
- Das Chiringuito El Patio in Mojacar gehört zu den ältesten Strandbars des Dorfes - Wein mit Tapa kosten hier 1,50 Euro - Louis Max Blank
Spaniens Mittelmeerküste ist in den letzten zwanzig Jahren einer massiven Bauwut zum Opfer gefallen. Das weiß jeder Tourist, der zwischen Costa del Sol und Costa Blanca vergebens nach authentischer Atmosphäre sucht. Nur an wenigen Strandabschnitten findet der Urlauber noch ein echtes Stück Spanien. Das liegt zum einen daran, dass die Küste jahrhundertelang nicht als Ort der Erholung, sondern eher als Einnahmequelle betrachtet wurde. Barcelona, Almeria, Malaga oder Alicante waren vor allem Hafenstädte und nutzten den Zugang zum Mittelmeer für die Fischereiflotte oder für Industriehäfen. Erst mit dem Niedergang der Industriegesellschaft und mit dem Aufschwung der Freizeitgesellschaft wurden die schmuddeligen Hafengegenden renoviert und modernisiert. Dann wird Sand aufgeschüttet wie etwa rund um das Viertel Barceloneta in Barcelona, wo der Stadtstrand mittlerweile zum Treff für Surfer, Jogger, Beachvolleyballer und Badegäste geworden ist. Die Wasserqualität hat sich gebessert, auch wenn das Meer nicht so sauber wie am Atlantik im Norden Spaniens ist.
Andalusische Spezialität: Strandbars mit Live-Musik und Tapas
Es gibt jedoch auch im andalusischen Süden Orte, wo sich eine ganz individuelle Strandkultur entwickelte. Das Dorf Mojácar bei Almeria ist heute in ganz Spanien wegen seiner einmaligen in die Natur eingebundenen Strandbars, die so genannten Chiringuitos beliebt. Das sind Beachbars mit Bier- und Weinausschank, wo Tapas oder Raciones gereicht werden und es oft Bühnen für Live-Musiker gibt. Besonders gern besuchen spanische Familien die Bars, weil es leger zu geht: man darf barfuß an der Bar sitzen und kann gleichzeitig die Kinder beim Baden beobachten. Mojácars hiringuitos ziehen sich entlang der Küstenzone des Dorfes und bewahren jede ihren eigenen Stil und Atmosphäre. Wo sonst Hamburgerbuden, zubetonierte Fußgängerzonen, Diskotheken und Pizzarestaurants in hässlichen Betonburgen ihre Dienste an Spaniens Stränden Pauschaltouristen anlocken, sind die Chiringuitos in Mojácar sensibel an die Naturstrände angepasste Bauwerke.
Abscheu gegen Betonburgen - Touristen suchen nach dem authentischen Spanien
Die Chiringuitos von Mojacar gelten heute als einmalige Schmuckstücke an der spanischen Mittelmeerküste. Viele Besucher, die aus Madrid oder selbst aus dem zehn Stunden entfernten Barcelona in das kleine Küstendorf reisen, kommen nur wegen dieser Beachbars im karibischen Stil hierher. Nirgendwo in Spanien kann man so entspannt die Beine in den Sand stecken, einen Tinto de Verano schlürfen und den Wellen oder einer live auftretenden Flamenco-Band lauschen. "Ich habe die ganze spanischen Küste abgesucht und nichts Vergleichbares gefunden", sagt der amerikanische Fotograf Scott del Amo, der eine Auszeit an Mojácars Stränden genießt. "Wenn man aus Nordamerika nach Südeuropa reist, sucht man Traditionen und Kultur und etwas typisch Spanisches. Aber überall ist die Mittelmeerküste durch Zersiedelung zerstört. Alles sieht gleich aus. Diese Chiringuitos sind hingegen eine echte Wohltat. Hier kann ich sogar echten Flamenco hören", erklärt Del Amo, dessen Vorfahren schon in Mojácar in den 60ern gelebt haben.
Das umstrittene Küstengesetz unterliegt der Willkür: Schutz oder Zerstörung der Chiringuitos?
