
- Leonardo, 44 Jahre, Abendmahl - Bild: Rosel Eckstein
Leonardo da Vinci (1452-1519) schafft mit 44 Jahren, im Dienst der Mailänder Sforzas, eines seiner gewaltigsten, aber auch flüchtigsten Gemälde - als wäre es ein bloßes Aufflackern und so vielleicht ein Sinnbild der ganzen Renaissance. Die biographische Momentaufnahme beleuchtet den Zeitraum von April 1496 bis April 1497.
Mit 44 berühmt, aber knapp bei Kasse
Er arbeitet in Mailand an dem Wandgemälde "Das Abendmahl". Mit 44 gehört er, im späten 15. Jahrhundert, zu den berühmtesten Künstlern Italiens. Nicht, dass er deshalb ein gemachter Mann wäre. Zwar hat er einen fürstlichen Auftraggeber, aber die Zahlungen sind vertraglich nicht fixiert und treffen nur sehr unregelmäßig ein. Im Ansehen ist Leonardo den Angehörigen der Signoria so gleichgestellt, dass dieser der Gedanke fernliegt, ein solcher könne je knapp bei Kasse sein. So nimmt der zähneknirschend Ergebene denn, um zusammen mit seinen sechs Gehilfen über die Run den zu kommen, verschiedene Nebentätigkeiten an, zum Beispiel als Wohnungsdekorateur oder als Organisator von Festivitäten. Erschwerend kommt hinzu, dass er selber längst nicht alles, was er anfängt, zu einem Abschluss bringt. Nur risikofreudigere Kunden lassen sich daher auf den ziemlich unberechenbaren Meister ein. Immerhin gibt es davon einige.
So schnell malt Meister Leonardo nicht
Mehr als das Vollenden liegt dem Multitalent das Entwerfen und Studieren. Seine Kreativität füllt vor allem die Notizbücher, sowohl mittels Schreibstift als auch Zeichenstift. Die Gedanken kreisen immer wieder um das Wesen des Lichts und den Mechanismus des Sehens. Eher schwach ist er in Mathematik. Deshalb kommt ihm Luca Pacioli (51) wie gerufen, der zur Jahreswende am Mailänder Hof eingetroffen ist und seinerseits hohen Respekt vor Leonardo mitbringt. Die beiden arbeiten zusammen und schließen bald Freundschaft. Der Franziskaner hat vor zwei Jahren auf Italienisch – nicht mehr auf Latein – ein umfangreiches mathematisches Lehrbuch veröffentlicht, das unter anderem eine mustergültige Darstellung der doppelten Buchführung enthält. Den neuen Freund macht er mit den geometrischen Grundlagen der Perspektive (wört lich: Durch-Blick) vertraut. Was nahe liegt, denn Leonardo vermag nun im "Abendmahl"-Fresko den räumlichen Eindruck besonders exakt zu erzeugen – mit der Schläfe Jesu als zentralperspektivischem Flucht- oder "Augpunkt".
Für das werdende Wandgemälde haben sich zudem viele Porträtskizzen angesammelt, erstellt in Marktflecken, Badeanstalten und auch in verrufeneren Gegenden. Die Abendmahlsgesellschaft soll eine Auslese von Charakterköpfen sein. So kommt es, dass sich Leonardo monatelang die meiste Zeit in der Stadt seines Dienstherrn herumzutreiben und an Ort und Stelle kaum ein Fortschritt zu verzeichnen scheint.
Die renaissance-fürstlichen Auftraggeber
Es sind die Sforzas, die 1450 die Herrschaft über den lombardischen Stadtstaat übernahmen. Seit fünf zehn Jahren (1481) hat hier der "dunkelhäutige" Lu dovico Sforza – "il Moro" – das Sagen. Vierzehn Jahre liegt es zurück, dass er den gleichaltrigen Leonardo da Vinci von Florenz nach Mailand holte. Vor allem damit hat der Machthaber hier ähnlich wie die Medici dort für eine kulturelle Blütezeit gesorgt. Vordergründig, um die eigene Dynastie in Glanz und Gloria er scheinen zu sehen. Zum Beispiel seinen Vater Francesco (1401-1466), dem zu Ehren Leonardo ein überdimensioniertes Reiterstandbild gießen sollte. Dieses Projekt ist daran gescheitert, dass man die dafür bereitgestellten 80 Tonnen Bronze im letzten Moment dringlicher für Kanonen gebraucht hat. Wenigstens zieht ein nicht minder riesiges Tonmodell des Denkmals seit 1492 bewundernde Blicke auf sich.
