Gut 40 Jahre ist es her, seit Deutschland von einer weltweiten Jugendrevolte erfasst wurde, die europaweit durch dieselbe Zahl bezeichnet wird – 68. Diese Zahl ist historisch nicht ganz exakt; Anfänge der Bewegung wurden bereits 1966 offenkundig.
Viele Hauptpersonen der heutigen Polit-Szene - vor allem in den Reihen der Grünen – bezeichnen sich selbst als „68er“ und wollen damit ihre linksalternativ-fortschrittliche Haltung ausdrücken. Doch was wurde in gesellschaftlicher Hinsicht wirklich erreicht? Was ist angesichts deutscher Beteiligung an kriegerischen Auseinandersetzungen und drastischer Sparmaßnahmen im sozialen Bereich von den alten Idealen geblieben?
Gegen die herrschende Ordnung
Einen offeneren und konsequenteren Umgang mit der eigenen (Nazi-)Vergangenheit, mehr Mitbestimmung in Schule und Universität und allgemein mehr Demokratie – das forderten Ende der 60er Jahre viele Jugendliche vom Staat und der älteren Generation. Ihre Helden hießen nicht Erhard und Adenauer, sondern Ho Chi Minh und Che Guevara. Sie lasen nicht Goethe und BILD, sondern Marx und Jack Kerouac.
Weltweite Revolte
Nicht nur in Deutschland, sondern beinahe in der gesamten westlich geprägten Welt regte sich Widerstand gegen das als spießbürgerlich empfundene „Establishment“. Man sah im kapitalistischen Gesellschaftsmodell die Ursache für Krieg, Not und Ausbeutung in der Welt.
Eine Besatzungsmacht, die in den Augen der Studenten nach Gutdünken Krieg führte, mit Kurt-Georg Kiesinger ein SS-Veteran im Kanzleramt, der das Land mit Notverordnungen regieren wollte und eine Boulevardpresse, die alles kritiklos hinnahm, was ihr von der Politik serviert wurde – das war den jungen Deutschen zuviel. Sie wollten nicht mehr mitmachen und begannen, sich aufzulehnen gegen den Vietnamkrieg, die geplante Notstandsgesetzgebung und den Springer-Verlag. Der Widerstand fand vor allem auf der Straße und in Schulen und Universitäten statt, da der Bundestag in den Augen der Jugendlichen der regierenden Großen Koalition nicht viel entgegensetzen konnte.
Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment
Auch das gesellschaftliche Zusammenleben, vor allem die Idealisierung von Ehe und Familie, empfanden viele als störend. Wirklich frei konnte man nach den 68ern nur sein, indem man sich von solchen „Zwängen“ lossagte. Noch heute bekannt sind die Schlagworte „Kommune“ und „freie Liebe“, die die Eckpfeiler der neuen Form des Zusammenlebens waren. Die klassische Familie mit ihren festgelegten Beziehungen wurde ersetzt durch Wohngemeinschaften, deren Mitglieder ungezwungener miteinander umgehen sollten und die sich die anfallenden Aufgaben wie Versorgung, Haushaltspflege und Kindererziehung gerecht teilen sollten, ohne dass Einzelne in irgendwelche Rollen gezwungen würden. Dadurch sollte ein hierarchiefreies Zusammenleben ermöglicht werden.
Paarbeziehung oder Polygamie?
Auch die klassische, monogame Partnerbeziehung empfanden die 68er – sicherlich unter dem Eindruck der Beziehungen der Eltern zueinander – als hierarchisch und einengend: Sowohl Mann als auch Frau hatten bestimmte Rollen zu erfüllen (Geldbeschaffung und technische Aufgaben einerseits, Haushaltsführung und Kindererziehung andererseits). Man ging davon aus, dass in einer Zweierbeziehung immer eine Person die dominantere ist; in einer patriarchalen Gesellschaft wie der deutschen in der Regel der Mann. Diese Strukturen sollten durch die Abschaffung der klassischen Zweierbeziehung durchbrochen werden, was allerdings wohl nur in der Theorie funktioniert hat. Jedenfalls ist die Gesellschaftsform der Paarbeziehung beziehungsweise der Familie bis heute dominant, während Wohngemeinschaften fast nur noch gegründet werden, um weniger Miete zahlen zu müssen.
Das "System" von innen bekämpfen
Als sich 1969 ein Ende der Revolte abzeichnete, kündigte Studentenanführer Rudi Dutschke einen „Marsch durch die Institutionen“ an, bei dem APO-Aktivisten nach und nach versuchen sollten, Schlüsselstellen in Politik und Gesellschaft einzunehmen. Das gelang langfristig, wobei allerdings oft so manches Ideal auf der Strecke blieb. Bestes Beispiel hierfür ist sicherlich Bundesaußenminister und Vizebundeskanzler a.D. Joschka Fischer, der in den siebziger und frühen achtziger Jahren in der Frankfurter autonomen Szene aktiv war. Nicht zuletzt unter seiner Mitwirkung schickte die Bundesregierung deutsche Soldaten in den Kosovo.
Nicht alle wollten diesen Marsch antreten. Durch bloße außerparlamantarische Agitation allerdings war in Deutschland scheinbar nicht viel zu erreichen. Daher entschloss sich ein kleiner Teil von Aktivisten um Andreas Baader und Gudrun Ensslin zum „bewaffneten Kampf“ aus dem Untergrund heraus und gründete die „Rote Armee Fraktion“ (RAF), die durch gezielte Anschläge auf Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Justiz versuchen sollte, Einfluss zu nehmen.
'68 und heute
Als gesellschaftlicher Erfolg der 68er Bewegung kann sicherlich gewertet werden, dass die deutsche Bevölkerung heute wesentlich sensibler auf Versuche seitens der Regierung, die Bürgerrechte einzuschränken, reagiert. Ein Gesetz wie das zur Vorratsdatenspeicherung hätte noch in den frühen 1960er Jahren sicherlich weit weniger Aufsehen erregt. Meinungsforscher bestätigen außerdem, dass gesellschaftliche Minderheiten im heutigen Deutschland wesentlich mehr Toleranz erfahren. Außerdem würde ohne die 68er heute kein 17jähriger ungestraft bei seiner 15jährigen Freundin übernachten dürfen.
