60 Jahre Berlinale - Endlich A-Festival

Die Internationalen Filmfestspiele Berlin werden erwachsen

Endlich spielt man in einer Liga wie Cannes und Venedig, doch der Erfolg und ausbleibende Veränderungen bringen die Berlinale in Bedrängnis. Die Jahre 1955-1963.

60 Jahre Berlinale: Ein Überblick über die Jahre 1955-1963 bei den Internationalen Filmfestspielen in Berlin.

1955: Cannes greift Berlin an

Die Erfolge Berlins blieben dem Konkurrent in Südfrankreich nicht verborgen. Er griff die Berlinale 1955 mit einer Verlegung vom März auf den Mai an, so dass die Berliner ihren Termin von Anfang auf Ende Juni/Anfang Juli verlegen mussten. Eine weitere Verschiebung ging nicht, weil man sonst zu nahe an Venedig war, das damals noch im August statt fand. Gewinner des – noch immer von einer Publikumsjury vergebenen – Goldenen Bären wurde „Die Ratten“ von Robert Siodmark, womit erstmals ein deutscher Film Anerkennung fand. In den Richtlinien der Internationalen Filmfestspiele Berlin (IFB) wurden zum ersten Mal die Träger des Festivals genannt: „der Senat von Berlin zusammen mit der Regierung der Bundesrepublik Deutschland und in Verbindung mit den Organisationen der deutschen Filmwirtschaft.“ Im selben Jahr erkannte die FIAPF der Berlinale den lange ersehnten A-Status zu. Dies bedeutete, dass das Festival eine internationale Jury einsetzen durfte, wodurch die IFB Cannes und Venedig gleichgestellt wurden.

1956: endlich ein Skandal und: der deutsche Film will einfach nicht gut sein

1956 war ein gutes Jahr um den Erfolg der IFB abzulesen: die Filmmesse konnte Abschlüsse in Millionenhöhe verzeichnen, es nahem 34 Nationen an der Berlinale teil, mehr 1100 als offizielle Teilnehmer, davon über 500 Journalisten – insgesamt ein Verdopplung zu '55. Aber auch die Politik spielte wieder eine Rolle. Das Jubiläum 10 Jahre deutscher Nachkriegsfilm enttäuschte durch Belanglosigkeiten, es gab Streit um Zwei DEFA-Filme, die parallel zur Berlinale gezeigt werden sollten und „Nacht und Nebel“ von Alain Resanis, ein Dokumentarfilm über das KZ Auschwitz wurde gegen den Willen des Auswärtigen Amts in drei Sondervorführungen, eingeleitet mit Worten des Präsidenten des Abgeordnetenhauses Willy Brandt, aufgeführt. Schon zuvor protestierte der deutsche Botschafter in Paris, als der Film in Cannes gezeigt wurde, weil der Film die Gefühle des deutschen Volks verletzen würde. Der Protest führte dazu, dass der Film in Cannes nur in einer Sondervorführung vor ausgewählten Gästen gezeigt wurde.

1957: die Berlinale zieht in den Zoo-Palast der deutsche Film probt den künstlerischen Aufstand

Wenn in diesem Jahr der Zoo-Palast teilweise abgerissen und umgebaut wird, ist das ein trauriger Augenblick für die Filmfestspiele, die 1957 in den frisch errichteten Bau einzogen und ihn als ihr Flaggschiff nutzten. Gleichzeitig nahm die Kritik an dem Ausschluss der Ostblockstaaten an der Berlinale zu und sie wurde um so gewichtiger, da Cannes gerade alle Zugangsbarrieren nieder gerissen hatte und sich mit Karlovy Vary eine starke Konkurrenz zu Berlin entwickelte, an der auch die Amerikaner teilzunehmen gedachten. Das Filmschaffen der Bundesrepublik glänzte mit „Jonas“ von Ottomar Domnick. Der Vierstundenfilm brach gleichermaßen mit dem traditionellen Erzählkino und den auf Mainstream ausgelegten Auswahlkriterien der Berlinale. Dies wurde vom bundesdeutschen Kino als Affront gewertet, weil es nicht den Sehgewohnheiten entsprach.

1959: die Nouvelle Vague kommt um die Ecke

1959 war die politische Gemengelage zwischen Ost und West durch die zweite Berlin-Krise belastet. Davon ließen sich die Filmjournalisten nicht beeindrucken. Wie auch in den Jahren zuvor nutzten sie die Berlinale, um sich vor Ort über das Filmschaffen der DDR zu informieren. Im gleichen Jahr traten in Frankreich junge, unangepasste Filmemacher auf den Plan. Ein gewisser Francois Truffaut hatte in Cannes mit „Sie küssten und sie schlugen ihn“ auf sich aufmerksam gemacht und Berlinale-Leiter Alfred Bauer beobachtete das Treiben im Nachbarland genau. Eingeladen wurde schließlich Claude Chabrol mit „Schrei, wenn du kannst“, der dann auch mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde.

1960: "Filmkunst im Eimer"

Zum 10-jährigen Jubiläum wollte man den großen Wurf landen, aber die Filmauswahl konnte es nicht leisten. „Filmkunst im Eimer“ titelte die Frankfurter Rundschau. Aber galt dies auch für Jean-Luc Godards „Außer Atem“, der zwar beeindruckte, aber trotz des Regie-Bären Jeden ratlos zurück ließ – insbesondere aus heutiger Sicht, wo der Film längst Kultcharakter genießt.

1961: Jayne Manfield und die 'Busen-Berlinale'

Die 60er Jahre begannen mit einer Veränderungen der Paradigmen. Standen bisher die Schauspiel-Stars im Vordergrund wurde inzwischen mehr Gewicht auf die Regisseure gelegt. Für die Zuschauer eine unbefriedigende Angelegenheit. Angeblich waren die Schauspieler einer Einladung Moskaus gefolgt, was mit einer Reise durch die Sowjetunion verbunden war. So hatte Jayne Mansfield das Feld für sich alleine. Ihre 'Großzügigkeit' führte allerdings dazu, dass 1961 als die 'Busen-Berlinale' in die Annalen einging obwohl Filmkunst in diesem Jahr groß geschrieben wurde.

1962: mal wieder: Nichts als schlechte Filme

1962 wurde wieder an der Filmauswahl gemäkelt. Berlins Kritikerlegende Friedrich Luft schlug sogar vor auf den A-Status zu verzichten. Im März war das Oberhausener Manifest verabschiedet worden. Die so begonnen Diskussion um eine Erneuerung des deutschen Films fand auf der Berlinale ihren Widerhall und Weiterführung.

1963: Frontstadt sein, reicht nicht mehr für eine tolle Berlinale

Das 13. Jahr war für die Berlinale ein Krisenjahr. Die Organisation wurde immer schwieriger, der Etat platzte aus allen Nähten, der A-Status, der jährliche Turnus und weitere Aspekte wurden diskutiert in Frage gestellt. Eine Entscheidung wurde ins Folgejahr vertagt. Und zu allem Unglück war dann auch noch ein anderes Thema spannender als das Filmprogramm: der Berlin-Besuch von John F. Kennedy.

60 Jahre Berlinale: 1951-1954, 1955-1963, 1964-1972, 1973-1979, 1980-1986, 1987-1994, 1995-2001, 2002-2009

Thomas Steiger, Sabine Felber

Thomas Steiger - Seit Mitte der 80er Jahre schreibe ich über Film und Fernsehen. Erst Filmbesprechungen, dann über die Hintergründe der ...

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