Estland: 1.000 Jahre Fremdherrschaft

Tallinn, die Stadt der vielen Türme

Die Kirche Pühavaimu am historischen Marktplatz - François Maher Presley
Die Kirche Pühavaimu am historischen Marktplatz - François Maher Presley
In einer 1.000jährigen Geschichte gelang es den Esten nur 35 Jahre sich selbst zu bestimmen. Tallinns Altstadt birgt jedoch große Geschichte.

Nachdem 1219 der dänische König Waldemar II. die hölzerne estnische Bauernburg Lindanise gegen die steinerne auf dem Domberg austauschte, gründeten 1230 deutsche Kaufleute am Fuße der Burg die Stadt Reval - nach der estnischen Landschaft Rävala. Das blieb dann für die kommenden Jahrhunderte auch der deutsche oder offizielle Name der Stadt. Doch als dann die Dänen langsam die Stadt besiedelten, nannten die Esten Reval „taani linn“, nämlich „dänische Stadt”, was später Tallinn ergab. Die dänische Zeit hielt bis 1346 an, es blieben das Stadtwappen, ein Teil des Straßennetzes sowie auch die Befestigungsanlagen.

Dänen, Deutsche, Schweden und zuletzt die Russen

Schon 1351, die Dänen verkauften ihren estnischen Besitz an den Deutschen Orden, hatte Tallinn bereits 31 Türme, die das Stadtbild beherrschten. Die Herrschaftszeit des Ordens dauerte über 200 Jahre. 1561 unterwarf sich die Stadt freiwillig dem schwedischen König Erik XIV. Diese „goldene” schwedische Zeit hielt bis 1710 an, bis im großen Nordischen Krieg, genau 1704 russische Truppen die, seit 1284 zur Hanse gehörende Stadt, belagerten, was im September 1710 zur Kapitulation führte. Die Schweden gingen, mit ihnen 15.000 Tote, die Russen kamen und fanden nur noch 1.891 Personen bürgerlichen Standes vor.

Doch Peter I. beließ der Stadt ihre Privilegien, die protestantische Landeskirche, das Deutsche als Landes- und Verwaltungssprache und deutsches Recht als Landesrecht.

Tallinn wird bedeutungslos

Im 18. Jahrhundert nahm die Bedeutung Tallinns als Handelsmetropole stetig ab. Ein jähes Ende nahm das livländische Stillleben, als Mitte des 19. Jahrhunderts die Russifizierung Deutsche und Esten traf. Ihre Sprachen wurden verdrängt und durch russisch ersetzt. Doch 1918 erfolgte die Unabhängigkeitserklärung, eine estnische Regierung übernahm die Landesverwaltung, 1920 wurde Reval zu Tallinn und zur Hauptstadt. Und mit dieser Unabhängigkeit begann für Tallinn auch wieder eine Blütezeit, die allerdings nicht lange währte.

Die Rote Armee und der Zweite Weltkrieg

1940 besetzten Truppen der Roten Armee das Land, und es begann die für die meisten Esten dramatische sowjetische Zeit, die erst Ende der 1980er Jahre endete. Estland war faktisch nur 35 Jahre wirklich unabhängig.

Die Hälfte der Wohnflächen Tallinns wurde im Zweiten Weltkrieg vernichtet. Es wurde, wie üblich in der Sowjetunion, ein Gürtel von Schlafstädten um Tallinn gezogen, in denen zumeist Russen angesiedelt wurden. Mit den Russen kam die Industrie, die Einwohnerzahl wuchs rapide, waren es noch in den 1940er Jahren ca. 180.000 Menschen, lebten nun 415.000 Menschen in Tallinn, was die Infrastruktur nicht mehr bewältigen konnte.

Tallinns Altstadt ist heute die besterhaltene und in den letzten 20 Jahren sehr schön restaurierte Stadt Nordosteuropas.

