Als europäische Seereisende – angefangen mit Marco Polo im 13. Jahrhundert – ersten Kontakt mit der damals unbekannten Landmasse Terra Australis meldeten, lebten bereits Menschen mit ausgeprägter Kultur, aber ohne jegliches Konzept von persönlichem Besitz auf dem isolierten Counterweight Continent. Ohne etwa Tiere zu domestizieren oder Ackerbau auf individuellem Landbesitz zu betreiben, zogen die Aborigines als Jäger und Sammler durch festgelegte Stammesgebiete. Doch mit der Besiedlung von New South Wales in Folge von James Cooks endgültiger Landnahme Australiens 1770 war die Zeit der unbehelligten Lebensweise der Ureinwohner vorbei, deren vermutlich seefahrerische Herkunft nach wie vor ungeklärt ist. Sicher ist nur, dass ihre kulturellen Wurzeln mindestens 60.000 Jahre zurück reichen.

Kulturelle Ignoranz und menschliche Grausamkeit gegenüber den australischen Ureinwohnern

Als die ersten britischen Siedler sich zwangsweise mit dem entbehrungsreichen Leben in der ungastlichen Weite Australiens arangieren mussten, betrug die geschätzte Anzahl der Aborigines zwischen 250.000 und 1.000.000 Individuen. Der kolonisierende Kontakt zu den australischen Ureinwohnern war schon früh von Missverständnissen und kulktureller Ignoranz geprägt. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte wurde ihre Anzahl beträchtlich durch eingeschleppte Krankheiten dezimiert, welche das unvorbereitete Immunsystem der Einheimischen kalt erwischte. Dieses Phänomen ist seit jeher von kolonisierten Völkern bekannt. Wenige Jahrzehnte nach der Kolonisierung betrug die Anzahl der Aborigines nur noch etwa 70.000. Doch eine andere Entwicklung, die auch William J. Lines in seinem Buch »Taming the Great South Land« (University of California Press, 1991) detailliert beschreibt, zeugte mehr von menschlicher Grausamkeit denn von Unwissen und Gleichgültigkeit.

Aborigines – als Freiwild gejagt und allzu oft Opfer brutaler Selbstjustiz

Aborigines wurden gequält, vergiftet, erschlagen, wie Tiere gejagt und getötet, ohne irgendwelche schützenden (Bürger-)Rechte zu genießen. 1805 erklärte der hochrangigste Jurist des Landes, dass Aborigines mental nicht zu der Teilnahme an Gerichtsverhandlungen fähig seien und Selbstjustiz an ihnen verübt werden solle. Auch wenn in Folge des grausamen Massakers bei Myall Creek im Jahre 1838 – bei dem eine Gruppe Aborigines von Farmern für einen Viehdiebstahl verantwortlich gemacht und nach längerer Folter niedergemetzelt wurde – diese Form der brutalen Selbstjustiz zumindest ansatzweise kriminalisiert wurde, nahmen die Greueltaten im Verborgenen ihren Lauf. Die Nachkommen europäischer Siedler Australiens rechtfertigten sich mit der Aussage, sie hätten nichts vom Tötungsverbot der »Niggers« gewusst. Auch noch 1928 wurde nahe Alice Springs im Northern Territory eine Gruppe von 70 Aborigines wie Freiwild nach einer Corroboree (zeremonielle Versammlung) in Selbstjustiz ermordet. Bis in die 1960er Jahre wurden die Ureinwohner Australiens in Schulbüchern als »feral jungle creatures« bezeichnet, ihnen wurde jede Menschenwürde abgesprochen.

Keine Protektion der indigenen Bevölkerung durch Kolonial-Regierung oder Britische Krone?

1869 wurde von der Britischen Krone der Aboriginal Protection Act umgesetzt, der das Schicksal der indigenen Bevölkerung in die Hände des Board for the Protection of Aborigines der Kolonial-Regierung legte. Was nun folgte, war aber keineswegs Schutz der verfolgten Urbevölkerung durch die Britische Krone, sondern lediglich »zivilisiertere« Beschneidung ihrer Grundrechte und Freiheiten: Die Zuständigkeit für persönliche Freiheiten wie die Wahl des Lebensortes, des Lebenspartners und des Arbeitsplatzes lag allein beim Staat. Junge Aborigines wurden früh auf die sklavische Zwangsarbeit für weiße Siedler als ihren einzigen Lebenszweck vorbereitet. Die Regierung erwartete auch auf dem Festland ein endgültiges Aussterben der indigenen Rasse der Aborigines und sah eine endgültige kulturelle Anpassung der sogenannten half-caste children (gemischtrassige Kinder) an die europäische Kultur vor.

Die dunkle Seite der australischen Geschichte: Generationen verschleppter Kinder

In Western Australia begann mit dem Aborigines Act von 1905, der grundsätzlich allen Aborigines das Sorgerecht an ihren Kindern zu Gunsten des Staates versagte, eine breit angelegte Maßnahme gegen die Rasse der Ureinwohner. In Folge dieser Politik wurden in den Jahren zwischen 1910 bis 1969 unzählige Aborigine-Kinder aus ihren Familien entfernt und in über das Land verteilten Umerziehungsheimen, kirchlichen Missionen und weißen Ersatzfamilien verbracht. Der mutmaßlich vom Aussterben bedrohten Aborigine-Rasse sollte so der Nachwuchs genommen werden. Die Kinder sollten zukünftig als willige Arbeitskräfte in die europäisch geprägte australische Gesellschaft eingegliedert werden. Mindestens 100.000 Kinder mehrerer Generationen wurden häufig gewaltsam aus ihrem angestammten Leben gerissen – die Buchführung war dahingehend nicht besonders exakt.

Australiens Stolen Generations – Hard to say sorry?

Auch wenn diese Regierungspraxis mit dem Aborigine Land Act von 1970 ein Ende fand, dauerte es noch mindestens zehn Jahre, bis diese dunkle Seite der australischen Geschichte beleuchtet wurde. Federführend war dabei Geschichtsprofessor Peter Read mit seinem Buch »The Stolen Generations« (1981), doch auch Menschenrechtler und Künstler nahmen sich vermehrt diesem brisanten Thema an, zum Beispiel in Form des Songs »The Dead Heart« von Midnight Oil. Seit 1998 gilt der Sorry Day als offizieller Gedenktag, seit 2005 politisch korrekt und etwas sperrig umbenannt in National Day of Healing for all Australians. Australische Politiker lehnten es allerdings bis vor Kurzem ab, sich offiziell bei den betroffenen Familien der Stolen Generations zu entschuldigen, da kein persönliches Verschulden vorliege. Erst der jetzige australische Premierminister Kevin Rudd zeigte sich willens, diesen lange aufgeschobenen Schritt zu gehen.

Am 13. Februar 2008 entschuldigte Rudd sich mit diesen Worten im Namen der Regierung bei den Aborigines, insbesondere bei den Überlebenden der Stolen Generations, für erlittenes Unrecht und jahrzehntelange Diskriminierung. Heute leben etwa 27.000 Aborigines in Australien, weitere 100.000 sind gemischter Abstammung.