Killing Joke mit neuem Album Absolut Dissent gegen Alles

Albumcover Killing Joke, Absolute Dissent - Spinefarm Records
Albumcover Killing Joke, Absolute Dissent - Spinefarm Records
So gut wie seit Jahren nicht mehr präsentiert sich die englische Post-Punk-Band Killing Joke in Originalbesetzung mit ihrem neuen Album "Absolute Dissent".

Im Jahr 2006 erschien mit "Hosannas From The Basements Of Hell" das letzte Album von Killing Joke aus London, das sehr düster und dunkel daherkam und seinem Titel alle Ehre machte. Es klang wirklich wie die "Klagegesänge aus den Tiefen der Hölle", was nicht zuletzt an Jaz Colemanns Art zu singen lag, was bei diesem und dem Vorgängeralbum eher einer Mischung aus Grunzen und Schreien glich denn richtigem Gesang. Dies ist umso bemerkenswerter, da eine harte und wirklich traurige Zeit für die Band erst noch vor ihnen liegen sollte. Denn im Jahr nach der Veröffentlichung starb mit Paul Raven der damalige Bassist, der ebenfalls viele Jahre lang Mitglied der Band war, an einem Herzinfarkt.

Paul Ravens Tod und die Wiedergeburt von Killing Joke

Bei der Beerdigung Paul Ravens trafen sich dann nach fast 20 Jahren die Gründungsmitglieder erstmals alle zusammen zur gleichen Zeit am gleichen Ort wieder. Neben dem Sänger Jaz Colemann war nur der Gitarrist Geordie Walker über die Gesamtdauer der Karriere der Band ständiges Mitglied gewesen. Schlagzeuger "Big Paul" Ferguson und der Bassist Martin "Youth" Glover hatten die Band zwischenzeitlich verlassen, wobei jedoch immer mal wieder einer von beiden bei den Aufnahmen zu einem neuen Album oder auf einer Tour mit dabei war. Zusammen hatten sie seit dem Album "Night Time" von 1985 und der sich anschließenden Tour jedoch nicht mehr gespielt. Zwischen Big Paul und Jaz Coleman war die Kommunikation sogar über 20 Jahre völlig zum Erliegen gekommen. Der Tod von Paul Raven muss jedoch wie eine Art Katalysator zur Wiedergeburt der Band gewirkt haben, denn nur wenige Monate später fanden sich die Originalmitglieder zusammen und gingen in 2009 auf eine ausgedehnte Europa-Tour, um das 30jährige Bestehen der Band zu feiern. Bei den Proben dazu entstand das Album "Duende – The Spanish Sessions", das letztendlich eine Zusammenstellung ihrer bekanntesten Songs ist, live im Studio eingespielt. Es dauerte schließlich bis zum Oktober 2010, bis mit "Absolute Dissent" endlich ein völlig neues Studioalbum veröffentlicht wurde.

Absolute Dissent - Absolut gegen Alles

Mit "absolut dagegen" oder "absolut gegen Alles" lässt sich der Album-Titel "Absolute Dissent" frei übersetzen. Wer nun jedoch befürchtet, dass Killing Joke ihre musikalischen Pfade verlassen, um etwas völlig Neues zu versuchen, kann beruhigt werden. Der Titelsong gibt eine klare Richtung vor. Kraftvolle, wie immer stark verzerrte und leicht breiig klingende Gitarren, ein dumpfer, leicht funkiger Bass und ein treibender Groove des Schlagzeugs von Big Paul bestimmen den gleichnamigen Opener des Albums. Nicht nur bei diesem Track, sondern auch vielen weiteren der insgesamt zwölf neuen Songs fällt jedoch auf, dass Jaz Colemann seine Stimme diesmal nicht nur nutzt, um hauptsächlich zu grunzen, fauchen oder würgen, wie es insbesondere bei den letzten Alben der Fall war, sondern er benutzt sie auch tatsächlich zum Singen. Besonders angenehm ist diese Rückbesinnung auf alte Tugenden bei den Songs "The Raven King" oder der zweiten Single-Auskopplung "European Super State" wahrzunehmen.

Euopean Super State mit Hitpotential wie Love Like Blood

Während "The Raven King" einen musikalischen Gedenkstein für den verstorbenen Basisten Paul Raven darstellt, den jugendliche Hörer wohl mit "klingt ja wie Coldplay" kommentieren würden, hat die Band Killing Joke mit "European Super State" ganz unbeabsichtigt, wie sie selbst behaupten, eine echten Hit geschrieben, der mit ihrem bisher einzigen weltweit in den Charts vertretenen Hit aus den Achtzigern "Love Like Blood" problemlos mithalten kann – nicht zuletzt, weil der Song extrem gut tanzbar ist und sicher demnächst in zahlreichen Re-Mixen in den EBM- und Wave-Diskotheken der Welt zu hören sein wird. Klassische, eher härtere Killing-Joke-Arrangements finden sich in "The Great Cull", This World Hell" oder "Depthcharge" wieder, das ein wenig an den Klassiker "Wardance" der Band erinnert.

Bekanntes und Neues gut kombiniert

Während sich Fans der Band bei diesem extrem gelungenen Scheibe wiederfinden werden, die eher die letzten, etwas härteren und dunkleren Töne schätzen wie auch solche, welche die alten Achtziger wiederbelebt sehen möchten, bietet die Scheibe mit dem Song "Ghosts Of Ladbroke Grove" einen ungewöhnlichen Schluss, der etwas Neues bietet. Dieser mit fast sieben Minuten längste Track des Albums kommt als animalisch groovende Reggaenummer daher, die es auf der im Sommer erschienenen Vorab-EP auch schon als Dub-Version zu hören gab. Damit schließt sich musikalisch der Kreis der Band, die nicht nur durch die Mitglieder, sonder auch durch die Musik damit wieder zu ihren Anfängen zurückgefunden hat. Denn 1979, als man das erste Album veröffentliche, waren oftmals Dub-Version ihrer Songs auf den B-Seiten der damals veröffentlichten Singles oder der allerersten EP "Turn To Red" enthalten.

Killing Joke beeinflusste die Entwicklung von vielen Rockbands wie zum Beispiel Metallica

Welchen die Einfluss die Band in der Rockmusik hat, zeigen nicht nur die drei Grammies, die der vielseitige Sänger Jaz Colemann im Laufe seines Lebens erhalten hat (unter anderem arbeitet er "nebenbei" auch als Dirigent mit dem Tscheschichen Nationalorchester) oder die Erfolge, die Youth als Produzent oder eine Hälfte seiner zweiten Band "The Orb" hat (die gerade zusammen mit David Gilmour von Pink Floyd ebenfalls ein neues Album auf den Markt gebarcht hat), sondern auch eine Bonus-CD, die es in einer Limited Edition des Albums zu kaufen gibt. Sie enthält 11 Songs von Killing Joke, die von namhaften Bands der Cross-Over und Heavy Metal Szene gecovert wurden, wie z.B. von Helmet, den Foo Fighters oder Metallica. Fans dieser Band sollten sich nicht nur aus diesem Grund das neue Album von Killing Joke anhören. Die Band hat sich in nun über 31 Jahren konstant gegen das klassische Musikbusiness gewehrt und doch überlebt. Allein gegen Alle(s).

Das Album "Aboslute Dissent" von Killing Joke wurde am 04.10.2010 in Deutschland bei Spinefarm Records veröffentlicht.

Stephan Schwarzbach - Ich bin Dipolm-Soziologe, Jahrgang 1967, und habe während meiner Laufbahn in der Finanzdienstleistungsindustrie hauptsächlich ...

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