
- ADHS und Partnerschaft: Lass mich, doch ... - DTV Verlag
Cordula Neuhaus ist Diplompsychologin, Verhaltenstherapeutin und Heilpädagogin. Sie arbeitet seit vielen Jahren mit ADHS-Betroffenen und ist als Kapazität auf diesem Gebiet international anerkannt. Ihr Buch "Lass mich, doch verlass mich nicht" gibt erwachsenen Menschen, die von ADS oder ADHS betroffen sind, wichtige Hinweise, damit sie selbst und ihre Partner ihre Störung besser verstehen können. So finden sie Hilfestellung und die dringend notwendige Motivation und Hoffnung, damit das Leben auch für sie erfolgreich und schön sein kann.
Zappelphilipp leidet als Erwachsener unter gestörter Sexualität, hoher Scheidungsrate und anderen Partnerschaftsproblemen
Entgegen der landläufigen Meinung haben Forschungen inzwischen einwandfrei ergeben, dass sich das "Zappelphilipp-Syndrom" nicht auswächst. Auch Erwachsene können noch hyperaktiv oder Träumer sein und haben massiv darunter zu leiden. Viele Symptome weisen darauf hin. Aufmerksamkeit und Konzentration sind oft genug im Keller. Sie haben heftige Probleme in vielen Lebensbereichen. Besonders schmerzhaft zeigen sich ihre Defizite in Partnerschaftsproblemen. Die ziehen sich hin von enttäuschenden Erfahrungen und Problemen in der Sexualität bis zu häufigen Partnerwechseln und einer überproportional hohen Scheidungsrate. Viele Konflikte und Missverständnisse belasten die zwischenmenschlichen Beziehungen, denn mit Partnerschaften sind nicht nur die zwischen Mann und Frau gemeint, sondern auch Beziehungen zu Kindern, Eltern, Freunden, Kollegen, Kunden und anderen Menschen. Die Autorin untersucht jüngste Erkenntnisse aus der Emotionspsychologie und der Hirnphysiologie sowie die typischen Verhaltensmuster von ADSlern.
Psychologen, Psychiater und Therapeuten sollten Experten sein, um ADS und ADHS bei Erwachsenen richtig zu diagnostizieren und zu behandeln
In der Einleitung zu ihrem Buch bittet die Autorin darum, die Hoffnung niemals aufzugeben. Das ist leichter gesagt als getan, denn Betroffene haben häufig einen langen Leidensweg hinter sich, wenn die Diagnose ADS oder ADHS im Erwachsenenalter endlich gestellt wird. Der Weg dahin ist nicht leicht, denn die Zahl der Experten in Diagnostik und Behandlung ist relativ gering. Nicht jeder Psychologe oder Psychiater kennt sich aus; längst nicht jeder Arzt erkennt die Störung in ihrer Komplexität so an, wie es erforderlich wäre, obwohl in vielen Ländern Forschung betrieben wird, weil das Syndrom ein weltweites Problem ist.
Stimmungslabilität, Erschöpfung, Verdauungsstörungen, Kopfschmerzen und Herzbeschwerden als ADS-Symptome
Eine diffus anmutende Symptomatik erschwert die Diagnose. Eine auffällige Stimmungslabiliät gehört zu den Symptomen, die mit dazu beitragen, dass viele Betroffene gar keine oder nur wenige echte Freunde besitzen. Abgeschlagenheit und Erschöpfung finden sich bei beiden Geschlechtern. Körperliche Missbefindlichkeiten, wie zum Teil heftige Blähungen, Durchfälle, Kopfschmerzen und Herzbeschwerden, führen oft nur über viele Umwege zur richtigen Diagnose - wenn überhaupt.
