
- Ruth Kohler erklärt die Komposition - Andrea Weber
Es mache ihr Freude, in der Früh als Erste da zu sein, um die Farben anzurühren, sagt Ruth Kohler. Seit Jahren leitet die Malerin und Meisterin abstrakter Kunst aus Münsing am Starnberger See mit dem Münchner Bildhauer Hans Haas die Sommerakademie. Auch heuer stellte die Galeristin und Kunstförderin Alinde Rothenfußer den vierzehn Teilnehmern ihr Kunsthaus Orplid in Icking, Münchner Süden, eine Woche lang zur Verfügung.
Sehr individuell sind die Ergebnisse unter dem Titel: „Berge: Poesie – Pathos“ geworden.
Intensiver als hier in der Sommerakademie könne man sich nicht mit Kunst auseinander setzen, finden Kohler und Haas, denn unter ihrer Regie arbeiten die Teilnehmer eine Woche lang ganztags zusammen. „Danach fällst du wie in ein Loch“, weiß Ruth Kohler. Was hier entsteht sind keine fertigen Kunstwerke. „Wir wollen lernen und experimentieren“, ergänzt Hans Haas. Es geht ihnen nicht darum, dass die Teilnehmer „kitschige Postkartenmotive“ so gut wie möglich auf die Leinwand bringen. Wer jedoch glaubt, bei der abstrakten Malerei könne man einfach nur drauf loslegen, der täuscht sich. „Auch bei diesem Stil musst Du die Natur und deine Umgebung ins Bild holen, sonst bleibt das Motiv leer und plakativ“, erklären die beiden.
So hatte Haas jedem Teilnehmer ein plastisches Bergmodell aus Pappe vorbereitet. Teilnehmerin Gerty Roscher sah darin kubische Formen und übertrug sie in kräftigen Blautönen mit dem Pinsel auf die Leinwand. Gustava Everding, die Witwe des bekannten Regisseurs und Intendanten August Everding, hat schon öfters an der Akademie teilgenommen. Ihre Bilder bestehen aus kleinteiligen Formen auf kleinen Formaten mit quirligem Pinselstrich. Nach 40 Jahren hat Claudia Jäger aus München wieder zum Malen begonnen. Ihr abstraktes Verständnis führte sie ins Surreale. Sie entwarf verzerrte Industrieszenarien. „Auch das ist erlaubt“, bestätigt Kohler. Und die Malerei von Caroline Behrendt hat schon die Spannung, die sich Ruth Kohler wünscht. „Sie ist sehr begabt“, bestätigt sie.
Von der Natur zur Architektur
Behrendt kam im Gedanken von der Natur zur Architektur. „Plötzlich hatte ich die Treppenkonstruktion dieses Hauses mit im Bild“, sagt sie amüsiert. Diese künstlerische Freiheit ist legitim. Jede Struktur in der Umgebung prägt den Bildaufbau, jedes Element der Natur kann ein abstraktes Motiv sein. Eine Aderstruktur eines Blattes beispielsweise ergibt das lineare Grundgerüst oder die querlaufenden Felskanten eines Gebirgszuges mit der Längskontur eines alten Baumstammes kombiniert, kann eine Bildproportion bestimmen. Das ist das Geheimnis um die abstrakte Kunst, die eigene künstlerische Sprache muss jeder selbst finden, sagt Kohler am Ende der Kurswoche im Kunsthaus Orplid. „Und ein fertiges Bild macht schließlich erst der Betrachter daraus.“
