"Am häufigsten bedienen sich Ärzte, Sanitätshäuser, Krankengymnasten und Pflegedienste bei den Krankenkassen" erzählt die Chefin der KKH Soko Abrechnungsmanipulation. Dina Michels. "Wir setzen alles daran, so viel wie möglich von dem Geld zurückzubekommen."
Die KKH richtete 2001 als erste bundesweit tätige Krankenkasse ein Ermittlerteam ein und war somit Pionier. Seit 2004 sind alle Kassen gesetzlich verpflichtet, Betrugsfällen nachzugehen. Das Geschäft mit der Gesundheit ist in Deutschland zu einem 145-Milliardenmarkt angewachsen. Das kann Begehrlichkeiten wecken, vom großen Kuchen ein Stück abzubekommen.
Die Organisation Transparency International schätzt den jährlichen Schaden im deutschen Gesundheitssystem durch Korruption und Betrug auf 24 Milliarden Euro. Die Kassen türmen auch dadurch riesige Schuldenberge auf und die Versicherten ärgern sich über steigende Beträge.
Einige brisante Beispiele
* Hepatitis-C-Medikamente, die 3.000 Euro kosten, werden gerne mal von Apothekern mit gefälschten Rezepten bei der Kasse abgerechnet, ohne dass das Medikament an die Patienten ausgegeben wird.
* Bei Ärzten, die überdurchschnittlich oft das Wachstumshormon Genotropin abrechnen, schauen die Ermittler besonders hin. Denn dieses Mittel ist auch in der Bodybuilderszene sehr beliebt.
* Ein Bad Homburger Allgemeinarzt kassierte mehr als 100.000 Euro - auch für angebliche Leistungen von Patienten, die längst verstorben waren.
* Bundesweit stehen einhundert Apotheker und zwei Pharmahändler im Verdacht, gesetzliche Krankenkassen mit nicht zugelassenen und gefälschten Krebsmedikamenten getäuscht zu haben. Dieser Fall ist besonders brisant, da die Medikamente, eingesetzt zur Chemotherapie, den Krebskranken erheblich schaden können. Anscheinend organisierten die Pharmahändler den Vertrieb von in Deutschland und Europa nicht zugelassenen Arzneimitteln an die Apotheker, diese rechneten dann die günstig importierten Mittel zu den höheren deutschen Preisen ab. Da Ärzte auf dem Rezept nur Wirkstoffe aufschreiben, gab dies den Apothekern Gelegenheit, die Medikamente nach ihrem Gusto zusammenzumischen, ohne dass Arzt und Patient erkennen konnten, ob es sich um Originallösungen handelte oder nicht.
Abhängig von Krebsart und Dosierung, kostet ein Durchgang Chemotherapie 15.000 bis 25.000 Euro - dies bedeutet riesige Gewinnmargen für Betrüger.
Gegenmaßnahmen
Kleinere Krankenkassen können sich oftmals eigene Ermittlerteams zur Aufdeckung von betrügerischen Abrechnungen nicht leisten. Die Großen der Branche wie DAK, TK und Barmer Ersatzkasse haben Teams mit bis zu 20 Mitarbeitern, darunter Juristen, EDV-Experten und Mediziner.
In einigen Städten wie zum Beispiel Berlin wurden von Landeskriminalämtern eigene "Medicus"-Ermittlungsteams gegründet, die mit den Kassen kooperieren. Einem korrupten Arzt die Zulassung zu entziehen, ist den Krankenkassen nicht möglich, dafür sind die Kassenärztlichen Vereinigungen zuständig. Hart durchgreifen können die Kassen also nicht.
Aber auch Patienten können etwas tun. Die meisten Krankenkassen bitten auf ihren Homepages, Missbrauch zu melden. Außerdem sollten auch Patienten der gesetzlichen Krankenversicherung auf Ausstellung von Patientenquittungen bestehen, um im Zweifelsfall die Leistung auch schriftlich nachvollziehen zu können.
