Aby Warburgs Bibliothek und seine Einflüsse auf Ernst Cassirer

Aby Warburgs Bibliothek führt als privater Ort des Erinnerns und Schaffens zu erkenntnistheoretischen Gesichtspunkten für den Philosophen Ernst Cassirers.

Eine Vielzahl von Sammlungen und Büchern wird für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht, so dass Forschungen, Vorlesungen und Seminare abgehalten werden können. Kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges setzte Aby Warburg (1866-1929) diesen Plan mit seiner Privatbibliothek (Gelehrtenbibliothek) in die Tat um. Zahlreiche Wissenschaftler, unter anderem der Kulturphilosoph Ernst Cassirer (1874-1945), interessierten sich für die kulturwissenschaftliche Bibliothek.

Der Aufbau der Bibliothek

Cassirer war auch einer der Ersten, der Vorträge gehalten hat. Die verschiedenen Stoffgebiete der Bücher, aber insbesondere der Aufbau der Bibliothek selbst, war für Cassirer von herausragender Bedeutung. So hatte jedes Buch zwar seine eigene „Geschichte“, sie verwiesen aber ständig zu anderen Büchern, sie forderten regelrecht auf, andere Bücher zu finden. Es war eine Art Labyrinth mit zahlreichen versteckten Wegweisern; je nach Abzweigung wird der Leser beziehungsweise Betrachter aufgefordert, einen Weg durch diesen Irrgarten zu finden. Laut Cassirer soll der Leser sich über die Anordnung der Bücher eine eigene Theorie der Symbolformen machen (siehe Ernst Cassirer: "Philosophie der symbolischen Formen").

Das kulturelle Gedächtnis

Das Gedächtnis beziehungsweise das Erinnern spielt bei der Suche der eigenen Theorie der Symbolformen eine große Rolle. Denn jedes Buch ist eine Art Gedächtnis. Das Buch selbst rückt für den Leser die Vergangenheit in die Gegenwart. Die symbolischen Formen wie "Kunst, Mythos" stellen die Verweisungszusammenhänge dar, denn wenn ein Künstler eine Landschaft malt, ein Abbild schafft, dann ist das später eine Art Erinnerung für den Betrachter. "Kunst, Mythos" symbolisieren die Bücher, sie sollen dem Leser helfen, das Labyrinth von einem zum anderen Buch zu durchqueren. Das bedeutet, sie selbst verweisen zu anderen symbolischen Formen. Der Leser beziehungsweise Betrachter soll sich also über eine Theorie der Symbole Gedanken machen.

Der prägende Zusammenhang am Beispiel eines Bildes

Der dargestellte Aufbau der symbolischen Formen, wie beispielsweise der Verweis des Mythos auf die Sprache, ist mit der Bibliothek Aby Warburgs gleichzusetzen, denn nicht nur zwischen den symbolischen Formen soll vermittelt werden, sondern auch von einem zum anderen Buch. Wenn nun zum Beispiel ein Besucher ein Bild eines Künstlers betrachtet, setzt er dieses Bild mit anderen Bildern in den Kontext, er wertet es aus und stellt es zum Schluss in einen Gesamtzusammenhang. Dies ist aber nur zu erreichen, wenn der Betrachter zwischen dem Symbol (Bild) und der Bedeutung (Aussage, Wertung) trennt.

Die Wirklichkeit nach Cassirer

Die Wirklichkeit wird in einer zweiten geschaffenen Gegenwart, den Bildwelten erfahrbar. Der Grund dafür liegt in der unmittelbaren Wahrnehmung, die es für Cassirer nicht mehr gibt. Sie ist erst durch die Symbole, wie dem Mythos, der Kunst, die abbildet, und der Sprache erfahrbar. Die Wirklichkeit ist also erst durch die Wiedererinnerung möglich, welche sich bei Cassirer durch die Symbole vollzieht und bei Warburg mittels des verweisenden Aufbaus der Bücher, die wiederum nach Cassirer nur durch die Symboltätigkeit erkannt wird.

Das Kulturverständnis

Des Weiteren besteht eine zentrale Verbindung zwischen Ernst Cassirer und Aby Warburg dem Kulturverständnis. Beide setzen eine Distanzierung zur Außenwelt voraus, um die menschliche Existenz gewährleisten zu können. Bei Aby Warburg entsteht bei der Distanzierung eine Leerstelle, die durch künstlerische Tätigkeit gefüllt werden könne, und schließlich zu einer sozialen Dauerfunktion führe. Bei Ernst Cassirer tragen die symbolischen Formen "Mythos, Kunst, Sprache" zu einer kulturellen Leistung bei. Sie sind alle bei der Distanzierung teilhaftig, denn jede symbolische Form trägt eine Objektivierung bei sich. Die Folge ist eine zweite Gegenwart, die für das „Erkennen“ der Wirklichkeit eine wesentliche Rolle spielt, sowie als eine Art „Befreiung“ des Menschen von Emotionen, Wünschen und seinen Anschauungen etcetera dient. Der Mensch kann sich frei zu ihnen verhalten, ebenso hilft die Distanzierung den Menschen, sich nicht mehr von den „Affekten“ überwältigen zu lassen. Der Mensch kann sich demnach zu sich selbst symbolisch vermittelnd verhalten, was Ernst Cassirer als „freie Persönlichkeit“ charakterisiert.

Literatur

Cassirer, Ernst (2007): Versuch über den Menschen. Einführung in eine Philosophie der Kultur. Hamburg: Felix Meiner Verlag.

Habermas, Jürgen (1997): Ernst Cassirer und die Bibliothek Warburg. Berlin: Akademischer Verlag.

Gombrich, Ernst H. (1984): Aby Warburg. Eine intellektuelle Biographie. Frankfurt a.M.: Europäische Verlags-Anstalt.

Paetzold, Heinz (1994): Die Realität der symbolischen Formen. Die Kulturphilosophie Ernst Cassirers im Kontext. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

Susan Neukirchner, Susan Neukirchner

Susan Neukirchner - In der grünsten Stadt Sachsens - Chemnitz, damals noch Karl-Marx-Stadt, bin ich im Jahre 1986 geboren. Abschlussreife, ein ...

rss