Adieu graue Eminenz: Die neue junge Dirigentengeneration

Robin Ticciati - c  Askonas Holt
Robin Ticciati - c Askonas Holt
Gustavo Dudamel, Robin Ticciati und Philippe Jordan haben eins gemeinsam: Sie sind unter 40 und zählen zu den gefragtesten Dirigenten im Musikbetrieb.

Im klassischen Musikbetrieb kommt frischer Wind auf: Galten bisher Dirigenten wie Christian Thielemann oder Franz Welser-Möst als „jung“ (beide um die 50), so tritt nun die Generation der 30jährigen aus den übergroßen Schatten ihrer Vorgänger hervor. Wenig überraschend, sind auch unter ihnen kaum Frauen zu finden.

Lustige Lockenköpfe und smarte Typen statt grauhaarige Opas

Kaum einer von ihnen passt in das althergebrachte Klischee von der autoritären, grauhaarigen Eminenz am Pult. Man sehe sie sich nur an: Lustige Lockenköpfe, smarte Typen, soweit das Auge reicht – einige von ihnen haben durchaus Posterboy-Qualitäten, was kein Nachteil ist, wenn man bei den Medien punkten will. Gutes Aussehen alleine reicht natürlich nicht: Kompetenz und Durchsetzungsvermögen braucht es allemal. Der Jugend wird nun einmal selten zugestanden, Erfahrung und Kompetenz zu besitzen. (Während die ältere Generation sich gern auf ihre Anzahl an Jahren und Erlebnissen als Beweise für die eigene Weisheit und Erfahrung verlässt). Auf jeden Fall ist die jüngere Generation vielseitiger, flexibler und besser ausgebildet als ihre älteren Kollegen es in ihrem Alter waren.

Versiert im Umgang mit Medien, vielseitig, breites Repertoire

Die Anforderungen an „die Jungen“ sind wie auch in allen anderen Berufen gewachsen: Sie sollen Autoritätsfiguren sein, aber nicht zu autoritär, schließlich soll im Orchester auch Mitbestimmung möglich sein. Sie sollen vielseitig und versiert im Umgang mit den Medien sein, und musikalisch ein möglichst breites Repertoire abdecken. Sie müssen sich gut vermarkten lassen und sollten auch einen allfälligen Medienhype um ihre Person leicht wegstecken können. Und sie müssen großteils ohne die Hilfe der Plattenfirmen auskommen: Im 21. Jahrhundert gibt es kaum mehr Exklusivverträge zwischen Dirigenten und Plattenlabels – die Plattenbranche kämpft ohnehin selber ums Überleben. Außerdem müssen sie sich elegant durch den Intrigensumpf der Orchester und Opernhäuser schlängeln und sich eine dicke Haut zulegen (dies ist für Dirigenten jeden Alters wichtig).

Talentiert, charismatisch, aber auch gefährdet

Den jungen Maestros wird jedenfalls weithin hohe Kompetenz bescheinigt. Graham Sheffield von der englischen Royal Philharmonic Society schwärmt: „Diese neue Dirigentengeneration ist außergewöhnlich talentiert, charismatisch und voller Energie“. All das birgt aber auch Risiken: ein schneller, kometenhafter Aufstieg und der oft dazugehörige Medienhype müssen verdaut werden, genauso wie skeptische oder gar feindselige Orchester, die den Jungen mangelnde Erfahrung vorwerfen.

Philippe Jordan, Kristjan Järvi, Andris Nelsons

Wer sind sie nun, diese Jungen? Da wäre einmal der Schweizer Philippe Jordan (*1974), Musikdirektor der Pariser Oper und ab der Saison 2014/15 Chefdirigent der Wiener Symphoniker. Der Sohn von Dirigent Armin Jordan gilt als penibler Praktiker und führte an der Pariser Oper den ersten kompletten „Ring des Nibelungen“ seit 50 Jahren auf. Kristjan Järvi (*1972) entstammt der Järvi-Musikersippe und ist wie sein Vater Neeme und sein Bruder Paavo Dirigent geworden. Der Lette Andris Nelsons (*1978), Chefdirigent des City of Birmingham Symphony Orchestra, ist ein Schüler von Mariss Jansons und gilt als besonders vielseitiger Dirigent mit breitem Repertoire.

Gustavo Dudamel und Robin Ticciati

Der quirlige Venezolaner Gustavo Dudamel (*1981) ist einer der wenigen jungen Dirigenten, die eine offizielle Facebook-Seite haben. Jüngere Dirigenten sind – naturgemäß – stärker darauf bedacht, jüngeres Publikum für die Welt der klassischen Musik zu begeistern, sind aber im Social Media-Bereich noch ziemlich unterrepräsentiert (im Vergleich zu ihren Altergenossen im Pop/Rockbusiness). Der britische Dirigent Robin Ticciati (*1983) bringt das Problem der Vermittlung von klassischer Musik auf den Punkt: „Klassische Musik ist eine harte Nuss. Nur wagt kaum jemand, das auszusprechen“.

Ticciati, Leiter des Scottish Chamber Orchestra und gefördert von Sir Simon Rattle, legte einen ziemlich kometenhaften Aufstieg hin: Er war 2005 der jüngste Dirigent, der je an der Mailänder Scala am Pult gestanden hat. Im Jahr darauf debütierte er bei den Salzburger Festspielen und ist mittlerweile bei allen großen Orchestern und Opernhäusern der Welt ein gern gesehener Gast (z.B. auch bei den Bamberger Symphonikern, die ihn zum ersten Gastdirigenten erkoren).

Yannick Nézet-Séguin nahm es mit Rolando Villazón auf

Yannick Nézet-Séguin (*1975) stammt aus Kanada, feierte seinen ersten großen Erfolg 2008 bei den Salzburger Festspielen und stahl dabei fast Rolando Villazón die Show. Eine glänzende Karriere begann: Chefdirigent des Rotterdam Philharmonic Orchestra, Chef beim kanadischen Orchestre Métropolitain du Grand Montréal, „Carmen“-Premiere an der New Yorker Met, erster Gastdirigent bei den Londoner Philharmonikern. Weitere aufstrebende Jungdirigenten sind: der Deutsche David Afkham (*1983), der Brite Daniel Harding (*1975) und die Russen Tugan Sokhiev (*1977) und Kirill Petrenko (*1972). Wer von ihnen einmal ein ganz Großer wird, wird sich zeigen.

Quellen:

  • www.guardian.co.uk
  • www.thisislondon.co.uk
  • profil, 11.1. 2010
  • www.zeit.de

Elisabeth Vock - Geboren 1978 in Wien, wuchs ich am Land auf, zwischen Musikinstrumenten und Pferden. Bereits im Grundschulalter begann ich, Geschichten zu ...

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