Das Jahr 2011 wird vielen als Kleist-Jahr in Erinnerung bleiben, insbesondere den Abiturienten in Niedersachsen. Sie mussten sie sich ein Semester lang mit Kleists Leben beschäftigen und durften Abitur-Arbeiten über ihn schreiben.
"Die Marquise von O…" auf dem Weg zur Emanzipation
Als anspruchsvoll galten weder seine Novelle "Das Erdbeben in Chili" noch seine erhaltenen Briefe an seine Schwester noch die an seine Verlobte, sondern die Novelle "Die Marquise von O…". In dieser Novelle wird der Leser mit einer nach Goethes Definition "unerhörten Begebenheit" konfrontiert. Heinrich von Kleist beschreibt hier einen Weg, den noch niemand zu gehen wagte, den Weg einer Marquise. Sie widersetzte sich den sozialen Anforderungen der Zeit, Anforderungen, deren Erfüllung man von einer Person ihres Standes und einer Witwe und Mutter erwartet hätte. Sie macht einen Schritt in Richtung Emanzipation, sie beginnt einen Weg, der zu ihrer Identität führt. Ob sie ihr Ziel erreicht, bleibt offen.
Ein Lebensplan um glücklich zu sein
Kleists Werke sind mit Paradoxen und Zufällen überfüllt. In seinem Leben versuchte er sich einen Lebensplan zu entwickeln, wie ein Reisender einen Reiseplan hat. Das ist ihm aber nie richtig gelungen. Er wollte nichts dem Zufall überlassen, um nicht eine "Puppe am Drahte des Schicksals" zu sein. Diesen Lebensplan soll jeder für sich alleine bestimmen, mit dem Ziel glücklich zu sein. Er geht davon aus, dass jeder einen Anspruch auf das Glück habe, was den aufklärerischen Gedanken entspricht, mit denen er sich beschäftigt hat. Das Glück hat nichts mit materiellen Gütern oder mit der Position in der Gesellschaft zu tun, es liegt im Innern jedes Menschen.
Die Kant-Krise
Für die Literatur ist seine Phase, die als Kant-Krise bekannt ist, von großer Bedeutung. Sie gilt als ein Wendepunkt in seinem Leben. Seine Weltsicht brach zusammen, und er wandte sich der Kunst zu. Durch Bildung versuchte Kleist Vervollkommnung zu erreichen. Die Beschäftigung mit den Werken von Kant veranlasste ihn sich einen neuen Lebensplan zu entwickeln. Laut Kant ist die Wahrheit nur relativ. Der Mensch kann nicht entscheiden, was wahr ist und was nur Schein. Sein neuer Lebensplan war es, Dichter zu werden. Diese Entwicklung in seinem Leben brachte ihn dazu, Novellen und Anekdoten zu schreiben. Heinrich von Kleist hat während seines Lebens keine Anerkennung erhalten. Er hat keines seiner Stücke bei der Aufführung gesehen. Aufsehen erregte er alleine nur durch seine letzte Tat, durch seinen Selbstmord am Kleinen Wannsee mit seiner Seelenfreundin Henriette Vogel. Heute gehört er zu den bedeutendsten deutschen Schriftstellern.
