Zeit, das ist die Abfolge von Ereignissen, wie sie vom menschlichen Bewusstsein wahrgenommen wird. Zeit vergeht und reißt mit. Bald fallen Erinnerungen der Vergessenheit anheim. George Orwell sagte einmal: „Die Zeit vergeht nicht schneller wie früher, aber wir laufen eiliger an ihr vorbei.“
Zapping im Videotext
Zeit, sich sieben Minuten zu nehmen und vom Sofa aus einmal ganz bewusst den Videotextknopf auf der Fernbedienung zu drücken. Bei ARD und ZDF gibt es Nachrichten, Sport und das aktuelle Fernsehprogramm. Weiter zu den Privaten. Dort werden nebenbei noch "liebevolle Astroberatung", das Kartenlegen am Telefon und der Handyton "Over the rainbow“ angeboten. Keine Sekunde später, hinter dem Regenbogen, findet der Textzapper sich zur Nachmittagszeit im Erotikland wieder. "Live! Rosi (54) will es mit dir“. Dazu: "Sehr gelenkige Witwe“, einfach nur Videotexttafel xxx wählen. Beim nächsten Sender angelangt, wird bis zu 70 Prozent bei Zahnersatz, Urlaub zu Schnäppchenpreisen oder sogar eine Engelsbotschaft angeboten. Das reicht.
Videotext und Internet
Sieben Minuten beträgt die durchschnittliche Verweildauer eines Videotext-Nutzers am Tag. Unglaublich, rund 17 Millionen Zuschauer nutzen das scheinbar in die Jahre gekommenen Textangebot der TV-Sender. Der schnelle Klick bringt nicht nur das aktuelle Fernsehprogramm. Der Erfolg liege an der "Beschränktheit“ auf kurze Informationen und an der "Eindeutigkeit“, sagt Frauke Langguth, Leiterin des ARD-Textes gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. Damit unterscheide sich der Videotext stark vom Internet, das weitaus vielseitiger sei. Das Fernsehen bleibe aber weiterhin ein Medium fürs Sofa, nicht für den Schreibtisch. Um sich kurz zu informieren, was los sei, bleibe der Videotext, der 2010 seinen 30. Geburtstag gefeiert hat, ideal.
Die magische Fernbedienung
Doch es geht auch um Macht. Die Dinge einfach per Knopfdruck kontrollieren zu können, oder besser noch per Knopfdruck die Zeit anhalten zu können, das sind Wünsche, die zumindest auf der Leinwand wahr werden. Keine Ahnung, ob sie sich an diese Szene erinnern: Architekt Michael Newman alias Adam Sandler kommt in das Büro seines Chefs. Er glaubt, weil er einen bedeutenden Kunden an Land gezogen hat, wäre er bereits befördert worden. Sein hinterlistiger Boss, verkörpert von David Hasselhoff, sieht das jedoch anders. Grund genug die magische Fernbedienung zu drücken und das momentverhaftete Bild für eine kleine unmerkliche Rache einzufrieren.
Dieser Ausschnitt stammt aus dem Film „Klick“ aus dem Jahr 2006. Auch in dieser Hollywood-Fiktion rast die Zeit. Sinnbild für den stetigen Wandel und die Forderung nach aktueller Information ist das Internet geworden. Auch das Medium Videotext hat den Anspruch stets aktuell zu sein, doch hat es sich optisch und technisch seit 1980 kaum verändert. 30 Jahre sind scheinbar spurlos an ihm vorüber gegangen. In einer Zeit, in der gerade der rasante technische Wandel ein Charakteristikum für den Zeitgeist geworden ist, trotzt der Videotext als zeitloses Phänomen allen Forderungen nach Innovation und Geschwindigkeit.
30 Jahre für einen technischen Lückenbüßer
Als der gemeinsame Teletext von ARD und ZDF, dessen zehnjährige Testphase am 1. Juni 1980 begann, „online“ ging, wurde auch der Begriff Videotext geboren. Die Idee für einen Teletext ist jedoch noch älter. Anfang der 1970er Jahre kamen englische Fernsehtechniker der BBC auf die Idee, Zusatzinformationen gewissermaßen als Lückenbüßer in das Fernsehbild einzubauen. Ein analoges Fernsehbild nach mitteleuropäischer Fernsehnorm hat 625 Bildzeichen, davon werden aber nur 576 Zeilen für die Übertragung eines Bildinhalts genutzt, der Rest steht als so genannte Austastlücke zur Verfügung, während sich das Fernsehgerät auf den Empfang des nächsten Bildes vorbereitet.
Knopfdruck genügt
Der Teletext, oder wie er seit 1980 in Deutschland genannt wird, der Videotext, füllt also ein technische Bildlücke. Doch er transferiert den Zuschauer auch in andere Sphären. Ein Knopfdruck genügt und er entkommt dem sich in die Länge ziehenden Unterhaltungsfilm oder dem nervenden Werbeblock. Das ist modernes Zeitmanagement. Heute verfügen über 96 Prozent aller Zuschauer über ein Gerät mit Videotext. Tendenz steigend. Genau genommen, gehören die wenigen Nicht-Videotextler bereits zu einer exotischen Spezies. Alles Gute zum 30. Geburtstag, lieber Videotext.
