29. August 1951: Das erste deutsche Micky-Maus-Heft erscheint

Micky Maus  - Walt Disney
Micky Maus - Walt Disney
Vor sechzig Jahren begann in Deutschland, was in den USA gut 20 Jahre vorher stattgefunden hatte: Eine Maus und ein paar Enten eroberten die Kinderzimmer.

Pädagogen runzelten die Stirn. Eltern waren empört. Kulturhüter witterten Götterdämmerung. Die Bildung stand auf dem Spiel; sogar die Sittlichkeit war gefährdet. Wieder einmal dräute der Untergang des Abendlandes.

Was war geschehen? Eine gewitztes Nagetier, eine verwandtschaftlich weit verzweigte Entenfamilie und eine Reihe anderer animalischer Gestalten Schweine, Hunde, Wölfe waren in die Bundesrepublik eingefallen. Fortan wollten sie, wie die Maus, die Micky hieß, im ersten Heft versprach, jeden Monat mit gezeichneten Geschichten vor allem ein junges Publikum amüsieren. Für die Intellektuellen im Lande oder jene, die sich dafür hielten, waren die bunten Heftchen nur noch einen Schritt vom Analphabetentum entfernt.

Der wöchentliche Höhepunkt

Die Zielgruppe focht das wenig an. Die Kinder waren begeistert und verzichteten zugunsten des gedruckten Zeichentrickfilms auf Karies fördernde Süßigkeiten (immerhin im Gegenwert von stolzen 75 Pfennig!). Was von den Erziehungsberechtigten gar nicht entsprechend gewürdigt wurde. Für sie war Schund, was etwa für Karl-Heinz Ryll aus Umkirch "der wöchentliche Höhepunkt" und für Wilfried und Harald Paulsen aus St. Margarethen die "Leib- und Magenzeitung" war und Peter Hamer aus Bochum gar zum Bau einer Micky-Maus-Bar inspirierte, wie "Die Sprechblase" aus dem hessischen Schönau, in ihrer der Maus gewidmeten Sonderausgabe vermeldete.

60 Jahre später sind die Hefte aus dem Stuttgarter (inzwischen Berliner) Ehapa-Verlag, benannt nach dem Dänen Egmont Harald Petersen, der in ganz Europa Druckhäuser baute, aus dem Leben von Lesern aller Altersschichten nicht mehr wegzudenken. Ab 1956 erschien sie zweiwöchentlich, zwei Jahre später brauchten die Fans dann nur noch sieben Tage auf eine neue Folge zu warten. Wenige Jahrzehnte später war die Maus Kult und Kultur gleichermaßen.

Erika Fuchs - die geniale Übersetzerin

Das ist zu einem guten Teil auch einer Frau zu verdanken, die ihr Leben der Maus gewidmet hat: Erika Fuchs (1906 - 2005), promovierte Literaturwissenschaftlerin, war von der ersten Ausgabe als Chefredakteurin mit an Bord und hat es sich nicht nehmen lassen, die Hefte ins Deutsche zu übersetzen. In dieser Funktion hat sie die deutsche Sprache bereichert um Begriffe wie "Stöhn", "Seufz", "Knarr" und "Splatsch". Verhunzung von Goethes & Schillers Idiom? Von wegen! 2001 wurde sie mit dem Sonderpreis zum Heimito-von-Doderer-Literaturpreis und dem Roswitha-Preis der Stadt Bad Gandersheim ausgezeichnet.

Als sittengefährdend sieht die Comics längst niemand mehr an; es soll sogar Pädagogen geben, die die Sprechblasengeschichten leseschwachen oder -faulen Kindern empfehlen, um deren Lust aufs gedruckte Wort zu mehren.

Ist Daisy Duck noch Jungfrau?

In ihren besten Jahren erreichten die Hefte, die neben den Comic-Geschichten inzwischen auch Witze, Preisausschreiben, Anleitungen für Schülerstreiche und Bastelutensilien enthalten, Auflagen von bis zu 700 000 Exemplaren wöchentlich. Mittlerweile gehen die Abenteuer von Micky & Co. "nur" noch rund 180 000 Mal über den Ladentisch oder durchs Kioskfenster. Nicht ohne Grund: Denn an zeichnerischer wie inhaltlicher Qualität, vom Wortwirt ganz zu schweigen, haben die dünnen Heftchen erheblich nachgelassen.

Micky-Maus-Hefte sind wie Pubertät: Da muss jeder durch. Gibt es jemanden, der noch nie ein Abenteuer von der pfiffigen Maus, vom trotteligen Goofy, vom geldgierigen Hyper-Kapitalisten Dagobert Duck - derzeit gerade mal wieder den Zeitläuften so nah wie selten zuvor -, vom ewig gebeutelten Donald Duck und seinen drei superschlauen Neffen Tick, Trick und Track, dem schönen Gustav Gans und dem genialen Erfinder Daniel Düsentrieb gelesen hat? Na bitte!

Klatsch! Klatsch! Jubel! Jubel!

Und es waren (und sind) nicht nur Kinder und Jugendliche, die in Micky-Fanklubs ihrer Leidenschaft gemeinsam nachgehen. Die skurrilste Vereinigung im Disney-Biotop hat sich den ewigen Verlierer Donald zur Leitfigur erhoben. Sie nennt sich "Donaldisten", ihr Club heißt D.O.N.A.L.D. (Deutsche Organisation der nichtkommerziellen Anhänger des lauteren Donaldismus), und in ihren Reihen sind alle Berufe vom Hochschulprofessor bis zum Handwerker vertreten.

Bei ihren Versammlungen stellen sie Vermutungen darüber an, ob Daisy Duck noch Jungfrau, warum Dagobert Ducks einzige Frauenbekanntschaft eine Hexe und ob die Beziehung der Panzerknacker von latenter Homosexualität geprägt ist. Außerdem sind sie die eifrigsten Benutzer der von Erika Fuchs erfundenen Wort-Lautmalereien: Beifall wird nicht gegeben, sondern artikuliert.

In diesem Sinne also nicht: Alles Gute zum 60. Geburtstag, sondern: Klatsch! Klatsch! Klatsch! und Jubel! Jubel! Jubel!