
- Buchcover - S. Fischer Verlag GmbH
Tagsüber Verwaltungsjurist bei einer Arbeiterversicherungsanstalt, nachts Autor. An seinem Lebensende überzeugt von der Unbrauchbarkeit seiner Werke, aus heutiger Sicht einer der wichtigsten deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts. Die Person Franz Kafka scheint gerade so komplex gewesen zu sein wie sein literarisches Vermächtnis es ist. Am 3. Juli 1883 wird er als Sohn eines deutsch-jüdischen Geschäftsmannes geboren. Er wächst in Prag auf, wo er zur Schule geht und später Jura studiert. Seine Tätigkeit für die Versicherung, die er seit 1908 ausübt, endet 1922 mit seiner vorzeitigen Pensionierung: Kafka ist schwer lungenkrank. So stirbt er auch bereits 1924 mit nur 41 Jahren.
Einige Aspekte ziehen sich wie rote Fäden durch Kafkas Biographie und schlagen sich auch in seinen Werken nieder:
Technik
Da ist zunächst Kafkas Alltagsleben: Es ist bestimmt von seiner Arbeit, genauer von der Arbeit mit Technik. Er ist zuständig für den Bereich Unfallverhütung in der Industrie; somit kommt er auch oft genug in Berührung mit den technischen Errungenschaften der Moderne, von denen der Mensch trotz ihrer oft auch zerstörerischen Gewalt zunehmend abhängig wird (ein Thema, das zum Beispiel im Roman „Amerika“ bearbeitet wird).
Der Vater und das Recht
Eine zentrale Figur in Kafkas Leben stellt sein Vater dar, dessen Ansprüchen er nie genügen zu können glaubt. Die Härte des Vaters, dessen negative Urteile er sein Leben lang fürchtet, wiederholt und legitimiert sich für Kafka im Rechtsverständnis der Zeit, das von Staatsgläubigkeit und Rechtspositivismus geprägt ist. In Werken wie „Das Urteil“ und „Der Proceß“ wird eben jenes Rechtsverständnis vom Autor kritisiert.
Judentum
Bedeutungsvoll für Kafkas Leben ist auch seine jüdische Abstammung. Er ist Tscheche, spricht Deutsch, besitzt eine humanistische Bildung und eben auch jüdische Wurzeln, ohne dass er sich jedoch mit der entsprechenden Ideologie identifizieren könnte. In seinen letzten Lebensjahren lernt er Hebräisch. Trotzdem hat er zeitlebens das Gefühl, zwischen den Stühlen zu sitzen.
Kafka und die Frauen
Sehr problematisch gestaltet sich Kafkas Beziehung zu Frauen. Mit der Sekretärin Felice Bauer ist er zwei Mal verlobt; beide Male wird die Verlobung jedoch wieder gelöst. Auch seine Verlobung mit der Schusterstochter Julie Wohryzek scheitert, ebenso wie seine Beziehungen zu Milena Jesenská und Dora Diamant. Kafka kann sich nicht entscheiden zwischen Gemeinschaft und Einsamkeit, zwischen Flucht und Bindung. Im seinem Werk kommen Frauen in der Regel schlecht weg, indem sie hier oft die Rolle von Verführerinnen oder gar Prostituierten spielen. In „Das Urteil“ wird das Thema Ehe literarisch durchgeprobt.
Bewusstseinskrise
Franz Kafka wird von der Bewusstseinskrise des 20. Jahrhunderts mit voller Wucht getroffen. Er scheint nirgends Halt zu finden, nicht in Beziehungen, nicht in Glaubensüberzeugungen und auch nicht – wie manche seiner Zeitgenossen – in der Kunst oder im Schreiben. Er fühlt sich isoliert und fremd in der Welt; und genauso isoliert und fremd sind seine literarischen Helden. Entsprechend können und wollen seine Werke auch keine Erkenntnis (etwa der Welt) ermöglichen. In vielen Werken, so zum Beispiel in den Parabeln, kritisiert Kafka gar das allzu große Vertrauen in die Kraft der Erkenntnis. Die Überzeugung, ein Text sei leicht zu verstehen, erscheint im überheblich (vgl. die Erzählung „Die Sorge des Hausvaters“ oder den Roman „Der Proceß“). Der Leser ist gefordert, die Hermetik der Texte zu akzeptieren, so wie er gemeinsam mit Kafka der Unbegreiflichkeit und Sinnlosigkeit des Lebens standhalten soll. Gerade aus der Einsicht in die Deutungsproblematik können sich so eventuelle Deutungen ergeben.
Umgang mit der Sprachkrise
Eine andere Krise, mit der Kafka als Autor zu tun hat, ist die Sprachkrise. Viele Autoren haben das Gefühl, für das, was sie ausdrücken möchten, keine adäquaten Worte mehr finden zu können (vgl. Hugo von Hofmannsthals „Chandos-Brief“). Einige flüchten sich deshalb in Schwulst und Künstlichkeit. Kafka aber stellt sich der Krise: Seine Ausdrucksweise mit ihren vielen Kausalschlüssen, ihrer syntaktischen Logik, ja überhaupt perfekten Grammatik, wirkt überaus einfach und rational, fast streng; die Sachverhalte werden linear erzählt. Dennoch ist der Inhalt des Erzählten kaum zu fassen. Die Kausalitäten führen nie zu Lösungen, sondern leiten vielmehr immer neue Relativierungen ein. Auch hierin erteilt Kafka also der traditionellen Erkenntnisfähigkeit Descartes' eine Absage.
Ausgaben der gesammelten Werke Franz Kafkas sind im Verlag S. Fischer erschienen. Weitere Informationen, unter anderem zu Sonderveranstaltungen anlässlich des Jubiläumsjahres 2008, bieten die Deutsche Kafka-Gesellschaft e.V., die S. Fischer Verlag GmbH sowie die Universität Bonn.
