
- Edward Steichen, erster Kommerz-Fotograf - Museum Folkwang / Steidl
Edward Steichen (1879-1973) gilt als einer der bedeutendsten Fotografen des 20. Jahrhunderts, ohne den die rasante Entwicklung der Fotografie zu einem Massenphänomen kaum denkbar wäre. Als der junge Steichen nach seiner Ausbildung zum Lithographen im Jahr 1899 begann, mit künstlerischen Abzugsverfahren für seine Fotos zu experimentieren, waren Zeit und Technik reif für einen fotografischen Weltmarkt in Kunst und Kommerz.
Edward Steichen – früher Modefotograf, Kriegsfotograf, Bildreporter, Werbefotograf
Immer, wenn es im neuen Jahrhundert einen fotografischen Meilenstein zu setzen gab, war Steichen dabei: als einer der ersten Modefotografen, als vermutlich erster Kriegsfotograf der Welt (er schoss für die US-Army vor allem Luftbilder der Bodenbewegungen deutscher Truppen), als früher Bildreporter für Magazine des Condé Nast Verlages (Vanity Fair, Vogue), als Prominentenfotograf, als Pionier der Werbefotografie. Die letzten Jahre und Jahrzehnte seiner Karriere widmete er sich kuratorischen Aufgaben. Seit 1946 arbeitete er als Direktor des Department of Photography im New Yorker Museum of Modern Art (MoMA). Selbst, wer ihn nicht namentlich kennt, hat schon einmal von seiner legendären Ausstellung "Family of Man" gehört, die Steichen 1955 im MoMA lancierte und die heute als Dauerschau in Luxemburg zu sehen ist.
Fotoserie "Great Men" mit Auguste Rodin
Eigentlich war Edward Steichen gebürtiger Luxemburger, seine Familie wanderte mit dem Zweijährigen 1881 in die USA aus. Richtig eingebürgert wurde Steichen allerdings erst 1900 – dem Jahr seiner ersten Parisreise. Hier beginnt seine eigentliche Laufbahn, er fotografiert die Serie "Great Men" mit Porträts von Künstlern, darunter Auguste Rodin. Bereits 1904 experimentiert er mit Farbfotografie, die ersten Modefotos publiziert er 1911. Steichen liebte Frankreichs Norden, wohin er immer wieder zurückkehrte, vor allem in die Gegend östlich von Paris an der Marne in das Dorf Voulangis, wo die Familie Steichen ein Haus besaß, ein bedeutender Schauplatz der Kämpfe im Ersten Weltkrieg.
"Celebrity Design" im Museum Folkwang
Wie Ute Eskildsen, die Leiterin der Fotografischen Sammlung des Museums Folkwang in Essen in dem Katalog und Bildband zur Ausstellung "Celebrity Design" berichtet, bekam das Museum 1979 einen kleinen, aber repräsentativen Teil aus dem Nachlass Steichens. Etwa 2.000 von 6.000 Fotografien wurden 23 internationalen Sammlungen gestiftet, den Hauptteil erhielt das George Eastman House in Rochester /USA. Dem Museum Folkwang wurde eine Kollektion von 65 Fotografien gestiftet, vor allem Porträts und Modofotografien der 1920er und 1930er Jahre.
Bildband der Folkwang-Exponate von Edward Steichen
Erstmals zeigen die Essener Kuratoren einige Wochen über den Jahreswechsel 2010/2011 die gesamte Schenkung. Vor allem aber dokumentierten sie diese Exponate in einem Katalog. Schau und Buch wurden um einige Werke europäischer Zeitgenossen Edward Steichens, vor allem zeitgleich entstandene Atelierarbeiten.
Gebrauchsfotografie als kommerzielle Kunst anerkennen
Zur Bildästhetik Steichens und der neuen künstlerischen Sparte der Celebrity-Fotografie des frühen 20. Jahrhunderts schrieb die Kuratorin der Essener Ausstellung, Petra Steinhardt, einen sehr dichten und informativen Essay. Sie stellt darin nicht nur Steichens fotografische Visionen der verschiedenen Lebens- und Arbeitsphasen als kommerzieller Künstler dar, sondern bettet diese in die internationale Entwicklung der Magazin-, Mode- und Prominentenfotografie ein. Fast beiläufig vermittelt sie dem Leser einen historischen Abriss der modernen Fotografiegeschichte und gibt Einblicke in die Fotokunsttheorie, indem sie "Steichens vehementen Einsatz für die Anerkennung der Gebrauchsfotografie als kommerzielle Kunst" schildert.
Fotoinszenierungen mit Prominenten
Der Hauptteil des Bildbandes zeigt auf fast 80 Seiten wunderbare Aufnahmen, fast alle in schwarz-weiß. Viele Namen der abgelichteten Prominenten werden uns heute nichts mehr sagen. Dass die Porträts allerdings in mühsamer Kleinarbeit als komplizierte Inszenierungen mit Lichtregie, Requisitenwahl, einstudierter Mimik und Gestik entstanden, das erkennt auch der kunsthistorische Laie, und das macht den außergewöhnlichen Wert dieser "Gebrauchskunst" aus.
Greta Garbo, Marlene Dietrich, Charlie Chaplin fehlen leider
Petra Steinhardt scheint eine grundehrliche Person zu sein, denn sie macht in ihrem Essay kein Hehl daraus, dass in Essen nicht die "Ikonen der Bildgeschichte" aus Steichens Schaffen lagern: Greta Garbo, Gloria Swanson, Marlene Dietrich, Charlie Chaplin, Gary Cooper sind nicht dabei. Ein klares Wort. Der Bildband "Celebrity Design" ist auch so exzeptionell gut.
Edward Steichen: Celebrity Design. Fotografische Sammlung Museum Folkwang. Edition Folkwang / Steidl Verlag 2010. Gebunden. 117 Seiten. 28,00 Euro.
Die Ausstellung "Edward Steichen – Celebrity Design" ist im Museum Folkwang bis zum 16. Januar 2011 zu sehen.
