Abbrüche an der Küste von Rügen

Abbruchstelle - Pia Helfferich
Abbruchstelle - Pia Helfferich
Die Kreidefelsen von Rügen stürzen ins Meer und lassen die Insel rein rechnerisch jedes Jahr kleiner werden. Warum das so ist, erläutert dieser Artikel.

Rügen, Deutschlands größte Insel, ist bekannt für ihre Kreidefelsen. Strahlend weiß und bizarr geformt ragen sie über der Ostsee auf, leuchten rötlich im Sonnenaufgang und locken Jahr für Jahr zigtausende Besucher auf die Insel, die auf den Tourismus wirtschaftlich sehr angewiesen ist. Doch dass ihre Insel aus Kreide gebaut ist, ist für die Rüganer nicht nur ein positiver Aspekt, sondern gleichzeitig auch ein Grund zur Sorge, denn ihre Insel weicht auf, bröckelt und bröselt und wird immer kleiner. Statistisch weicht Rügens Küste jedes Jahr einen halben Meter zurück.

Rügen im Laufe der Erdgeschichte

Die Ursachen dafür liegen lange, lange zurück. Vor 67 Millionen Jahren bedeckte ein Meer ganz Nordeuropa, die Kreide lagerte sich damals auf dem Meeresboden ab. Sie besteht aus Sedimentgestein und Schalen von fossilen Kleinlebewesen. Gewaltige Spannungen in der Erdkruste türmten die Kreideschichten anschließend zu einem Gebirge aufeinander, die großen Vereisungen der Eiszeit, die - mit Unterbrechungen - 500.000 Jahre dauerten, sorgte durch Abschleifung für die weitere Formung. Ihre Gletscher schürften unter anderem das Bett der heutigen Ostsee. Wenn wir heute auf dem Felsen namens Königsstuhl stehen, befinden wir uns auf der aktuell höchsten Erhebung des Kreidegebirges. Kreide und Wasser sind keine haltbare Kombination. Niederschlag, Frost und Brandung verursachen eine Erosion, die stückweise die Kreide absprengt und abträgt. Das ist ein völlig natürlicher Prozess.

Abbruch der Steilküste

Den Inselbewohnern kommt es allerdings so vor, als würde sich das Ausmaß der Küstenabbrüche mehren. Im Februar 2005 brachen die berühmten Wissower Klinken ab. Diese Felsformation galt als ein Wahrzeichen der Insel und es wurde immer wieder spekuliert, ob Caspar David Friedrich nicht vielleicht dort sein berühmtes Bild der Kreidefelsen gemalt haben könnte. Im März 2011 ereignete sich ein großer Steilküstenabbruch in der Nähe von Sassnitz und im August stürzte wieder ein Teil der Küste auf einer Breite von 80 bis 90 Metern ins Meer. Experten schätzen, dass es sich dabei um 30.000 bis 150.000 Kubikmeter Kreide handelte.

Menschen vergrößern das Problem

Ohne diese Abbrüche wäre die Küste weniger eindrucksvoll geformt und auch nicht so strahlend weiß. Meldungen über die gewaltigen Massen, die ins Meer stürzen, könnten aber auch Touristen davon zurückhalten, die Insel zu besuchen, denn die Gefahr ist offensichtlich. Auch andere Verluste sind zu beklagen, so ist, wie die Neue Züricher Zeitung berichtete, durch den Abbruch im März ein Schuppen in den Abgrund gestürzt und ein Haus muss abgerissen werden. Die Erosion ist zwar ein natürlicher Prozess, doch die damit verbundenen Probleme werden von menschlicher Hand verstärkt. Flächenversiegelung lässt das zusammengeführte Oberflächenwasser reißender strömen, das Abholzen von Bäumen ermöglicht zwar einen Meerblick, nimmt der Küste jedoch den Schutz und die Stabilität, für die die Bäume sorgen können. Schon früh wurden die der Küste vorgelagerten Findlinge teilweise entfernt, die als natürliche Wellenbrecher dienten, um sie für Hafenausbauten zu verwenden.

Auch das Wetter der letzten Jahre sorgte für ideale Abbruchbedingungen. Die kalten Winter haben Frostsprengungen zur Folge und die regenreichen Sommer weichen die Kreide auf. Wenn durch den Klimawandel der Meeresspiegel steigt und die Brandung stärker wird, werden noch viel größere Küstenabbrüche, als wir sie bisher kennengelernt haben, an der Insel nagen.

Neue Anlagerungen

In geologischer Hinsicht ist Wehmut nicht angebracht. Rügen wird zwar langsam abgetragen, das Material wird sich jedoch an anderer Stelle neu anlagern, ein zweites Rügen wird quasi entstehen. Sehr schön beobachten lässt sich das am Beispiel der kleinen Schwesterinsel Hiddensee. Das Material, das im Norden abgetragen wird, lagert sich bereits als die Landzungen Altbessin und Neubessin im Osten wieder an. Beim bisherigen Abbruchtempo wird Rügen noch mehrere zehntausend Jahre lang erhalten bleiben. Zeit genug, um diese schöne Insel zu besuchen und zu durchwandern.

Quelle:

  • Joachim Güntner: Abbruch macht die Küste schön, in: NZZ online, 19.09.2011.
Pia Helfferich, Pia Helfferich

Pia Helfferich - Pia Helfferich ist Autorin und schreibt nebenher Rezensionen und Artikel für die Zeitschriften Federwelt, TextArt und Buchkultur. Sie ...

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