
- CSD-Teilnehmer blickt auf Tel Aviv - Robert Niedermeier
Bunt geht es zu in Tel Aviv: Regenbogenfahnen wehen und Bässe wummern aus riesigen Lautsprechern. Über 100.000 Lesben, Schwule und ihre Freunde feiern im Takt auf den Straßen, wenn die alljährliche Christopher-Street-Parade am Gan Meir-Platz startet.
Tel Aviv feiert: die CSD-Parade mit 100000 Teilnehmern
Essens Städtepartner ist in Partylaune. Und zwar einen Tag bevor sich am 11. Juni 2011 zum 20. Mal der Tag der Unterzeichnung des Städtepartner-Vertrages mit der deutschen Ruhrmetropole jährt. Im Gegensatz zur Bischofstadt Essen, die bereits im Mittelalter Erwähnung fand, blickt die weltoffene, moderne Mittelmeer-Metropole im Nahen Osten auf eine kurze Geschichte zurück. Erst 1909 wurde der „Hügel des Frühlings“, so die hebräische Bedeutung für Tel Aviv, von jüdischen Siedlern gegründet. Dramatische Bedeutung kam ihr knapp 40 Jahre später bei der Staatsgründung zu. Gerade eine halbe Stunde dauerten am 14. Mai 1948 die Feierlichkeiten zur Gründung des Staates Israels an, da wurde die von deutschstämmigen Bauhaus-Architekten geprägte „weiße Stadt“ von den arabischen Nachbarn angegriffen. Das sollte nicht der letzte Konflikt sein, bis heute befindet sich Israel im Krieg mit Syrien.
Jerusalem betet, Haifa arbeitet und Tel Aviv feiert
Trotzdem: die Party steigt, nicht nur, wenn der CSD-Tross durch die 400.000-Einwohnerstadt zieht. Der 30-jährige Moshe Krudo charakterisiert bei einem Cocktail in lauer Sommernacht das Selbstverständnis seiner Heimatstadt. „Jerusalem betet, Haifa arbeitet und Tel Aviv feiert.“ Farbig illuminiert reihen sich die Strandbars ab der Höhe des Hilton-Hotel-Komplexes am breiten Strand aneinander. Die Hayharkon-Straße, die zum markanten Hotelhochhaus des Isrotel-Turms führt, gerät auch alltags zur regelrechten Partymeile.„Als schwuler Mann lässt es sich gut leben im toleranten Tel Aviv“, sagt Moshe Krudo, der am liebsten entlang der Yavne Street flaniert. „Die religiöse Extremisten leben in Jerusalem“, erklärt Moshe.
Die Tel Aviver sind Weltmeister im Flirten
Tel Aviv, das direkt neben dem historischen Jaffa liegt, ist weltlich ausgerichtet. Orthodoxe Juden sind in der Minderheit, die Mehrheit gibt sich freizügig, zeigt viel Haut: „In Jerusalem ist das unbehelligt kaum möglich“, weiß Moshe und er glaubt: „Wir in Tel Aviv sind Weltmeister im Flirten.“ In Deutschland indes erinnert sich Lothar Zimmermann, der Partnerschaftsbeauftragte der Stadt Essen an die Unterzeichnung des Vertrages mit der quirligen Stadt am Meer.
Die enge kulturelle Zusammenarbeit begann im Jahre 1988
„Der offizielle Beginn der Städtepartnerschaft erfolgte am 11. Juni 2011“, dokumentiert Zimmermann: „Anette Jäger, Essens damalige Oberbürgermeisterin und der Tel Aviver Oberbürgermeister Shlomo Lahat besiegelten die Partnerschaft in Essen.“ Die enge kulturelle Zusammenarbeit begann 1988: „Durch Vermittlung der Jüdischen Kultusgemeinde Essens“, erzählt Zimmermann, der den bis heute stattfindenden regen Schüleraustausch lobt. Am Strand von Tel Aviv indes tanzt Moshe Krudo weiter – inmitten eines Meeres aus Regenbogenfahnen.
