60 Jahre Berlinale - Beinahe-Aus und Neuanfang

Die Internationalen Filmfestspiele Berlin erfinden sich neu

Die Zeiten ändern sich und sie ändern die Internationalen Filmfestspiele Berlin. Der Skandal über "O.K." bedeutet fast ihr Aus. Die Jahre 1964-1972.

60 Jahre Berlinale: Ein Überblick über die Jahre 1964-1972 bei den Internationalen Filmfestspielen in Berlin.

1964: Frontstadt sein, reicht nicht mehr

Die verschobene Reformentscheidung im Vorjahr machte 1964 nur noch schlimmer. Die Berlinale erschien inhaltlich am Idee. Sich als Frontstadt zu präsentieren, reichte einfach nicht mehr. Offen wurde eine Verlegung der IFB nach Westdeutschland diskutiert. Die Pleite führte aber zum notwendigen Befreiungsschlag, an dem einige der damals renommiertesten Filmjournalisten als Berater beteiligt waren. Zugleich wurden Filmkritiker in das Auswahlkomittee des Folgejahres eingeladen.

1965: eine ruhige Berlinale

1965 kam mit der Infomationsschau, aus der später die Sektion Panorama hervor ging, eine Sektion hinzu, die mehr Spielraum für die Einladungen zuließ. Gleichzeitig wurde die Repräsentationsschau der Länder – die eigentlich nur die Screenings des Filmmarkts waren – öffentlich. Die Filmauswahl traf auf breites, positives Echo und nur die Aufführungen eines Dokumentarfilm aus Südafrika wurden von Studenten aufgrund seines unverhohlenen Rassismuses so massiv gestört, dass die Vorstellungen abgebrochen werden mussten.

1966: Kino den Cineasten

Das Fernsehen verlangte seinen Tribut. Der Wandel des Kinos weg vom Massenspektakel hin zur 'Kunst' ebenso. 1966 waren die Fans vor den Hotels und Kinos verschwunden. Die Filmmenschen waren unter sich. Und dazu gehörten viele junge Menschen, die sich nun in die Filmsäle drängelten. Der Filmjournalist Enno Patalas forderte zugleich ein Festival des Zuschauers, der Autoren und des neuen Films zu sein – sich aktiv abzusetzen von Cannes und Venedig.

1967: der Osten darf an der Berlinale teil nehmen – außer natürlich der DDR

„Doktor Schiwago“ lief im Berliner Royal Palast, der längst einem Saturn-Medienmarkt-Neubau gewichen ist, drei Jahre. Das Kino war aber auch als Festspielkino vorgesehen und die Organisatoren befürchteten, das Kino stünde ihnen 1967 nicht zur Verfügung. MGM hatte aber ein Einsehen und setzte den Film während der Filmfestspiele aus. 1967 war aber auch das Jahr, in dem die Trägerschaft der Berlinale in eine GmbH überführt wurde, wie 1956 erstmals angedacht. Gesellschafter wurden Land und Bund. Die GmbH-Lösung hatte hauptsächlich einen Zweck: die Teilnahme von Filmen aus Ländern des sozialistischen Bündnisses zu erlauben, was aufgrund der Drei-Staaten-Theorie, nach der Berlin ein eigenständiger Staat sei, nicht möglich war. Ausgenommen gewesen wäre allerdings die DDR. Auf Bitten dieser nahm 1967 trotz Einladung kein Ostblockland an der Berlinale teil. Der große Befreiungsschlag war nicht erfolgt. Die Suche nach einem neuen Profil noch nicht beendet.

1968: Die Beatles waren unerwünscht

Anders als erwartet machte sich 1968 nicht bei der Berlinale bemerkbar. Die bekannteren jungen deutschen Filmemacher konnten die Filmstudenten nicht auf ihre Seite ziehen. Diese warfen ihnen vor sich bereits arrangiert zu haben. Man beschäftigte sich mit sich selbst, anstatt grundlegende Veränderungen hervor zu rufen. Das Festival konnte weiter machen wie bisher. Der erwartete Knall verzögerte sich aber nur um zwei Jahre. Künstlerisch wurde ein Akzent verspielt: Festivalleiter Alfred Bauer hatte „Yellow Submarine“ von den Beatles abgelehnt.

1970: der Anti-Vietnamfilm "O.K." sprengt die Berlinale

1970 krachte es dann mit aller Gewalt: Michael Verhoeven erhitzte mit seinem Anti-Vietnam-Film „O.K.“ am fünften Tag einer bis dahin enttäuschenden Berlinale die Gemüter so sehr, dass es zum Abbruch der Filmfestspiele kam, was gar ihre weitere Existenz in Frage stellte. Jetzt rächte sich, dass man die Strömungen der gesellschaftlichen Veränderungen ignoriert hatte. „O.K.“ erzeugte gemischte Reaktionen wie es bei einem politischen Film üblich ist. Die Jury jedoch wollte den Film mit einem Stimmenverhältnis von 6:3 vom Wettbewerb unter dem Hinweis ausschließen, dass er nicht dem Festivalreglement entspricht, das von den eingeladenen Filmen verlangt, dass sie „zur Verständigung und Freundschaft unter den Völkern beitragen“ sollen. Das jugoslawische Jurymitglied Dušan Makavejev warf der Jurymehrheit Zensur vor. Obwohl die Jury keinen Film ausschließen konnte, eskalierten die Ereignisse, die zum Rücktritt der Jury führten.

1971: Neuanfang?

Das verpatzte 20-jährige Jubiläum wurde von vielen als Stunde Null gewertet. 1971 kam es zu einer der wesentlichsten Neuerungen bei der Berlinale: das „Internationale Forum des jungen Films“ unter Leitung von Ulrich Gregor wurde eingerichtet und zog in seinem ersten Jahr die Aufmerksamkeit auf sich.

1972: wie gehabt: Krach an allen Ecken

Schon im zweiten Jahr erzeugte das 'Forum' eine Spaltung des Berlinale-Publikums, deren Vertreter der harten Linie noch heute existieren: Wettbewerb, also Mainstream oder Forum, also Experimentalfilm? – Das eine schloss das andere aus. Festivalchef Bauer arrangierte sich mit der Zweiteilung des Festivals obwohl er ihr skeptisch gegenüber stand. In der Beliebtheit zumindest lag der Wettbewerb vorerst deutlich vorne. Ungemach drohte aber von einer anderen Stelle: die deutschen Filmexporteure wiederholten mit Nachdruck ihre langjährige Forderung die Berlinale in den Oktober zu verlegen. Davon erhofften sie sich, die Filmmesse attraktiver zu gestalten, mit der man Cannes Konkurrenz machen wollte. Als Gegenvorschlag brachte Alfred Bauer eine Verschiebung in den März oder April ins Spiel.

60 Jahre Berlinale: 1951-1954, 1955-1963, 1964-1972, 1973-1979, 1980-1986, 1987-1994, 1995-2001, 2002-2009

Thomas Steiger, Sabine Felber

Thomas Steiger - Seit Mitte der 80er Jahre schreibe ich über Film und Fernsehen. Erst Filmbesprechungen, dann über die Hintergründe der ...

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