Wissen Sie, wer oder was Argus war? Kennen Sie die Geschichte um das Goldene Vlies? Können Sie sagen, welcher Held einst die Hydra bekämpfte? Wenn Sie all diese Fragen mit einem sicheren „Ja“ beantworten können, dann ist es nicht unwahrscheinlich, dass Sie auch Gustav Schwab und seine „Sagen des Klassischen Altertums“ gelesen haben.
Ein Schwab aus Schwaben
Gustav Schwab lebt schon lange nicht mehr. Der Gymnasialprofessor aus Stuttgart starb bereits 1850. Doch der Schwabe mit dem passenden Namen hinterließ ein Buch, das seit vielen Jahrzehnten Generationen von Schülern und Erwachsenen immer wieder auf Zeitreisen ins antike Griechenland entführt.
Hinter dem Titel „Sagen des Klassischen Altertums“ verbergen sich drei Abschnitte. Der erste Teil schildert Sagen aus der Zeit vor dem Trojanischen Krieg. Darunter fällt beispielsweise die Argonautensage oder die Geschichten des Ödipus, der als verlorener Sohn im Zorn seinen Vater tötet und anschließend unwissentlich seine eigene Mutter heiratet. Der zweite Teil widmet sich der „Illias" von Homer und erzählt die Ereignisse der Schlachten um Troja bis zur List mit dem hölzernen Pferd und dem dramatischen Fall der Stadt, die zugleich den Sieg der Griechen bedeutete. Anschließend lässt Schwab die berühmte „Odyssee" im Anschluss an die Kämpfe um Troja wieder aufleben. Im dritten Teil gibt Schwab das Buch „Aeneis" von Vergil wieder, das gewissermaßen als Fortsetzung und Abschluss der griechischen Sagen verstanden werden kann.
Der Leser entdeckt all die Helden und Schurken, all die Ungeheuer und Stätten, die er aus Vergleichen oder Redewendungen kennt, sich aber wahrscheinlich vor der Lektüre des Buches nie wirklich zueigen gemacht hat. Schwab hilft dem Leser, auf packende Art und Weise echte Bildungslücken aufzufüllen. Denn, und auch wenn es vermessen und fragwürdig erscheinen mag, irgendwo liegt die Behauptung nahe, dass die alten Griechen in gewisser Weise die "Erfinder der Bildung" zu sein scheinen.
Lehrbuch oder Lesebuch?
Doch im Buch „Sagen des klassischen Altertums“ steckt wohl selbst ein Geheimnis. Das Werk entstand zwischen 1838 und 1840. Es kann kein Zufall sein, wenn es einem Lehrbuch gelingt, 170 Jahre zu überdauern. Denn es sind wohl nicht nur die der alten Sagen und deren unnachahmlicher Unterhaltungswert, die das Buch (oder eine seiner zahlreichen Kurz-Fassungen) ausmacht.
Gewiss liegt das Geheimnis seines Erfolgs auch am Autor selbst. Gustav Schwab verfügte über eine brilliante Art, Geschichten wiederzugeben. Sein Schreibstil zeugt von einer bemerkenswerten Sprachästhetik und einem außergewöhnlich präzisen Wortschatz, der auch nach 170 Jahren noch nichts von seiner fesselnden Schönheit verloren hat. „Sagen des Klassischen Altertums“ ist somit selbst zum Klassiker geworden – zum Klassiker unter den Lehrbüchern.
Gustav Schwab: Sagen des Klassichen Altertums. Vollständige Ausgabe. Insel 2001. Taschenbuch, 1010 Seiten. Euro 18,50.
Das Buch wurde in diversen Varianten publiziert, auch als Hör-CD.
