30 Jahre Bad Religion – Punk Rock mit Niveau

Die Punk-Rock-Instanz aus dem Süden Kaliforniens feiert 2010 ihr 30-jähriges Bandjubiläum. Zu sagen haben die Mittvierziger noch jede Menge.

Nach 30 Jahren Bandgeschichte und 14 Studioalben, die beinahe ausnahmslos ein sehr hohes Qualitätslevel halten, sowie ihren sehr intelligenten Texten jenseits plumper Polit-Parolen, die in ihrem nichtssagenden Nihilismus dem Punk oftmals mehr Dolchstoß denn Lebenselixier waren, sind und bleiben die (mittlerweile) alten Punk-Herren aus Los Angeles wahrlich eine Instanz.

Die Gründerjahre von "Bad Religion" – ein Klassiker, ein (vermeintlicher) Totalschaden und (beinahe) das Ende

Bei der Gründung im Jahr 1980 waren "Bad Religion" nur ein paar Teenager, auf die sich die in ihren Anfangstagen und in regem Wachstum befindliche US-Punkrockszene so großen Eindruck ausübte, dass sie beschlossen, selber musikalisch aktiv zu werden. Von den vier Gründungsmitglieder gehören Greg Graffin (Gesang), Brett Gurewitz (Gitarre) und Jay Bentley (Bass) heute noch immer zur Besetzung, Ur-Schlagzeuger Jay Ziskrout war dagegen nur auf den ersten beiden Alben mit von der Partie.

In Ermangelung eines Labels gründete Gurewitz kurzerhand seine eigene Plattenfirma "Epitaph". Nach dem Demo "Bad Religion" (1981) wurde ein Jahr später dort das heute als Klassiker und wegweisendes Punkrockalbum geltende Erstlingswerk "How Could Hell Be Any Worse?" (1982) veröffentlicht. Die beiden Lieder "Fuck Armageddon... This Is Hell" und der Opener "We're Only Gonna Die" gehören stellenweise heute noch immer zum Liveset der Band.

Dass gerade die Punk-Szene zu den engstirnigsten Musikszenen überhaupt gehört, zeigte sich der Band mit der Veröffentlichung des zweiten Albums "Into The Unknown" (1983). Die LP wartete mit einem radikalen Stilbruch in Form von weitgehend ruhigen und progressiven 70ies-Rock-Klängen auf, die so gar nicht zu der Band passen wollten, die man nur ein Jahr zuvor als schnell, radikal und melodisch hatte kennenlernen dürfen. Die Folge war, dass die Band für einige Jahre fast aller Mitglieder verlustig ging und zahlreiche Exemplare der Platte von verärgerten Fans zurückgegeben wurden.

Heute bezeichnet die Band das Album als ihr radikalstes Punk-Album überhaupt – diese Einschätzung ist sicherlich teilweise selbstironisch zu verstehen, entbehrt bei näherem Nachdenken jedoch nicht einer gewissen Logik: ein Punk zu sein bedeutet Nonkonformität, anders zu sein, gegen den Strom zu schwimmen... Und was läge daher näher, als dem Publikum das komplette Gegenteil dessen zu bieten, was es von einem erwartet? Dass in dieser Aussage jedoch ein gehörig Maß an Zweckoptimismus steckt, darf anhand der nahezu vier Jahre währenden Funkstille nach der Albumveröffentlichung angenommen werden. Heute handelt es sich bei der Platte um ein gesuchtes Sammlerstück – wiederum zu Recht, denn für sich genommen ist "Into The Unknown" ein sehr gutes Rock-Album.

Die Goldenen Jahre – sechs Klassiker für die Ewigkeit: von "Suffer" bis "Stranger Than Fiction"