Gehirnanomalie als Risikofaktor für emotional und sexuell nicht erfüllende Partnerschaften
Vom Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) oder Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom mit Hyperaktivität (ADHS) betroffenen Menschen zeigen zahlreiche Symptome. Die Ursache: Nach jüngster Forschung, wie Neuhaus sie darstellt, besitzen sie offenbar anders arbeitende Gehirne als Nichtbetroffene. In Partnerschaften finden Betroffene oft leichter zueinander als unterschiedlich geartete Partner. Dabei ist zu beachten, dass es verschieden hohe Ausprägungen der Störung gibt. In der Sexualität gibt es eine große Bandbreite - von beglückenden Erlebnissen bis hin zu starker Belastung, wenn ein Partner wesentlich häufiger als der andere und immer wieder das Bedürfnis nach sexueller Nähe hat. In einem Beispiel erzählt ein Betroffener begeistert, dass er am Wochenende 15mal mit seiner Partnerin geschlafen habe. Er hoffe, dass sich das am nächsten Wochenende wiederholen werde. - Eine Form der Hyperaktivität, mit der längst nicht jeder umgehen kann und mag.
Flirten mit Charme - von ADS und ADHS Betroffene können attraktive Partner sein
Mit einem von ADS betroffenen Menschen zu flirten, fällt in der Regel nicht schwer. Oft zeichnen sie sich durch Fantasie, Unternehmungslust, großen Charme und ein gewinnendes Lächeln aus. Selbst schlimme Begebenheiten werden nicht selten noch mit einem offenen Lächeln erzählt. Betroffene zeigen sich in aller Regel sehr hilfsbereit und können so Herzen gewinnen. Was sie dagegen nicht gut können: Zuhören und ihr Gegenüber ausreden lassen. Allein das erschwert oft schon den Weg in einer glückliche und für beide Seiten befriedigende Partnerschaft, die von Dauer ist.
Verlustängste mit Eifersuchtsanfällen durch Frustration und Leidensdruck
Durch ihre Lebensgeschichte mit zahlreichen Frustrationserlebnissen und Leidensdruck sind Betroffene oft von Verlustängsten geplagt. Das zeigt sich bei einigen, indem sie wahre Messie-Züge an den Tag legen, alles Mögliche sammeln und sich nur schwer wieder von Dingen und Menschen trennen können. Dass bei dieser Veranlagung heftige Eifersuchtsszenen bei vielen Partnern nicht ausbleiben, wird in einem gesonderten Abschnitt behandelt. Andererseits vertragen ADSler es gar nicht, wenn sie zu stark kontrolliert werden. Sie fühlen sich leicht eingeengt und wehren sich vehement dagegen. Ganz ohne Druck sind viele aber nicht in der Lage, so zu "funktionieren", wie die Gesellschaft und oft genug sie selbst es von sich erwarten. All das führt zu Konstellationen, die eine glückliche Partnerschaft zu einem nicht leicht zu erreichenden Ziel machen. Geduld, Frustrationstoleranz und Ausdauer sind also auf lange Sicht gefragt.
Strategien zur Bewältigung der Symptome von ADS und ADHS bei Erwachsenen
Wer die ersten 200 Seiten des Buches gelesen hat und sich endlich sehr deutlich bewusst geworden ist, woher seine vielfältigen Probleme kommen könnten, findet im letzten Drittel des Taschenbuches Bewältigungsstrategien zu wichtigen Themen, wie:
- Ordnung
- Vererbung
- Zeitmanagement
- Ablenkung
- Geld
- Selbstgepräche
- Kommunikation
- Gefühlschaos
- Konflikte und Auseinandersetzungen
Medikation - Behandlung von ADS und ADHS mit dem Wirkstoff Methylphenidat, enthalten in Ritalin
Ein Extra-Kapitel befasst sich mit dem wichtigen Thema Medikation. Vor allem Menschen, die sehr stark unter der Symptomatik, zu der auch ein gestörtes Selbstwertgefühl gehört, leiden, brauchen medikamentöse Unterstützung. Dabei ist es, so die Autorin, sehr wichtig, dass die Erwartungen an die Wirkung der Medikamente nicht zu hoch geschraubt werden. Sie schaffen lediglich die Grundlage, auf der Strategien ansetzen können.
Cordula Neuhaus "Lass mich, doch verlass mich nicht" DTV 2008. Paperback, 301 Seiten. Euro 9,90.
Bitte bedenken Sie, dass ein Suite 101 Artikel ärztlichen Rat grundsätzlich nicht ersetzt.