Unabhängigkeit nach 1.000 Jahren

Nach der jüngsten Unabhängigkeitserklärung wandelte sich das Gesicht Tallinns. Estnisch, eine dem Finnischen sehr ähnliche Sprache, wurde wieder zur Amtssprache, die Übervölkerung durch die Russen wurde zurückgedrängt. Heute ist es für Estländer, die ursprünglich russischer Herkunft sind oder einen russischen Namen tragen, schwer, Karriere zu machen. Dmitri: “Ich werde, wenn ich erst einmal 21 Jahre alt und volljährig bin, meinen Namen ändern. Noch geht es nicht. Meine Eltern wollen Russen bleiben und auch den Namen behalten. Sie wollen die alte Zeit wieder. Sie verstehen nicht, dass wir diese Zeit nicht mehr wollen und dass ich gern ein Estländer bin und bleiben will.”

Dmitri will Este werden

Dmitri hat es nicht leicht. Schon mit 12 Jahren begann er zu arbeiten. Nach der Schule schloss sich sein Studium der Historie an, anschließend der Ökonomie. Da er nicht zu den Besten zählte, erhält er kein Stipendium und keine staatliche Förderung. Mit viel Glück hat er bei Mc Donalds einen Job gefunden und kann sich so die Lebenshaltungskosten und die Studiumsgebühren verdienen.

Große soziale Unterschiede

Mc Donalds spielt nicht nur eine große Rolle in Dmitris Leben. Viele Estländer gehen hier essen. Nicht, dass die Speisen billiger sind als im Westen, aber man ist eben nach 2,50 Euro relativ satt, Fast Food stopft und die meisten Einwohner Estlands können sich Hotels oder Restaurants nicht leisten. War es früher einmal Hamburg, wohin die Finnen reisten, um ausgiebig zu feiern, so ist es heute das nur 80 km entfernte Tallinn. Sie begegnen einem überall, oft betrunken und laut. Der deutsche Einfluss ist fast vollends verschwunden. Manche Menschen sprechen ein gebrochenes Deutsch. Heute wird Englisch gelehrt, viele können natürlich Russisch, die Finnen versteht man ohnehin.

Kunst und Kultur geraubt

Die Museen sind geräumt. Kaum eine Galerie zeigt wirklich Arbeiten von Künstlern. Da keiner etwas kaufen kann, wären die Ausstellungen nur mit Kosten verbunden. Es scheint in den Museen und Galerien, als würde einer Nation alles fehlen, was das materielle Gegenstück zur inhaltlichen Zusammengehörigkeit ausmacht. Nichts scheint geblieben. Keine historischen Gegenstände, keine Bilder, keine Skulpturen oder alte Bibliotheken. Vielleicht muss man all das jetzt in St. Petersburg oder Moskau suchen.

Das gilt auch für die darstellende Kunst. Die Sänger der Oper haben oft nur eine mäßige schauspielerische Ausbildung, das Orchester übertönt meist selbst die gewaltigsten Sänger, die Bühnenbilder scheinen aus einer anderen Zeit zu stammen. Ob klassisches Ballett oder moderner Tanz, alles mutet an, als handele es sich eher um eine Theatergruppe, als wäre man seit 100 Jahren von der Außenwelt abgeschnitten, und so war es auch, bis Tallinn endlich, bedingt durch die Beteiligung an der Olympiade, Anfang der 1980er Jahre wieder Aufmerksamkeit und Internationalität erlangte.

Freilichtmuseum: Tallinns Altstadt

So bleibt dem Besucher nur das Freilichtmuseum, die Altstadt Tallinns, die allerdings wunderschön und erhalten ist, wenngleich auch von Plattenbauten umringt, gerade dann wenn der Frühling kommt, endlich der sehr kalte Winter, die dunkle Zeit von Sonne und Licht abgelöst wird und die Türme Tallinns in vielen verschiedenen Farben leuchten und ein bisschen einen orientalischen Eindruck vermitteln.

François Maher Presley, Foto: David Eschrich, Fançois Maher Presley

Francois Maher Presley - François Maher Presley kam in Kuwait/pers. Golf zur Welt und lebte seit seinem sechsten Lebensjahr in Hamburg. Der Autor und ...

rss