10 Jahre kämpfende Frauen in der Bundeswehr

Vielen Frauen erscheint die Eroberung der Bundeswehr als ein Zeichen der erfolgreichen Emanzipation. Aber ist das wirklich so?

Mitten im Kalten Krieg, mitten in der Hochzeit der Friedensbewegung, als sich mehr als eine Million Menschen im Bonner Hofgarten versammelten, um gegen die Nachrüstung zu demonstrieren und Tausende anderer sich den Pershing II Raketen in Mutlangen und anderswo in den Weg setzten und anschließend vor Gericht und teilweise im Gefängnis landeten, beschlossen einige Frauen aus der Frauenbewegung, dass es an der Zeit und höchstes Zeichen der Gleichberechtigung sei, dass endlich auch die Frauen Dienst an der Waffe tun dürften.

Von Greenham Common nach Mazar El Sharif - Frauen erobern die Bundeswehr

Ihr Durchhaltevermögen führte zum angestrebten Ziel und nach einem ersten Teilerfolg, der den Frauen 1988 den Eintritt in die Sanitäts- und Musikkorps der Bundeswehr erlaubte, dürfen, nach einer Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes, Frauen in Deutschland seit dem 1. Januar 2001 nicht mehr aus den kämpfenden Einheiten ausgeschlossen werden.

Ist dies als ein wirklicher Erfolg für die Emanzipation der Frauen, die nie unabhängig von der Emanzipation der Menschen überhaupt und auf allen Ebenen von Gesellschaft, Wirtschaft und Politik gesehen werden kann, zu werten? Frau darf jetzt, nachdem Deutschland nach dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr an der Heimatfront durch Abschreckung verteidigt wird, auch in den Krieg ziehen und Deutschland in Afghanistan oder anderswo in der Welt dadurch verteidigen, dass sie dort die Deutschland zustehenden Rohstoffe, die aus unerfindlichen Gründen in aller Welt lagern, sichert. Frau darf jetzt, als ultimativer Schritt der Gleichberechtigung, auch töten.

Emanzipation um jeden Preis?

Wie ist es dazu gekommen, dass in einer Zeit, als Frauen eigene Friedenscamps organisierten, in den damals so genannten Frauenlesben-Blocks auf Demonstrationen gegen den Krieg marschierten und sich überall Grüppchen und Aktionskomitees gründeten, von den ‚Müttern für den Frieden’ bis zu den ‚Lesben gegen Atomwaffen’, dass sich Frauen organisierten, um all ihre Kräfte in diesen Kampf für den Kriegsdienst zu investieren? Viele Frauen in der Friedensbewegung hatten in dieser Zeit das Gefühl, dass ihnen diejenigen, mit denen sie bisher zusammen für Emanzipation und Gleichberechtigung auf die Straße gegangen waren, nun in den Rücken fielen. Während die einen sich in schweren Gewissensnöten befanden, weil sie ihren Job als Schwesternhelferinnen, mit dem sich viele während des Studiums finanzierten, nur ausüben konnten, wenn sie unterschrieben, im Kriegsfall verletzte Soldaten wieder einsatzfähig zu pflegen, während wieder andere sich dafür einsetzten, dass auch die Männer gleichberechtigt nicht mehr in den Krieg ziehen sollten, engagierten sich nun plötzlich Frauen für das genaue Gegenteil. Der Krieg wurde zum Schlachtfeld für die Gleichberechtigung und die Kritik daran wurde mit dem Argument beiseite gewischt, wenn die Frauen erst einmal Kriegsdienst leisten dürften, dann hätten sie ja auch die Möglichkeit, diesen zu verweigern.

Funktionalisierung von Frauen macht den Krieg gesellschaftsfähig

Jetzt, zehn Jahre später zeigt ein Rückblick, dass auch mit dem „Schleifen der letzten Bastion“, wie die Frankfurter Rundschau nach dem Straßburger Urteil getitelt hatte, sich an der Gleichberechtigung in der Gesellschaft nicht allzu viel getan hat. Im Gegenteil, viele errungene Freiheiten und soziale Leistungen – nicht nur in Bezug auf die Frauen, aber diese sind nach wie vor davon meist mehr betroffen als die Männer – sind schon wieder verloren gegangen oder auf dem besten Weg dazu. Dass Frauen jetzt auch alle (immer noch mit der Ausnahme der KSK-Elitetruppe) Karrierewege innerhalb der Bundeswehr offen stehen, hat diese weder demokratischer noch weiblicher gemacht. Die hierarchische und patriarchale Welt der Armee wird durch die Anwesenheit von Frauen nach außen hin als weniger männlich, weniger zerstörerisch und demokratisch dargestellt. Frauen werden wieder einmal dazu benutzt, den schönen Schein zu wahren. Denn wo Frauen sind, kann es nicht so brutal zugehen, die moderne Armee ist nicht mehr „hart wie Kruppstahl“ und institutionell mit der Aufgabe betraut, für politische Zwecke zu töten und zu sterben. Der Kriegsdienst tritt in den Hintergrund, auch wenn er die eigentliche Aufgabe von Soldaten und Soldatinnen bleibt, denn alles außer Krieg können auch andere machen. Stattdessen wird durch die Anwesenheit der Frauen die Fassade der Bundeswehr als Arbeitgeber wie jeder andere, mit gleichen Möglichkeiten für alle, stabilisiert. Frauen werden wieder einmal in ihrer „Weiblichkeit“ funktionalisiert, um eine männlich Bastion gesellschaftsfähig zu machen.

canal du midi, Maria Braig

Maria Braig - Nach dem Studium (Germanistik, Geschichte, Kulturwissenschaft) arbeitete ich zunächst als Lektorin in einem Kleinverlag. So weit, ...

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