Jedoch sind diese Überbleibsel aus der Hippiezeit der steten Gefahr ausgesetzt wie der Rest der Küstenzone im Mahlstrom der Vereinheitlichung unterzugehen. Dahinter steckt das spanische Küstengesetz, Ley de Costas, das vorschreibt, wie weit Gebäude von der Meereslinie entfernt gebaut werden dürfen. Was sich nach einer Naturschutzmaßnahme anhört, wird in der Realität nur äußerst beliebig umgesetzt. Stattdessen zeichnet sich ab, dass die improvisierten Chiringuitos den üblichen Imbissbuden mit Plastikstühlen und betonierten Strandrampen weichen werden. Die meisten Chiringuitos bestehen nicht aus festen Gebäuden, sonder sind eher aus Bambus, Treibholz und Palmen raffiniert zusammengebastelte Strandbuden. Jedes Jahr werden von den Betreibern Tische, Stühle, Sonnenschirme neu aufgestellt, wenn sich das Meer wieder zu weit auf das Land zubewegt hat. Die Umsetzung und Anwendung des Küstengesetzes und die Lizenzen werden für die Chiringuito-Betreiber sehr individuell geregelt. Es kommt, wie so oft im Geschäftsleben, vor allem darauf an, sich mit den lokalen Behörden gut zu stellen. Das gelingt den Betreibern je nach Geschick und Prestige unterschiedlich gut.
Spaniens Krise ist auch in den Strandorten spürbar - Gäste trinken und essen weniger
So hängt die Drohung, die Chiringuitos abzureißen, wie ein Damoklesschwert über dem Strand von Mojacar. Jetzt haben sich die Besitzer der traditionellen Chiringuitos zusammengetan, um sich gegenseitig zu unterstützen, damit sie bleiben können, wie und wo sie sind. "Wir leiden seit vielen Jahren unter Willkür der Behörden und brauchen dringend eine gerechte Lösung für alle", sagt die deutsche Besitzerin Beate Kuna von Mojácars ältestem Chiringuito El Patio. Das geschäftliche Überleben werde immer schwerer, da die Region im Vergleich zu den Stränden rund um Alicante, Malaga oder Marbella enorm unter einer schwach entwickelten touristischen Infrastruktur leidet. In Mojacar ist Spaniens Wirtschaftskrise auch in diesem Sommer empfindlich zu spüren. Die zahl- und feierfreudigen Wochenendgäste aus Madrid kommen immer seltener. Viele trinken weniger und teilen sich ein Abendessen. Zudem werde die Wetterlage jedes Jahr dramatischer – die verregneten Winter und immer später einsetzenden warmen Perioden verkürzen die Saison und fordern aufwändige Reparaturarbeiten für die ungeschützten Strandbars. Beate Kuna wünscht sich, dass die Gesetze für die Chiringuitos so renoviert werden, dass es künftig zwei Lizenzen gibt: für diejenigen, die feste Gebäuden errichten und für die, welche nur saisonale improvisierte Buden betreiben. Denn Letztere haben mehr Kosten für Reparaturen aufzubringen. Am liebsten wäre den Gründervätern der Chiringuitos ein Bestandschutz oder Denkmalschutz für das kulturelle Erbe einer vergangenen Zeit.
Vom Chiringuito zum Chill-House - wie sich die Strandkultur in Spanien wandelt
Außer durch Wetterkapriolen und Schikanen der Behörden werden die romantischen Strandbars in Mojacar durch einen Generationenwechsel der Besitzer bedroht. So entwickelt sich derzeit ein regelrechter Kulturkrieg in der sonst so entspannten Strandkommune. Eine junge Unternehmerschar hat in den letzten Jahren eine neue Feierkultur importiert, die so gar nicht nach Andalusien passt. Die entspannten Hippie-Hangouts drohen immer zu Ballermann-Diskotheken wie auf Mallorca zu verkommen. Kuna nennt das Ibizisierung. Das bringt den Besitzern offenbar trotz Krise Umsatz, aber droht die authentische Beachkultur mit Livebands und handgemachter Musik auszurotten. Wer im Sommer im El Patio einen gemächlichen Abend mit sanften Gitarrenklängen erleben will, muss starke Nerven haben. Links und rechts hämmern Schläge von Drum'n'Bass durch die Bambuszäune der ehemaligen Chiringuitos, die nun auf Neuspanisch Chill-Houses heißen. So münden die Musikklänge aus drei Strandbars in eine nur schwer erträgliche Kakophonie, bei der auch kein Tinto de Verano mehr hilft.
