Das Paradebeispiel für dichterischen Nonsens ist die bekannte und vielzitierte Phrase aus dem Faust vom guten, alten Johann Wolfgang von Goethe: „Grau, mein Freund ist alle Theorie und grün des Lebens goldner Baum“. Generationen von Schülern, Theater- und Literaturfreunden werden sich wohl die verschmitzte Frage gestellt haben, wie man sich des Lebens Baum denn nun wohl vorzustellen habe: eher grün oder eher golden? Beides gleichzeitig kann ja wohl nicht gut sein...
Doch steht der Dichterfürst mit diesem Lapsus nicht allein. Auch andere, ebenfalls durchaus bekannte Kollegen haben sich ähnliche Schnitzer geleistet.
Was bitte ist ein „Hauptsegel“?
Es kommt nämlich noch besser, auch wenn inhaltliche Fehler in Dichtungen so manches Mal nur Leuten auffallen, die in der jeweiligen Materie beschlagen sind. Manche Fehler, die für sich aufstellende Nackenhaare bei Insidern sorgen, kommen aber auch von Übersetzern, die nicht viel von dem verstehen, von dem im übersetzten Text die Rede ist. Wer sich zum Beispiel ein wenig in der Seefahrt auskennt und gleichzeitig gerne liest, dem wird auffallen, dass, wenn es in Romanen und anderen belletristischen Gattungen per Windjammer in See geht, diese Fahrzeuge sehr oft ein „Hauptsegel“ besitzen, welches auf keinem realen Segelschiff existiert.
Gemeint ist damit natürlich das Großsegel und die Geschichten, in denen dieses „Hauptsegel“ heißt, sind typischerweise aus dem Englischen übersetzt worden. Das Peinliche daran: Dieser Fehler zeigt, dass der Übersetzer zu faul war in sein Wörterbuch zu gucken. Ansonsten hätte er nämlich herausgefunden, dass das deutsche Wort für das, was auf Englisch „mainsail“ heißt, eben „Großsegel“ lautet und nicht „Hauptsegel“.
Schlecht recherchiert, Herr Kollege!
Etwas weniger offensichtlich, aber dafür umso grundlegender ist der Fehler, der Matthias Claudius in seinem „Abendlied“ unterlaufen ist: Der Mond, den er gleich zu Anfang aufgehen lässt, ist, wie sich später herausstellt, ein Halbmond. Der aber geht nie und nimmer am Abend auf, denn das tut nur der Vollmond. Der zunehmende Halbmond geht am Nachmittag auf und der abnehmende erst spät nachts.
Selbst wenn nun nicht das Ganze sogar ausdrücklich „Abendlied“ hieße, wüsste man doch, dass es sich um diese Tageszeit handeln muss, denn es ist von der "Dämm'rung Hülle" und vom „weißen Nebel wunderbar“ die Rede, der „aus den Wiesen steiget“. Der Journalist Claudius, denn ein solcher war er im Brotberuf, ist also postum für schlechte Recherche zu schelten.
Auch der Heidedichter langte daneben
Einen besonders dicken Hund gebraten hat jedoch der Heidedichter Hermann Löns. Und zwar deswegen, weil ihm als Fachmann ein Fehler nicht hätte unterlaufen dürfen, wie er sich in den Text von „Auf der Lüneburger Heide“ eingeschlichen hat. Der allgemein leider lediglich für seine von Leuten wie Willy Schneider geträllerten Schnulzen als Heidedichter bekannte Schriftsteller, Journalist und Wissenschaftler war ein großer Kenner der Natur und vor allem auch ein – Jäger. Und zwar nicht irgendeiner, sondern unbestritten ein Waidmann, der wirklich etwas von diesem Handwerk verstand.
Umso peinlicher ist es daher, dass er in besagtem Lied mit knallender Büchse und bellenden Bracken rote Hirsche jagen will, wobei jeder Jäger weiß, dass man mit Bracken auf Hasen, allenfalls auf Rehwild jagt, aber nicht auf Rotwild. Und wenn man schon mit Bracken jagt, knallt dabei auch keine Büchse, sondern eine Flinte, mit der man zu Zeiten von Hermann Löns durchaus noch auch auf Rehe und auf Hasen sowieso schoss.
Disqualifikation für die Literaten?
Das für Seefahrtsbegeisterte unsägliche „Hauptsegel“ ist wahrscheinlich der schlechten Honorierung von Übersetzern geschuldet. Wenn man wenig Geld für eine Arbeit bekommt, ist eben die Versuchung groß, Aufwand zu vermeiden und als geplagter Übersetzerich eben einmal weniger im Wörterbuch nachzuschlagen, auch wenn man weiß, dass die wörtliche Übersetzung nicht immer die richtige ist. Man muss ja beispielsweise auch explizit lernen, dass man im Englischen zwar jemanden „black and blue“ schlägt und danach womöglich „as hungry als a wolf“ ist, man diese Wendungen aber mit „grün und blau schlagen“ beziehungsweise „hungrig wie ein Bär sein“ ins Deutsche übersetzt. Und auch das deutsche Wort für „mainsail“ erfährt ein in der Seefahrt nicht heimischer Schreiber eben nur aus einem Wörterbuch.
Und die Dichterfürsten? Naja, auch denen sollte man nachsehen, wenn sie sich einmal vergallopiert haben. Schließlich ist niemand vollkommen. Und niemand sollte sich die Freude an seinem Lieblingsdichter verderben lassen, weil auch der es nicht ist. Im Gegenteil: Beim genauen Hinsehen machen solche kleinen Patzer diese Leute doch eher ein Stückchen sympathischer. Was schadet es denn, wenn man merkt, dass auch sie nur Menschen waren – so wie Schillers Fritzle ebenfalls, dessen Hochdeutsch schon auch einmal anzuhören ist, dass es schwäbische Klänge waren, die er hörte, als er im wunderschönen Württemberg seine Muttermilch trank.
