Radu Mihaileanu gelang 1998 mit „Zug des Lebens“ das delikate Kunststück, eine Komödie über Nazis und den Holocaust zu drehen. Der Film verstand es, zugleich zu unterhalten und betroffen zu machen. Sein neuer Film „Das Konzert“ widmet sich erneut einem totalitären Regime und nimmt den Kommunismus und die moderne Sowjetunion auf die Schippe. Wieder gelingt es dem rumänisch-französischen Regisseur, Komik und Tragik zu einer anrührenden Geschichte zu verbinden. Tschaikowskys Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 35 spielt dabei eine zentrale Rolle.

Die Handlung des Films „Das Konzert“: Ein gedemütigter Dirigent und seine zweite Chance

Vor 30 Jahren war Andrej Filipov (Alexej Guskov) der berühmte Dirigent des legendären Bolschoi Orchesters. Weil er sich weigerte, die jüdischen Musiker zu entlassen, wurde er zum Putzmann degradiert. Als ihm ein Fax des Pariser Théatre du Chatelet in die Hände fällt, die einen Auftritt anbieten, sieht er das als Chance, die Demütigung wiedergutzumachen. Er steckt das Fax ein und macht sich mit Hilfe seines besten Freundes Sacha (Dmitri Nazarov) auf die Suche nach seinen alten Musikerkollegen, die in alle Winde verstreut sind und sich mit allen möglichen Jobs durchs Leben schlagen. Selbst sein ehemaliger Manager, ein linientreuer Altkommunist, der ihn damals verriet, ist mit von der Partie. Trotz aller Widrigkeiten schafft es die chaotische Truppe, nach Paris zu reisen. Auch Filipovs Bedingung, dass die Stargeigerin Anne-Marie Jacquet (Mélanie Laurent) den Solopart in Tschaikowskys Konzert für Violine und Geige übernehmen soll, erfüllt sich. Große Erwartungen lasten auf dem Konzert: das Theatre de Chatelet will sich damit sanieren, der russische Sponsor will sich mit einer eigenen Liveübertragung profilieren und Filipov will eigentlich eine alte Schuld abtragen. Aber in Paris geht alles schief, jeder verfolgt seine eigenen Pläne und das Konzert droht ein Desaster zu werden.

Mihaileanus Helden: Humor und Täuschung als Notwehr

Mihaileanus Filme handeln von jüdischer Geschichte, von Underdogs, die sich mit Witz gegen ihre Unterdrücker wehren und von Täuschung, die letztendlich zur Wahrheit führt. In „Zug des Lebens“ (1998) waren es Juden, die ihre eigene Deportation inszenierten, um der durch die Nazis zu entgehen. In „Geh und lebe“ (2005) war es ein Junge, der mit falscher jüdischer Identität in ein besseres Leben nach Israel flüchtete. Auch in „Das Konzert“ wird gelogen, betrogen und verschwiegen, schon in der ersten Einstellung, wenn die Kamera aufzieht und den vermeintlichen Dirigenten als Putzkraft entlarvt. Ein falsches Bolschoi Orchester, eine falsche Familiengeschichte, gefälschte Finanzen, Pässe… der Film „Das Konzert“ ist gespickt mit Schwindeleien. Aber sie geschehen nicht aus Bösartigkeit, sondern aus Notwehr gegen die humorlosen Machthaber.

Der subversive Witz, mit dem sich die Unterdrückten wehren, zeigt die Lächerlichkeit der Unterdrücker: Parteifunktionäre, die sich von bezahlten Claqueuren bejubeln lassen, Mafiamillionäre, die sich gegenseitig mit geschmacklos eingerichteten Villen und protzigen Feiern auszustechen versuchen… Auch der westliche Kulturbetrieb kriegt sein Fett weg, wenn es mehr um Finanzen als um Kunst geht. Im Kontrast zu den modernen und kühlen Franzosen inszeniert Mihaileanu die Russen als rührend anachronistische Truppe mit viel russischer Seele.

„Das Konzert“: Musik als Sinnbild und dramaturgische Struktur

„Das Konzert“ ist nicht nur eine Komödie und eine Tragödie, sondern auch ein Musikfilm. Wie in einem Musikstück ist auch die Dramaturgie durchkomponiert. Das Orchester steht sinnbildlich für das Zusammenleben der Menschen. So unterschiedlich die Instrumente sind, im Zusammenspiel entsteht daraus ein Kunstwerk. Aber nur, wenn die Musiker auch bereit sind, sich den Anweisungen des Komponisten unterzuordnen, entsteht daraus ein harmonisches Ganzes. Das Crescendo des Films ist die zwölf Minuten lange Aufführung des (gekürzten) Tschaikowsky-Stückes. In dem hochemotionalen Finale verschmelzen Musik und Handlung, Sologeige und Orchester, Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft zu der absoluten Harmonie, von der Filipov immer träumt. Tschaikowsky schrieb sein einziges Violinkonzert, nachdem er sich von einer schweren Lebenskrise erholt hatte. In „Das Konzert“ finden die Protagonisten die Erlösung, Vergebung oder Wiedergutmachung, auf die sie so lange gewartet haben.

„Das Konzert“: herzergreifende Tragikkomödie und Musikfilm

„Das Konzert“ ist ein Film für Augen, Ohren und Herz. Komödie und Drama halten eine gut ausgewogene Balance. Mihaileanus Humor bleibt immer menschenfreundlich, auch wenn er alle ethnischen Klischees bedient. Zur vergnüglichen Farce gerät seine Darstellung des nachkommunistischen Russland. Hinter allem Humor schimmert aber auch die Tragik hervor, aus der Mihaileanu die dramatische Nebenhandlung strickt. Der Filmemacher konnte hochkarätige Schauspieler aus Frankreich und Russland verpflichten, besonders ragen Alexei Guskov als Filipov und Dmirtri Nazarov als Sacha heraus. Natürlich ist es auch ein Film für die Ohren. Das mitreißend inszenierte Finale, gespielt vom Budapester Symphonie Orchester, macht auch Leuten Lust auf Klassik, die sich sonst nicht dafür interessieren.

Das Konzert. Frankreich 2009. Concorde Film. 122 Min. Regie: Radu Mihaileanu. Deutscher Filmstart: 29. Juli 2010