40 Jahre Open Era

Seit 1968 dürfen Tennisprofis bei Grand-Slam-Turnieren starten

Seit 1968 dürfen Tennis-Profis bei den Grand-Slam-Turnieren starten. Novak Djokovic trug sich mit seinem Australian Open-Titel als 50. Spieler in die Siegerliste ein.

Als Novak Djokovic im Finale der Australian Open 2008 seinen Matchball gegen den Franzosen Jo-Wilfried Tsonga verwandelte, ging nicht nur ein neuer Stern am Herrentennishimmel auf. Zwar ist die Souveranität, mit der „Djoker“ in Melbourne triumphierte, bemerkenswert: Einen einzigen Satz – gegen Tsonga – gab er im Turnier ab. Dennoch bedeutete dieser Turniersieg nicht nur ein kräftiges Rütteln an Roger Federers Thron. Djokovic sorgte für den ersten serbischen Grand-Slam-Erfolg. Außerdem trug sich der 20-Jährige als 50. Spieler der „Open Era“ in die Siegerliste bei den Grand Slams ein.

Seit 1968, nach jahrelangem Streit, dürfen „echte“ Tennis-Profis wieder bei den wichtigsten Turnieren der Welt mitmischen. Zuvor blieben die Australian Open, die French Open, Wimbledon und die US Open für die hauptberuflichen Spieler unerreichbar.

Profis seit 1968 zugelassen

Zwar ist heute nicht mehr ganz klar, was bis in den sechziger Jahre einen Rod Laver zu einem „Amateur“ machte – schließlich spielte der Australier das ganze Jahr über, gewann Turnier um Turnier und verdiente damit nicht wenig Geld. Fakt ist aber, dass der Aufstieg des Herren- und Damen-Tennis unmittelbar mit dem Beginn der „Open Era“ 1968 zusammenhängt. Seit ziemlich genau 40 Jahren stehen wirklich die jeweils besten Tennisspieler auf den Courts, wenn es in Melbourne, Roland Garros, Wimbledon und Flushing Meadow um Siege und Preisgeld geht. Djokovic bekam für seinen ersten Grand-Slam-Titel über 1,2 Millionen US-Dollar – ein Vielfaches dessen, was der Australier Ken Rosewall für seinen Paris-Sieg 1968 erhielt, den ersten Grand-Slam-Titel der Open Era.

Einem einzigen Spieler ist es in jenen 40 Jahren gelungen, den Grand Slam zu gewinnen – also alle vier großen Turniere in einem Jahr. Der „Amateur“ Laver wiederholte 1969 seinen „Großen Wurf“ von 1962. Seitdem scheitert Generation um Generation an dieser ultimativen Herausforderung. Selbst alle Turniere wenigstens einmal zu gewinnen, gelang nur einem weiteren Spieler, André Agassi zwischen 1992 und 1999. Mit seinen acht Grand-Slam-Titeln trug Agassi dazu bei, die USA zur erfolgreichsten Nation der „Open Era“ zu machen. 51 von 160 Siegen gingen in die Vereinigten Staaten: Pete Sampras ist mit 14 Titel der Rekordhalter, Agassi und Jimmy Connors (ebenfalls 8), John McEnroe (7), Jim Courier (4) und Arthur Ashe (3) trugen zur US-Dominanz bei. Rechnet man die acht Titel des ausgewanderten Tschechen Ivan Lendl hinzu, ist die Übermacht noch deutlicher.

Der Niedergang der Tennisnation Australien

Damit lösten die US-Boys in der „Open Era“ Australien als Tennisnation Nummer 1 ab. Noch in den Sechzigern hatten üblicherweise die Aussies gewonnen: Laver vorneweg, dazu Roy Emerson, John Newcombe, Fred Stolle, Rosewall – mindestens zwei von drei Grand-Slam-Titeln gingen nach Down under. Ab Anfang der Siebziger folgte jedoch eine nahezu unglaubliche Durststrecke: Sage und schreibe 14 Jahre, von 1973 bis 1987, hofften die Australier vergebens auf einen Grand-Slam-Titel. Erst dann erlöste ein Mann, dessen Name so hart klang wie sein Aufschlag war, die Fans: Pat Cash gewann in Wimbledon. Mit ein wenig mehr Glück und deutlich weniger Verletzungungen hätte der begnadete Serve-and-Volley-Spezialist noch weitere große Siege holen können. So aber blieb es für Cash bei zwei dramatischen Fünf-Satz-Finalniederlagen in Melbourne, und Australien erlebte wieder eine Durststrecke – diesmal nur zehn Jahre – bis Patrick Rafter zweimal bei den US Open triumphierte und später Lleyton Hewitt zum Sieger wurde. Ganze 20 Siege holten Australier in der „Open Era“, davon aber nur fünf seit 1973.

