60 Jahre Berlinale - Dieter Kosslick übernimmt

Die Berlinale auf dem Weg zum wichtigsten Filmtreffen der Welt

Der neue Direktor Dieter Kosslick übernimmt ein geordnetes Haus und führt die Berlinale in ein neues Zeitalter. Die Jahre 2002-2009.

60 Jahre Berlinale: Ein Überblick über die Jahre 2002-2009 bei den Internationalen Filmfestspielen in Berlin.

2002: Erste Veränderungen für die Zukunft

Dieter Kosslick übernahm ein geordnetes Haus. Es war weder nötig, noch von ihm gewollt, alles neu zu erfinden. So setzte er vorerst auf Kontinuität, behielt aber die Veränderungen der Filmbranche und ihrer Bedürfnisse im Blick. Dazu gehörte auf nationaler Ebene eine verstärkte Funktion der Berlinale als Showcase für deutsche Filme. So wurde die Perspektive deutscher Film mit Alfred Holighaus als Leiter eingerichtet. Gleichzeitig wurde auf eine effizientere Verzahnung und Ergänzung der einzelnen Sektionen geachtet, um dem Festival als Ganzes ein überzeugenderes Profil zu geben. Die Berlinale selbst war im Vorjahr zu einer „Kulturveranstaltung des Bundes“ geworden: Aufgrund der prekären Finanzlage des Landes Berlin hatte die Bundesregierung die Verantwortung für die Berliner Festspiele GmbH und damit auch für die Berlinale übernommen. Das bedeutete größere Planungssicherheit für das Festival und galt als weiterer Beleg für die gesteigerte Bedeutung, die dem Film in der Kulturpolitik zukommen sollte.

2003: Unbequeme Wahrheiten

Der zweite Golfkrieg war im Gange und viele Medienschaffende nutzten die Berlinale um Kritik am Verhalten der US-Regierung zu üben. Viele Filme erhielten durch das politisch aufgeladene Klima eine zusätzliche Brisanz. Auffallend war die Bereitschaft, sich mit „unbequemen Wahrheiten“ auseinander zu setzen. Der Wettbewerb der Berlinale 2003 wurde allgemein als der beste seit Jahren beurteilt und die Presse zollte dem Festival Anerkennung, weil es sich der schwierigen Aufgabe gewachsen zeigte, Entertainment und Politik, Festivalfreude und zeitpolitische Wachsamkeit unter einen Hut zu bekommen. Deutsche Filme waren über alle Sektionen sehr gut vertreten und mit dem Talent Campus wurde eine Initiative für den weltweiten Nachwuchs ins Leben gerufen.

2004: Ein Hamburger Türke sieht für Deutschland

Der deutsche Film feierte mit den Goldenen Bären 2004 einen überragenden Erfolg. Allerdings stammte „Gegen die Wand“ von dem Hamburger Fatih Akin und handelte von in Deutschland lebenden Türken. Daran hatten einige Filmkritiker schwer zu knabbern. Aber der unerwartete Einbruch bundesdeutscher Realität in die sich tagtäglich eingeredete deutsche Fiktion war eben auch Deutschland und deutscher Film. Der Talent Campus hatte sich bewährt und neu hinzu gekommen war der Co-Production Market.

2005: Die Berlinale wächst und wächst

2005 zeigte welche Eigendynamik die Berlinale längst entwickelt hat. Der European Film Market platzt aus allen Nähten. Das Panorama schafft es alle Interessen zu bedienen und dadurch Symbiosen zu erzeugen. Das Festival öffnet sich nach außen und kooperiert mit anderen Kulturveranstaltungen. Es selber führt das Kulinarische Kino ein und richtet den World Cinema Fund ein, mit dem Kino in jenen Ländern unterstützt werden soll, in denen es praktisch keine Filmwirtschaft gibt.

2006: Der Teddy Award wird 20

2006 standen der deutsche Film genauso im Mittelpunkt wie die brisanten Themen der Weltlage. Dieter Kosslick hatte zu Beginn eine Berlinale mit unangenehmen Filmen versprochen und dabei die feste Überzeugung geäußert, dass Film doch etwas bewegen könne.

Der Teddy Award, die Auszeichnung für den Besten Film mit schwul-lesbischer und transidentischer Thematik, feierte sein 20-jähriges Jubiläum. Der European Film Market war in den Martin Gropius Bau gezogen. Das führte in den ersten Tagen zu Problemen, da das Gebäude als Museum und nicht als Messegebäude errichtet war. Doch auch hier arrangierte und gewöhnte man sich mit der Zeit an die Gegebenheiten.

2007: Aus dem Kinderfilmfest wird Generation

Die Zunahme des Interesses an der Berlinale nahm auch auf Zuschauerseite zu und so wurden neue Kinos hinzu genommen. Für den deutschen Film wurde 2007 ein Showcase der „Berliner Schule“ und der beste Erstlingsfilm kam aus der Sektion Generation. So hat sich das Kinderfilmfest zu seinem 30. Geburtstag umbenannt. Dort laufen keinesfalls nur noch Kinderfilme (was den Namenswechsel notwendig machte), sondern auch Jungendfilme, die durchaus auch als Erwachsenenfilme eingestuft werden können und auch werden.

2008: Zu viel Glamour?

Dass die Berlinale es nie allen Recht machen kann, bewies der Wettbewerb 2008. Kaum gab es wieder große und ausreichend Stars – darunter Sha-Ruk Kahn, der auf der Stresemannstrasse die Durchfahrt unmöglich machte – auf den diversen roten Teppichen, beschwerte sich ein Kritiker über zu viel Glamour. Dabei war es auch die Berlinale der Musikfilme und des anspruchsvollen politischen Films, wie nicht nur die Hauptpreise an „Tropa de Elite“ und „Standing Operating Procedure“ bewiesen.

2009: Noch mehr Kinos für noch mehr Publikum

Das Jahr vor dem Jubiläum war mal wieder rein Rekordjahr – auch deshalb, weil es mit dem Friedrichstadtpalast eine neue große Spielstätte gab, wo Galapremieren von Sonderscreenings stattfanden – eine Möglichkeit um dem publikumsaffinen Kino eine Plattform zu geben.

Ausblick:

Als Dieter Kosslick 2002 übernahm, setzte er noch auf Kontinuität. Aber er musste auch handeln. Immerhin wurde von ihm die Quadratur des Kreises verlangt: mehr Glamour, die Huldigung des deutschen Films und nur noch tolle Filme. Zumindest bei den ersten beiden Punkten konnte er seinen Einfluss geltend machen.

60 Jahre Berlinale: 1951-1954, 1955-1963, 1964-1972, 1973-1979, 1980-1986, 1987-1994, 1995-2001, 2002-2009

Thomas Steiger, Sabine Felber

Thomas Steiger - Seit Mitte der 80er Jahre schreibe ich über Film und Fernsehen. Erst Filmbesprechungen, dann über die Hintergründe der ...

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