"A Serbian Film" (2010) - eine kritische Analyse

Cover A Serbian Film (2010) - Contra Film
Cover A Serbian Film (2010) - Contra Film
Die Frage, wie weit ein Film gehen darf, um eine Botschaft zu transportieren, dürfte sich nur in wenigen Fällen deutlicher stellen als bei "A Serbian Film"

"A Serbian Film" (Originaltitel: Sprski film) ist ein Film des serbischen Regisseurs Srdjan Spasojevic, der damit sein Regiedebüt vorlegte. Erschienen ist der Film im Jahr 2010, das Drehbuch schrieb Aleksandar Radivojevic zusammen mit dem Regisseur. Bei dem Werk dürfte es sich wohl um einen Anwärter auf den Thron des am kontroversesten diskutierten Films des 21. Jahrhunderts handeln. Selten mag die Frage, wie weit Kunst gehen darf, dem Rezipienten schneller in den Sinn kommen als bei diesem Film, dessen Titel auch kaum provokanter gewählt sein könnte.

Alternder Pornostar bekommt eine letzte Chance

Die Geschichte von "A Serbian Film" wirkt dabei nicht wirklich inspiriert oder gar innovativ. Der alternde Pornodarsteller Miloš (Srdjan Todorovic) lebt ein eigentlich harmonisches und zufriedenes Leben mit seiner Frau Marija (Jelena Gravrilovi) und dem sechsjährigen Sohn Petar. Wenn da nicht das liebe Geld wäre, das Miloš nur sporadisch durch drittklassige Produktionen hereinbringt, und dann doch wieder ständig zu knapp ist. Von seiner ehemaligen Kollegin Lejla (Katarina Zuti) bekommt er dann ein Angebot, das wie die Eintrittskarte in ein sorgloses Leben aussieht: für den mysteriösen Produzenten Vukmir (diabolisch: Sergej Trifunovic) soll er einen völlig neuartigen Pornofilm drehen. Mit seinem Lohn hätte Miloš ausgesorgt, die einzige Bedingung ist, dass er vor dem Dreh nichts über das Skript erfahren darf - da nun die Handlung eines Pornos ohnehin sekundär zu sein scheint, das Geld üppig ist und der Job insgesamt leicht erscheint unterschreibt Miloš den Vertrag.

Vertrag mit dem Teufel - "A Serbian Film" ist keine leichte Kost

Nun wäre Miloš nicht der erste, der einen Deal mit dem Teufel eingeht, ohne dies vorher zu wissen. Und so überrascht es den Zuseher dann nicht zu sehr, dass der diabolische Vukmir nebst seinem paramilitärisch gekleidetem Personal mehr als nur Übles im Sinn hat. Bereits die erste Szene, die Miloš zu drehen hat, zeigt, dass es sich nicht um einen "normalen" Erwachsenenfilm handelt. Zu brutal ist die Szene, das dabei zusehende Kind irritiert Miloš enorm und er kann sie nur unter Druck eines Security-Mannes von Vukmir beenden. Schön anzusehen ist das nicht. Miloš will daraufhin aussteigen. Er wird jedoch von einer Ärztin, die für Vukmir arbeitet, verführt und erwacht daraufhin orientierungs- und erinnerungslos - allerdings drei Tage später.

Gewalt zum Selbstzweck? Ist "A Serbian Film" ein Gewaltporno?

Eine Definition von Pornographie beschreibt diese als direkte Darstellung des menschlichen Sexualakts mit dem Ziel, den Betrachter sexuell zu erregen. Analog hierzu wäre ein Gewaltporno dann die Darstellung von Gewalt mit dem Ziel der Erregung des Konsumenten - Gewalt also als reiner Selbstzweck. An Gewalt reich ist "A Serbian Film" zweifellos. Ebenso - sicher dem Milieu geschuldet, in dem der Film spielt - sind pornographische Handlungen zu sehen, teils in abartiger, widerlicher Art, teils aber auch, nun, man mag es konventionell nennen. Handelt es sich nun hier um einen Gewaltporno - oder dienen die dargestellten Szenen einem höheren Zweck, der den Film auf eine künstlerisch wertvolle Ebene hievt? Und nicht zuletzt die Frage: was hat das Gezeigte eigentlich mit Serbien zu tun?