1987 schließlich fand sich die Band wieder zusammen, neu dabei waren Greg Hetson (Gitarre) und Pete Finestone (Schlagzeug), der Jay Zsikrout ersetzte. Die folgenden sechs Alben zeigten "Bad Religion" auf einem sechs Jahre währenden kreativen Höhenflug, der mit Einschränkungen bis heute nicht mehr erreicht werden konnte. 1988 wurde das Album "Suffer" (1988) veröffentlicht, auf dem zum ersten Mal das bis heute gültige und markanteste Trademark der Band zu hören war: neben den bereits auf dem Debüt vorhandenen sehr eingängigen Melodien waren das die sogenannten "oozin' aahs" – hauptsächlich bei den Refrains eingesetzter Chorgesang, für den sämtliche Bandmitglieder verantwortlich zeichneten und die von Kritikern als klebrig-süß, von Fans als qualitativ unerreichtes Stilmittel bezeichnet werden. Unverwechselbar sind sie in jedem Fall, denn auch wenn andere Bands das erfolgreiche Merkmal zu kopieren versuchten, schafften es doch nur die beiden Hauptsongwriter der Band, Gurewitz und Graffin, den Chorgesang so unverwechselbar einzusetzen. Auch die Texte wurden auf ein neues Niveau gehoben: waren bislang wütende Anti-Establishment-Attacken vorherrschend, so drückten die Texter sich nun mehr beinahe akademisch und von Philosophie und Literatur inspiriert aus, wenn auch noch immer teilweise ätzend und gesellschaftskritisch.

Beinahe im Jahrestakt wurden nun Alben veröffentlicht, die jedes für sich eine gute Handvoll Evergreens hervorbrachten: "No Control" (1989), "Against The Grain" (1990), "Generator" (1992), "Recipe For Hate" (1993) und "Stranger Than Fiction" (1994). Letzteres erstmalig auf Atlantic-Records. Grund hierfür war die starke Arbeitsauslastung von Gurewitz mit seinem Label. Line-Up-Wechsel fanden auch statt – Bobby Schayer ersetzte Finestone ab "Generator" am Schlagzeug und nach "Stranger Than Fiction" kam Brian Baker als Ersatz für Gurewitz in die Band, der nach der Album-Veröffentlichung die Konsequenzen aus seiner Doppelbelastung zog und die Band verließ.

The Atlantic-Years ohne Brett Gurewitz – die Formkurve zeigt leicht nach unten: von "The Gray Race" bis "The New America"

Jede Band macht Formkrisen durch – manche lösen sich als Konsequenz daraus auf, andere stehen diese Tiefs durch und kommen neu erstarkt aus ihnen hervor. Im Falle "Bad Religion" machte sich das plötzliche Wegfallen des zweiten Hauptsongwriters Gurewitz teilweise durchaus zwiespältig bemerkbar. Zwar beteiligten sich die übrigen Mitglieder nun auch mehr am Komponieren, die Hauptlast blieb jedoch auf Graffin liegen. War "The Gray Race" (1996) auch noch ein durchgängig hochwertiges Album, waren gerade die beiden Nachfolger "No Substance" (1998) und "The New America" (2000) zwar keineswegs schlechte Alben, in sich jedoch ein wenig unstimmig und zu sehr Singer/Songwriter-inspiriert – Graffin ließ sich vielleicht ein wenig von seinem Solo-Ausflug "American Lesion" (1997), einem Folk-inspirierten Solo-Werk, beeinflussen.

Ein Hoffnungsschimmer war für die Fans die Beteiligung Gurewitz' am Song "Believe It" auf "The New America" – und in der Tat: 2001 kehrte er zur Band zurück, dazu kam Brooks Wackerman, der Bobby Schayer am Schlagzeug ersetzte.

Rückbesinnung auf alte Werte – ein zweiter Frühling: von "The Process Of Belief" bis heute

Gemeinsam nahm man "The Process Of Belief" (2002) auf. Die Band besann sich auf ihre Wurzeln und so ist hier wieder schneller, melodiöser Punkrock mit jeder Menge "oozin' aahs" zu hören. Ob hingegen die Rückkehr zum "Epitaph"-Label bei dieser Rückbesinnung auf alte Werte eine Rolle spielt, bleibt im Reich der Vermutungen. Das 13. Album "The Empire Strikes First" (2004) zeigte die Band in ihrer politischsten Form, musikalisch auf gleichbleibend hohem Level, während "New Maps Of Hell" (2007) endgültig wieder auf dem Niveau der bandeigenen Klassiker angekommen ist. Im Herbst 2010 wird das Jubiläums-Album "The Dissent Of Man" (2010) veröffentlicht.

Wolfgang Weitzdörfer, Fotostudio Sabine Winkler

Wolfgang Weitzdörfer - Werdegang Abitur 1996Ausbildung zum Heilerziehungspfleger 1998-2001Berufstätigkeit 2001-20082008 - 2011: Studium BA ...

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