleibender Beitrag zur deutschen Literatur. Namen wie Paul Celan und Rose Ausländer haben bis heute einen guten Klang. Und nun ist in diesen Tagen die Erinnerung an die durch deutsche Schuld früh vollendete Lyrikerin Selma Meerbaum-Eisinger hinzu gekommen, der das Schleswig-Holstein Musik Festival Ende Juli 2009 ein Projekt gewidmet hat.
Erinnerungen der Juden von Czernowitz
Da ist es gut, dass beim Deutschen Kulturforum östliches Europa gerade in dritter Auflage die Protokolle eines Projekts erschienen sind, in dem Berliner Studierende erstmals 1999 die untergehende Welt des „Stedele“ in Interviews mit Zeitzeugen festgehalten haben. Gleichsam in letzter Minute, denn die, die noch das österreichische Czernowitz erlebt haben, sind hoch betagt und viele seither auch gestorben.
Die Bukowina gehörte seit 1775 zu Österreich. Zuvor war sie Teil des rumänischen Teilfürstentums Moldau gewesen. Verwaltungsmäßig gehörte die Region bis 1849 zu Galizien, das durch die polnischen Teilungen zu Österreich gekommen war. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Region Groß-Rumänien angeschlossen. Die Rumänen betrieben in ihren neu erworbenen Gebieten eine rigorose Romanisierungspolitik, die sich gleichermaßen gegen alle fremden Ethnien – Deutsche wie Juden – richtete. Durch den Hitler-Stalin-Pakt fiel die Bukowina wie auch Bessarabien an die Sowjetunion. Die deutsche Bevölkerung wurde „heim ins Reich“ geholt.
Wechselnde Staatszugehörigkeit
Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion besetzte Rumänien sofort wieder die verlorenen Gebiete in Nord-Siebenbürgen, Bessarabien und eben auch in der Bukowina. Dort wurde in der gesamten Zwischenkriegszeit über ein offener Antisemitismus praktiziert. Die jüdische Bevölkerung wurde teils in Ghettos interniert, größtenteils aber nach Transnistrien – heute Teil der Republik Moldawien, jedoch de facto unabhängig – verschleppt. Im Altreich konnten die Juden bleiben.
Das Kriegsglück wendete sich schnell: Nach Stalingrad änderte sind das Schicksal der Juden rasch wieder. Die schlecht ausgerüstete und miserabel geführte rumänische Armee zog ab. Im Sommer 1944 kam es überdies zur „Waffenumkehr“. Czernowitz wurde wieder russisch und blieb es bis zum Zerfall der Sowjetunion. Heute gehört es zur halb-demokratischen Ukraine.
Wenige Juden sind in der Bukowina geblieben
Nur noch wenige Juden und noch weniger Deutsche leben dort, und das Jiddische ist am Aussterben. Die hier wieder gegebenen Erinnerungen von Zeitzeugen sind nicht nur ein erschütternder Beitrag zur mitteleuropäischen Zeit- und Kulturgeschichte. Die beigegebene CD hält überdies – wohl zum letzten Mal überhaupt – das in Czernowitz gesprochene Deutsch und Jiddisch dokumentarisch fest.
„ ... und das Herz wird mir schwer dabei“. Czernowitzer Juden erinnern sich. Herausgegeben von Gertrud Ranner, Axel Halling, Anja Fiedler u. a. Deutsches Kulturforum östliches Europa 2009. Taschenbuch, 226 Seiten. Euro 14,80.
