60 Jahre Berlinale - Die Russen kommen

Die Berlinale öffnet sich für die sozialistischen Länder

Die sozialistischen Länder können endlich teilnehmen und gleich kommt es mit "Die durch die Hölle gehen" zum Eklat. Die Jahre 1973-1979.

60 Jahre Berlinale: Ein Überblick über die Jahre 1973-1979 bei den Internationalen Filmfestspielen in Berlin.

1973: Strandbad: 1 – Kino: 0

Der Sommer 1973 machte seinem Namen alle Ehre. Er war heiß und die Berliner zogen das Strandbad dem Kino vor. Die ausbleibenden Besucher machten der prekären finanziellen Lage der Berlinale noch mehr zu schaffen. 1,2 Millionen DM waren als Etat einfach viel zu wenig. Gleichzeitig aber wurden die Forderungen an die Festspiele nach Unterzeichnung des Vier-Mächte-Abkommens und des Grundlagenvertrags lauter, mehr für die Mittlerfunktion zwischen Ost und West zu tun.

1974: Die Russen kommen

1974 kamen die Russen tatsächlich nach Berlin. Der außer Konkurrenz gezeigte „Mit dir und ohne dich“ ist der erste Film aus der Sowjetunion. Obwohl das Auswärtige Amt den Ostblock ursprünglich nicht dabei haben wollte, wurde die Sowjetunion 1958 zum ersten Mal eingeladen. Zuerst ignorierte sie die Einladungen, lehnte sie 1960 dann aber mit dem Hinweis ab, dass man eine Einladung der BRD für West-Berlin nicht annehmen könne, da West-Berlin als eigene politische Einheit nicht zum Hoheitsgebiet der BRD gehöre. Die Amerikaner zeigten sich wie schon 1973 zurückhaltend, weil sie eine Festivalteilnahme – so die Mutmaßung – als kommerziell kontraproduktiv betrachteten.

1975: Die DDR kam, wurde gesehen und siegte

Nachdem 1974 das Eis gebrochen wurde, nahmen im Folgejahr alle sozialistischen Staaten Europas sowie China an der Berlinale teil, die DDR schickt „Jakob der Lügner“ und Ungarn erringt den Goldenen Bären. Gleichzeitig wurden so viele Filme wie nie zuvor von Frauen gezeigt.

1976: Porno oder nicht Porno?

Nach ihrer Zurückhaltung in den Vorjahren kamen die Amerikaner gleich mit fünf selbstkritischen Filmen nach Berlin zurück. Dieses erfreuliche Ereignis wurde aber von einer Aktion der des Amtsgerichts Tiergarten als Highlight der Berlinale 1976 verdrängt: es lässt den Forumsbeitrag „Im Reich der Sinne“ von Nagisa Oshima beschlagnahmen. Noch vor der Berlinale 1975 erschien eine Stellenanzeige. Alfred Bauers Vertrag lief am 30. November 1976 aus. 15 Kandidaten bewarben sich, darunter auch der Forums-Leiter Ulrich Gregor. Ein Findungskommission wurde gebildet, die sich für den Filmjournalisten Wolf Donner entschied, der von der Kommission als Experte um Stellungnahme zu den Bewerbern gebeten wurde und den man daraufhin offenbar aufgefordert hatte sich nachträglich ebenfalls zu bewerben.

1977: Der neue Direktor Wolf Donner setzt neue Akzente

Wolf Donners Akzente waren eine offensivere Werbung für die Berlinale, der Ausbau der Infoschau, die Öffnung der Marktvorführungen für das Publikum und ein neuer Schwerpunkt auf deutsche Filme. Die seit 1951 veranstaltete Retrospektive ging 1977 in die Verantwortung der Stiftung Deutsche Kinemathek über.

1978: Umzug in den Februar

1978 war es vollbracht: die Berlinale war in den Februar umgezogen. Das filmwirtschaftliche Argument gab dabei den Ausschlag: Verleiher konnten ihre Filme gleich im Anschluss auswerten und für die Filmhändler böte die Zeit ebenfalls die besten Möglichkeiten. Gleichzeitig setzt Donner auf einen Kontrast zwischen Cannes und Berlin. 1978 schien das gelungen, denn das Programm – darunter „Deutschland im Herbst“ - versöhnte Alle, die sich gegen eine Verlegung in den Winter gesträubt hatten. In diesem Jahr kam auch das Kinderfilmfest hinzu und auf Initiative von Kanzler Helmut Schmidt wurde der Etat um 500.000 DM erhöht.

1979: Ein neuer Direktor und ein neuer Skandal

Die Filmfestspiele 1979 waren bitter kalt. Eigentlich die beste Voraussetzung, um warm im Kino zu sitzen. Wolf Donner hatte ein Angebot des „Spiegel“ angenommen und war im November als Festivalleiter zurückgetreten. Das Kuratorium des Festivals sprach dieses Mal Personen gezielt an, die es für geeignet hielt. Gleichzeitig sollte durch den erneuten Leitungswechsel eine neue Festivalstruktur etabliert und die Stellung von Forum-Chef Ulrich Gregor gestärkt werden. Das Rennen machte der Schweizer Moritz de Hadeln, der zuvor schon das Festival in Locarno und das Dokumentarfilmfestival Nyon geleitete hatte. Letzteres wurde auch von ihm gegründet. Das Forum wurde 'ausgelagert'. Die Berliner Festspiel GmbH beauftragte die Freunde der Deutschen Kinemathek mit der Durchführung. Eine bis heute gültige Regelung. Und wie schon 1970 kam es über einen Vietnam-Film zum Eklat. „Die durch die Hölle gingen“ führte zum Protest der UdSSR. Das Argument war wohl bekannt: der Film verstieße gegen das Reglement der Berlinale „zum besseren gegenseitigen Verstehen zwischen den Völkern“ beizutragen. Gestört hat die UdSSR die Darstellung des nicht nur von sadistischen Vietcong-Offizieren praktizierten „Russischen Roulette“. In Folge zogen die sozialistischen Staaten ihre Filme und ihre beiden Jury-Mitglieder zurück. Die Berlinale ging weiter. Den Goldenen Bär erhielt „David“ von Peter Lilienthal.

60 Jahre Berlinale: 1951-1954, 1955-1963, 1964-1972, 1973-1979, 1980-1986, 1987-1994, 1995-2001, 2002-2009

Thomas Steiger, Sabine Felber

Thomas Steiger - Seit Mitte der 80er Jahre schreibe ich über Film und Fernsehen. Erst Filmbesprechungen, dann über die Hintergründe der ...

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