Ein neueres Ansinnen des Herzogs Ludovico zielt auf die Dominikanerkirche Santa Maria delle Grazie westlich seines Schlosses. Sie soll als kunstvoll aus gestaltete Familiengrabstätte dienen und ist dazu vor Jahren umgebaut worden. Ein entsprechendes trauriges Ereignis lässt nicht lange auf sich warten. Beatrice, des Regenten junge Frau (21) aus dem alten Adelsgeschlecht der Este, übernimmt sich beim Tanz ins neue Jahr 1497 und stirbt an der Fehlgeburt des dritten Kindes. Ihr Begräbnis findet gewissermaßen auf einer Künstler-Baustelle statt.
Motivsuche und zündende Idee für das "Abendmahl"
Für den Speisesaal der Mönche, das Refektorium, galt es eine passende biblische Geschichte malerisch in Szene zu setzen. Leonardo hat sich also dieser Aufgabe angenommen und ein neutestamentliches Motiv ausgewählt, das schon oft ausgeführt wurde: das letzte gemeinsame Essen von Jesus und den zwölf Aposteln, wie es in drei Evangelien (Matthäus, Markus und Lukas) geschildert ist.
Gegen die Konvention gedenkt er die Figuren nicht mit einem Heiligenschein zu versehen. Eher soll auf jede ein anderes natürliches Licht fallen. Besonders außergewöhnlich ist die Idee, einen anderen Moment des Geschehens festzuhalten als den des Einsetzens der "Eucharistie" (Danksagung im Gottesdienst). Gewöhnlich bricht Jesus gerade das Brot, wobei die Zwölf seinen Worten "Das ist mein Leib" (Mt 26,26) lau schen. Bei Leonardo hat Jesus soeben die Worte gesprochen: "Einer von euch wird mich verraten" (Mt 26,21). Und jetzt sind alle, die es hören, "sehr betroffen" (Mt 26,22), so dass sie spontan Kleingruppen bilden. Auf diese Weise bekommt Leonardo übrigens das gesamte Plenum hinter den Tisch. Auch den Verräter Judas, der auf traditionellen Darstellungen vorne sitzt, als einziger dem Betrachter den Rücken zukehrend. Nach einem passenden Judas-Gesicht muss Leonardo tatsächlich am längsten suchen. Beim Antlitz Jesu resigniert er von vornherein und lässt es unausgeprägt.
Ein schwindendes Meisterwerk
Es ist ihm von Anfang an auch klar gewesen, dass er und sein "Team" für ein Meisterwerk dieser Größenordnung eine geraume Zeit benötigen. Allein die äußeren Ausmaße betragen rund neun mal vier ein halb Meter. Und sein unorthodoxer Arbeitsstil tut ein Übriges, um Eile mit erheblicher Weile walten zu lassen. In diesem Falle scheidet die übliche Fresko-Farbgebung aus, die auf noch nassem Putz erfolgt. Eine Möglich keit, die sich Leonardo offen halten will, wäre stark eingeschränkt, nämlich die, das Bild zu überarbeiten. Stattdessen malt er "al secco": auf einem harten, trockenen Putz. Dessen Zusammensetzung hat er sich extra ausgedacht. Darauf, wie gut die Mixtur auf dem Mauerwerk hält, nimmt er dabei kaum Rücksicht. Ob er für das größere Farbspektrum, das ihm dank seiner Tricks gegenwärtig zu Gebote steht, den einge bauten Verfall in Kauf zu nehmen bereit ist?
Nachtrag: Schon kurz nach Fertigstellung begann die Farbe abzublättern und der Putz zu bröckeln – um nur die hausgemachten Folgeschäden anzusprechen. In späteren Jahrhunderten erwiesen sich mehrere „Restaurierungen“ als Verschlimmbesserungen.
Quellen
Serge Bremley (1995): Leonardo da Vinci (Rowohlt)
Martin Kemp (2005): Leonardo (Beck)
Jessica Teich (2006): Leonardo da Vinci für Dummies (Wiley)
Bildquelle: Rosel Eckstein / pixelio.de
Drucknachweis
Leo Allmann (2010): Lifeticker (Books on Demand, 978-3-8391-4115-1), S. 61-64 (unter dem Titel "Da waren sie sehr betroffen")
