ABC - art berlin contemporary: 2011

André Thomkins - Kunsthandel Wolfgang Werner
André Thomkins - Kunsthandel Wolfgang Werner
Die Ausstellung am Gleisdreieck dauert vom 7. bis 11.September 2011. 130 Künstler aus aller Welt zeigen ihre Werke, bei der Eröffnung war der Trubel groß.

Statt einer Messe, wie es im Art Forum üblich war, wird bis Sonntag eine Großausstellung mit Event-Charakter präsentiert. Zwei Hallen des einstigen Postfuhrwerks wurden vom Architekten Jan Ulmer dermaßen präpariert, dass die Initiatoren und Verantwortlichen (Jochen Meyer und Joanna Kamm) den eingeladenen renommierten Galerien ein geeignetes Ambiente bieten konnten. Von der Kuratorin Rita Kersting wurden vor allem Künstler ausgewählt, die sich mit der zeitgenössischen Malerei beschäftigen – dazu gehören neben Gemälde auch Installationen, Fotos und Videos. Ohne Zweifel, die Leinwand dominiert – das wird recht bald deutlich. Nach der Selbstabschaffung des Art Forums, nicht zuletzt wegen monetärer Minimalgewinne, erhoffen sich die ABC-Macher nun vergleichsweise mehr Kauffreudigkeit.

Stimmungen und Assoziationen

Dass ‚zeitgenössisch’ ein dehnbarer Begriff ist, beweisen die Bilder des 1985 verstorbenen Schweizers André Thomkins, dessen Werke zwar nicht mehr aktuell, aber heute noch bedeutsam sind. Bei seinem Lackskin-Verfahren legte er Bilder auf Wasser und gab Lackfarbe hinzu, die er dann auf der Bildoberfläche mit verschiedenen Kleingeräten manipulierte. Die Methode ist ein kontrollierter Zufall, der eben wegen der bewussten Ausformung zu interessanteren Ergebnissen führte als bei Vertretern des Abstrakten Expressionismus, etwa Wols. Das Bild Perspekt I besitzt mit seinen orangenfarbenen Schattierungen ein magisch glühendes Kolorit, das mehr Atmosphäre schafft als psychedelische Kunst. Ebenfalls verstorben ist Jochen Klein (1967 – 1997), der im Gepäck der Galerie Bucholz posthum auftritt, und das mit Bildern, die vor allem Stimmungen und Assoziationen erzeugen wollen. So schweben seine Werke, die in den seinen letzten Jahren zum Figurativen tendierten, zwischen Raffinement und provinzieller Idyllen-Romantik.

Architektonische Visionen und groteske Szenen

Die polnische Galerie ZAK BRANIKA stellt ihren Künstler Pawel Ksiazek vor, der eine fantasievolle Neuschöpfung der Vergangenheit als Utopie-Entwurf anvisiert. In der Serie Silent Utopia greift Ksiazek Elemente des 20er Jahre Stummfilms von Fritz Lang auf und verknüpft sie mit ambitionierten Gebäudekomplexen, wie sie in New York in den 30er Jahren entstanden. Eine Künstlerin ganz eigener Art ist die in New York lebende Russin Dasha Shishkin, die mit kräftigen Farben, grotesken Szenen und libidinös aufgeladenen Verrenkungen aufwartet. Bunt sind die Farben, scharf die Kontraste und schrill die Effekte. Zu ihren Arbeitsmaterialien gehören zerrissenes Papier, Tapeten und ähnlich Fundstücke, die sie mühelos integriert in ihre phantastischen Ausflüge und fetischistischen Schelmenstreiche. Die Mailänder Galerie Gio Marconi präsentiert das schwer decodierbare Werk der Russin. Gelegentliche Wärmeaufwallungen liegen nicht nur an den ausgestellten Exponaten – wo viele Menschen sind, staut sich auch die Wärme, und so sieht man immer wieder Besucher, die ins Freie zu strömen. Draußen ist ein kleiner Ballungsraum, sitzen Leute auf plumpen Holzbänken: würde nicht das Schild Grill Royal auftauchen, wäre, abgesehen von der Kleidung, nicht der geringste Unterschied zu einem Imbissstand bei einem Rockfestival festzustellen.

Monochromie, kühne Arrangements und Realismus

Wahrscheinlich saßen die Freunde der Galerie Anselm Dreher gerade im Grill Royal, denn vor den vier monochromen Bildern von Heimo Zobernig war bei der Eröffnung die bis dato ruhigste Ecke. Vier verschiedene Farbbilder sind es, die in der Videotechnik als Hintergrund eingesetzt und dann durch Montagematerial gefüllt werden. Neben der Bilderserie hängt links ein Video, in dem ein nackter Wand auf einem Hochhausplateau sein Durchschnittsgenital spazieren führt. Leider viel zu kurz lebte Anna Oppermann (1940 – 1993), die rasch reüssierte, auf der Documenta 6 und 8 vertreten war und jetzt von der Berliner Galerie Barbara Thumm vorgestellt wird. In ihren großflächigen Ensembles verwandte sie verbrauchte Gegenstände wie Holz, Glassplitter und Stofffetzen, um eine – mythisch überhöhte – Alltagsrealität darzustellen, die auch einen Mitteilungscharakter hat und einem Konzept verpflichtet ist. Selbstbezogene Erkundungen baute Oppermann in umfassende Arrangements ein, in denen auch zentrale Gegenwartsthemen Eingang fanden. Sehr realistisch hingegen geht es bei Almut Heise zu: die 66-Jährige malt klar fassbare Figuren, die wegen ihrer leichten Erkennbarkeit durchaus politikerkompatibel sind. Ihr Anspruch ist es, mit den Mitteln des Realismus eine Ahnung des Unmöglichen hervorzurufen.

Künstler aus verschiedenen Kontinenten

Angesichts der Dominanz von Leinwänden mag es für den einen oder anderen Besucher erfrischend sein, eine Ansammlung echter Motorräder begutachten zu können. Eine Frau ging sogar in die Knie, um einen Motor fotografieren zu können. Mit Holz und Papier arbeitet der von der Wiener Galerie Mezzanin gezeigte Künstler Michael Hakimi, der mit seiner Installation ein spezielles urbanes Raumgefühl herzustellen vermag. Neben überzeugenden Arbeiten von Alex Hubbard und Bernd Ribbeck finden sich auch formalistische Gemälde von Serge Alain Nitegeka, dem Künstler aus Johannesburg, vom dem leider keine, das Migrationsproblem behandelnde Installationen zu sehen sind. Auch das Reich der Mitte wird nicht übergangen, und zwar in Gestalt von Liu Wei, der zu jenen arrivierten Chinesen gehört, die heute in keiner namhaften Sammlung fehlen. Insgesamt verschafft die Ausstellung einen guten Überblick, ob sie allerdings für die Veranstalter auch ein monetärer Erfolg wird, wird sich noch zeigen.

ABC – art Berlin Contemporary

Luckenwalder Str. 4-8

10963 Berlin

7. - 11. September 2011

Bildnachweis: © André Thomkins/Kunsthandel Werner

Steffen B. Kassel, Steffen B. Kassel

Steffen Kassel - Magister in Germanistik, Geschichte und Philosophie (1994) Relevante Stationen: Auswertung von Fernsehsendungen (Institut für ...

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