Kein Wunder, dass Schweden mit insgesamt 25 Grand-Slam-Titeln erfolgreicher war. Der legendäre Björn Borg (11 Titel) sowie Stefan Edberg (7) und Mats Wilander (6) sammelten jede Menge Siege. Doch auch mit den Skandinaviern geht es bergab: Edbergs letzter Sieg, die US-Open 1992, liegt nun schon über 15 Jahre zurück – und seitdem konnte sich nur der eher mittelmäßige Thomas Johannsson in die Siegerliste eintragen, 2002 in Melbourne.

Yannick Noah rettet die Ehre Frankreichs

Doch das ist Jammern auf hohem Niveau. Was soll Frankreich sagen? Ein einziges Titelchen in vierzig Jahren – Yannick Noah, wenigstens vor Ort, 1983 in Paris. Damit holte Frankreich genau so wenig wie Ekuador, Kroatien, Holland, Österreich, Italien oder jetzt auch Serbien. Roger Federer, der Schweizer, hat allein zwölfmal soviele Grand Slam-Siege errungen wie die Grande Nation. Spanien (10 Titel), Deutschland (7), Argentinien (5), Russland (4), Brasilien (3), Südafrika und Rumänien (2) – alle erfolgreicher. Ob Leconte, Pioline oder jetzt Tsonga: Für die Franzosen bedeutet „Open Era“ viel zu oft: sympathischer Finalist.

Jenseits der Zahlenspiele steht die „Open Era“ für ganz große Sportgeschichten. Die des Kroaten Goran Ivanisevic zum Beispiel. Mit 21 Jahren bezwang er beim Wimbledon-Turnier 1992 nacheinander Lendl, Edberg und Sampras, eine unglaubliche Leistung. Im Finale: knappe Fünf-Satz-Niederlage gegen Agassi. Zwei Jahre später: knappe Finalniederlage gegen Sampras. 1998: Finalniederlage gegen Sampras, knapp in fünf Sätzen. Danach ging es bergab in der Weltrangliste. Nur wegen seiner früheren Erfolge durfte Ivanisevic im Jahre 2001 nochmals in Wimbledon starten, mit einer Wild Card. Nach dramatischen Auf-und-Abs wurde das Wunder endlich wahr: Er kämpfte sich ins Finale und gewann gegen Rafter. Natürlich in fünf Sätzen.

Große Sieger, große Verlierer – und England

„Open Era“ steht auch für jene Pechvögel, die trotz großartiger Leistungen nie gewannen – wie Mecir, Leconte, Krickstein oder Gilbert. Sie steht für siegreiche Teenager wie Wilander, Becker und Chang. Für Oldies wie Connors, der 1992 mir fast 40 Jahren noch ins US-Open-Halbfinale vordrang. Für den leichtesten Finalsieg – 1984, als McEnroe in Wimbledon ganze vier Spiele gegen Connors abgab – und für nervenzerfetzende Fünf-Satz-Schlachten und vergebene Matchbälle. Und die „Open Era“ steht nach 40 Jahren mit 50 Siegern aus 19 Ländern auch für die fortwährende Blamage der Tennisnation England. Ob nun mittelmäßige Spieler wie John Lloyd in den Siebzigern und Jeremy Bates in den Achtzigern, der eingebürgerte Kanadier Greg Rusedski oder der glücklose Tim Henman – nicht ein einziger Grand Slam-Titel ging nach Großbritannien. Fred Perry gewann zuletzt 1936. Momentan ruhen die britischen Hoffnungen auf dem 20-Jährigen Andy Murray, immerhin die Nummer zwölf der aktuellen Weltangliste. Ein Schotte, ausgerechnet. Und bei den Australian Open recht früh ausgeschieden – gegen den späteren Finalisten Tsonga. In Runde eins.