Unglückliche Betitelung bei edler Intention - "A Serbian Film"

Die jüngere serbische Geschichte ist sicherlich nicht die einfachste. Das Land, wie auch die übrigen ehemals jugoslawischen Länder, sind durch einen langjährigen Bürgerkrieg, der mit Menschenrechtsverletzungen, Gräueltaten aller Art und dem leider ganz normalen Wahnsinn eines bewaffneten Konflikts einherging, zermürbt, aufgerieben und müssen einen Neuanfang Schritt für Schritt gehen. Nun fehlt leider das Geld, das etwa Nachkriegsdeutschland durch den Marschall-Plan bekommen hat, um auf dem Balkan ein Wirtschaftswunder installieren zu können. Sicherlich mögen Zyniker anmerken, fehlt etwa Serbien auch die strategische Bedeutung eines Deutschlands der 1950er Jahre - als Bollwerk gegen den "großen Feind" der Amerikaner, dem Kommunismus. Nun ist sicherlich alleine aus diesem Grund kein Eitel-Sonnenschein-Kino à la Heinz Erhardt vom Balkan zu erwarten. Ob es allerdings sinnvoll ist, einen derart verstörenden, düsteren und im Grunde genommen einfach nur verabscheuungswürdigen Film quasi dem eigenen Volk zu widmen, darf durchaus in Frage gestellt werden. Schließlich handelt es sich bei den Serben keineswegs um eine degenerierte, perverse und abgründige Gesellschaft!

Verarbeitung des Bürgerkriegs in "A Serbian Film"?

Ebenso fraglich bleibt die These, ob "A Serbian Film" als Aufarbeitung des Wahnsinns des Krieges verstanden werden kann. Sicherlich, auch filmische Psychotherapien wie "Full Metal Jacket" (1987) oder "Platoon" (1986) sind nicht einfach zu verdauen - auch ein Bild wie Picassos "Guernica" (1937) ist schwere Kost. Allerdings stehen in jenen Fällen stets die Kriege im Mittelpunkt. Bei "A Serbian Film" wird dagegen eher eine völlig aus den Fugen geratene Gesellschaft präsentiert, in der die Stimulierung nur noch über Extreme funktioniert, weil sie ansonsten zu abgestumpft ist - allerdings sicherlich auch wegen des Bürgerkriegs. Warum in dieser Konsequenz allerdings Dinge wie Folter, Mord, Pädophilie und Inzest als Indikator für den zu verarbeitenden Horror eines Krieges herhalten müssen, darf auch in Frage gestellt werden.

Fazit: ist "A Serbian Film" nun sehenswert oder nicht?

Am Ende des Tages bleibt stets das Fazit. Und das ist im Falle des Films von Srdjan Spasojevic kein einfaches. Sicher - handwerklich und technisch ist der Film auf allerhöchstem Niveau anzusiedeln. Auch die schauspielerischen Leistungen sind beeindruckend - zumal einige der renommiertesten serbischen Schauspieler für das Werk gewonnen werden konnten. Zudem ist die Geschichte, so pervers sie auch sein mag, eine, die den Konsumenten zum Nachdenken bringen wird. Es ist durchaus oft so, dass Filme beworben werden, den Zuschauer als veränderten Menschen aus der Vorführung gehen zu lassen. Im Falle von "A Serbian Film" ist dies definitiv der Fall. Und man wünscht sich, dass viele Menschen diesen Film sehen, darüber reflektieren und wieder vermehrt über den Sinn des Lebens, das Glück einer funktionierenden Gesellschaft und den Wert von persönlichem und gesellschaftlichen Frieden nachdenken. Wenn "A Serbian Film" das schafft, sei ihm sogar die für die serbische Bevölkerung äußerst negative Betitelung verziehen. Einen Eindruck über Land und Leute kann man sich ohnehin nur persönlich vor Ort verschaffen. So gesehen also: Daumen hoch, wenn auch mit argen Magenschmerzen.

Wolfgang Weitzdörfer, Fotostudio Sabine Winkler

Wolfgang Weitzdörfer - Werdegang Abitur 1996Ausbildung zum Heilerziehungspfleger 1998-2001Berufstätigkeit 2001-20082008 - 2011: Studium BA ...

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