Abgezockt und dann abgeschoben - die moderne Zeitarbeit

Bin Zeitarbeiter - Egon Häbich / pixelio.de
Bin Zeitarbeiter - Egon Häbich / pixelio.de
Die Wirtschaft boomt. Zeitarbeitsfirmen profitieren am meisten - reguläre Arbeitsverhältnisse im Abwärtstrend. Forderung nach Equal Pay.

Seit dem 7. August 1972 gibt es erstmalig eine Regelung der Arbeitnehmerüberlassung in Deutschland durch den Erlass des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes (AÜG). Da war die Überlassungsdauer für einen Leiharbeiter jedoch zeitlich begrenzt. Verleiher dürfen heute Leiharbeiter einem Entleiherbetrieb zeitlich unbegrenzt überlassen. Früher geltende Beschränkungen sind seit dem 1. Januar 2004 nämlich weggefallen, was de facto eine deutliche Verschlechterung des Status Leiharbeiter bedeutet. Theoretisch gilt, dass dem Leiharbeiter die gleichen Konditionen wie dem fest angestellten Mitarbeiter des Kundenbetriebs geboten werden. Ausgehebelt wurde dieser Grundsatz jedoch durch den Abschluss von "Tarifverträgen" wie dem Interessenverband Deutscher Zeitarbeitsunternehmen (iGZ). Die deutlich schlechtere Bezahlung der Leiharbeitnehmer ist nun zum Regelfall geworden.

Forderung nach Equal Pay

Zur Schwächung der Position der Leiharbeiter und zur Stärkung der Position der Verleiherfirmen hat die Hartz IV Gesetzgebung beigetragen, durch die Arbeitssuchende gezwungen sind, auch deutlich schlechter bezahlte Arbeitsangebote anzunehmen. Seitens der Gewerkschaften wird deshalb auch prekären Beschäftigungen wie der Zeitarbeit der Kampf angesagt. Noch katastrophaler wird nach Auffassung der Arbeitnehmervertretungen das Los der fast einer Million Leiharbeiter in Deutschland, wenn im Dezember 2011 die EU-Richtlinie Zeitarbeit endgültig in allen Mitgliedsstaaten in Kraft tritt. Dann sind dem Lohn-Dumping Tür und Tor geöffnet.

Entgegen der in vielen Kreisen verbreiteten Meinung, dass über Zeitarbeit überwiegend Personen mit geringen Qualifikationen einen Arbeitsplatz finden, ist diese Art der Beschäftigung in allen Branchen zu finden. Fachkräfte wie Bilanzbuchhalter und Fremdsprachenkorrespondenten sind ebenso betroffen wie Diplom-Ingenieure. Besonders ältere Menschen mit sehr guten Qualifikationen finden fast ausschließlich nur über diese Beschäftigungsform noch einen Job.

Die Wahrheit über die Zeitarbeit

Laut einer Studie des IAB (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung) gelingt der Schritt von der Leiharbeit zu einer konventionellen Beschäftigung nur einem kleinen Teil vorher arbeitsloser Personen für einen Zeitraum von zwei Jahren nach der Überlassung. Die Zeiten der Leiharbeitsfirma als Sprungbrett für Quereinsteiger oder Menschen mit längeren Auszeiten wie Kindererziehung sind lange vorbei. Und zur Debatte über eine gleiche Entlohnung für gleiche Arbeit fällt der Koalition lediglich ein, dass ein Leiharbeitnehmer nach sechs bis zwölf Monaten im Entleiherbetrieb in Bezug auf das Gehalt den regulär Beschäftigten gleichgestellt werden soll. Eine Farce in Anbetracht der Tatsache, dass ein Leiharbeiter von heute auf morgen vom Verleiher abgezogen werden kann, und dass Kundeneinsätze in einem Takt von wenigen Monaten festgesetzt und verlängert werden.

Leiharbeiter als Spielball der Wirtschaft

Zeitarbeit wird von Arbeitgebern immer als notwendig propagiert mit der Begründung, dass so am effizientesten Auftragsspitzen abgefedert werden können. Tatsächlich ist es aber so, dass reguläre Arbeitsplätze kontinuierlich abgebaut werden, nicht nur durch natürliche Fluktuation wie Pensionierung, und durch befristete Zeitarbeitskräfte neu besetzt werden. Zeitarbeitnehmer haben faktisch keine Möglichkeit, sich gegen unzumutbare Mehrarbeit zu wehren. Sie können die Dienstleistungen eines eventuell im Kundenunternehmen existierenden Betriebsrats nicht in Anspruch zu nehmen. Leiharbeiter werden von betrieblichen Fortbildungsmaßnahmen ausgeschlossen. Zeitarbeitsfirmen schreiben sich auf die Fahnen, Leiharbeiter würden sich durch die Kundeneinsätze weiter qualifizieren können, was also nicht stimmt. Trotz geringer Einarbeitung seitens des Entleiherbetriebs und eines restriktiven Informationsflusses, werden von den Zeitarbeitern mindestens die gleichen Leistungen erwartet wie von regulär Beschäftigten.

Warum überhaupt Zeitarbeit?

Um Mehrarbeit in einem Unternehmen abzufedern gibt es die Möglichkeit, die Dienstleistungen von Zulieferbetrieben in Anspruch zu nehmen. Das funktioniert im IT-Bereich genauso gut wie im Büroservice. Da die Kosten für Sozialabgaben, wie zum Beispiel Krankenversicherung, immer mehr auf den Arbeitnehmer abgewälzt werden, lohnt es sich besonders für jüngere Menschen eigentlich nicht, einen Zeitarbeitsplatz anzutreten, weil private Krankenversicherungen besonders für diese Personengruppe interessante Angebote machen, um neue Mitglieder an sich zu binden. Und das Internet macht es leicht, geschäftliche Kontakte zu knüpfen. Der eigentliche Grund für die Beliebtheit von Zeitarbeitnehmern bei Unternehmern ist jedoch die Tatsache, dass so der eigentlich in Deutschland gut funktionierende Kündigungsschutz ausgehebelt werden soll.

Zeitarbeit à la française

Wenn man sich also nicht dazu entschließen sollte, die Zeitarbeit in Deutschland ganz abzuschaffen, dann wäre die einzige halbwegs gerechte Alternative für die Neugestaltung der Leiharbeit die Übernahme des französischen Modells, nach dem Leiharbeiter einen Lohnzuschlag von zehn Prozent als Ausgleich für die unsichere Beschäftigung erhalten.

Tipp:

Anfragen bei Hotlines von Versicherungen, die Arbeitsrechtsschutz anbieten, haben ergeben, dass ein Leiharbeiter die Differenz seines Leiharbeitergehalts zu dem des Entleiherbetriebs einklagen kann. Eine Klage kann in schriftlicher Form beim zuständigen Arbeitsgericht eingereicht werden. Die Verjährungsfrist für die Ansprüche beträgt drei Jahre. Einen Prozess kann man allein führen oder einen Anwalt beauftragen. Wer Mitglied einer Gewerkschaft ist, kann hier seine Vertretung ermöglichen.

Ines von Külmer, Ines von Külmer

Ines von Külmer - Von Beruf bin ich Dipl.-Übersetzerin für die Sprachen Englisch und Französisch. Ich habe etliche Jahre in der Industrie ...

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