
- Adolf Stoecker - http://www.uni-giessen.de/~g41007/stoecker.html
Adolf Stoecker (1835- 1909) ist eine Gestalt der Kirchengeschichte, die den deutschen Protestantismus des späten 19. und des 20. Jahrhunderts maßgeblich prägte. Häufig wird behauptet, er habe mit seinem Standpunkt in der „sozialen Frage“ einerseits und seinem Antisemitismus andererseits ein zwiespältiges Erbe hinterlassen. In Stoeckers Weltanschauung waren Sozialpolitik und Antisemitismus jedoch keineswegs Gegensätze, sondern inhaltlich aufeinander bezogen.
Aufstieg zum Hofprediger
Aus einem kleinbürgerlichen Elternhaus stammend studierte Stoecker 1853-58 in Halle Theologie und arbeitete von 1859-62 als Hauslehrer, bevor er seine ersten Pfarrstellen antrat. Während des Deutsch- Französischen Krieges erweckte Stoecker als Militärpfarrer in Metz die Aufmerksamkeit Kaiser Wilhelms I. Dies ermöglichte ihm 1874 den Aufstieg zum Berliner Hofprediger. Sein rhetorisches Talent und sein Engagement in der „sozialen Frage“ machten Stoecker schnell zu einem der populärsten Geistlichen seiner Zeit. Getrieben von einem fundamentalistischen Antimodernismus und sozialkonservativen Reformideen entwickelte er sich immer mehr zum „politischen Pastor“.
Eintritt in die Politik
1878 gründete Stoecker die Christlich- Soziale Arbeiterpartei, mit dem Ziel, die Arbeiter der Sozialdemokratie abspenstig zu machen und sie für Staat und Kirche zurück zu gewinnen. Nachdem dieses Unterfangen erfolglos geblieben war, strich man 1881 die Arbeiter aus dem Parteinamen und warb verstärkt um kleinbürgerliche Wählerschichten. Im Rahmen der „Berliner Bewegung“ profilierte sich Stoecker mit antisemitischen und sozialpopulistischen Parolen, ohne allerdings die Vorherrschaft von Liberalen und Sozialdemokraten in der Hauptstadt zu brechen. Die CSP wurde zunächst Teil der Deutschkonservativen Partei. Ihr gelang es vor allem im Tivoli- Programm von 1892, die Konservativen auf christlich- soziale Positionen zu verpflichten. Wegen abweichender Vorstellungen in der „sozialen Frage“ trennten sich die Deutschkonservativen 1896 allerdings von der CSP.
Stoecker und Bismarck
Anfangs nutze Bismarck die Christlich- Sozialen als Hilfstruppe gegen den Liberalismus. Es kursierten sogar Gerüchte, dass er sie aus dem Welfenfonds finanziere. Die schwachen Wahlergebnisse Stoeckers und sein rabiater Antisemitismus kosteten ihn jedoch die Sympathien des Reichskanzlers. Als Bismarcks Kartellpolitik 1887 Nationalliberale und Konservative wieder zusammen führte, wurde Stoecker zu einem erklärten Gegner Bismarcks und versuchte, bei Kaiser Wilhelm II. gegen ihn zu intrigieren.
Wahlkämpfe
Wahlerfolge konnte Stoecker nur in pietistisch geprägten Regionen feiern. 1879 wurde er für den Wahlkreis Minden- Ravensberg ins Preußische Abgeordnetenhaus gewählt. 1881 bis 1893 und 1898 bis 1908 vertrat er seinen Stammwahlkreis Siegen- Wittgenstein im Reichstag. Die politische Tätigkeit Stoeckers war von Beginn an von Affären, Skandalen und Prozessen begleitet, die um rhetorische Entgleisungen in Versammlungen und der Presse kreisten. Nach mehrfachen Ermahnungen durch den Evangelischen Oberkirchenrat musste Stoecker 1890 sein Hofpredigeramt niederlegen.
Irrwege in der „sozialen Frage“
Es besteht kein Zweifel, dass Stoecker sein sozialkirchliches Engagement ernst nahm. Dafür spricht vor allem seine Idee einer vom Staat unabhängigen Volkskirche, die sich – von obrigkeitsstaatlichen Zwängen befreit – auch über karitative Aufgaben hinaus sozial engagieren könne. In der Praxis verengte sich Stoeckers politische Tätigkeit jedoch immer mehr auf einen orthodoxen Nationalprotestantismus innerhalb der Kirche und die antisemitische Agitation in Parlamenten und Volksversammlungen. Er tendierte dazu, die „soziale Frage“ auf die „Judenfrage“ zu verengen und witterte eine jüdische Verschwörung zur Entchristlichung Deutschlands. Daher können die in älteren Biografien und in kirchengeschichtlichen Studien vorgenommenen „Ehrenrettungsversuche“, die politische und kirchliche Positionen Stoeckers gegeneinander aufrechnen, kaum überzeugen.
Ehrenrettungsversuch 1: Antisemitismus als politischer Opportunismus?
Erst Anfang der 1880er Jahre, als sein Versuch, die Arbeiter für Thron und Altar zurück zu gewinnen, endgültig fehlgeschlagen war, habe sich Stoecker aus opportunistischen Beweggründen dem Antisemitismus zugewandt. Gegen diese These spricht, dass Stoecker bereits vor seinem Eintritt in die Politik antisemitische Artikel für konservative Zeitungen geschrieben hatte.
Ehrenrettungsversuch 2: Politiker vs. Kirchenmann?
Stoecker sei nur als Politiker Antisemit gewesen. In seiner Funktion als Kirchenmann, zum Beispiel in seinen Predigten, habe er sich nie judenfeindlich geäußert. In der Tat zeigte sich Stocker auf der Kanzel gemäßigter als in Volksversammlungen. Zu beachten ist allerdings, dass der Hofprediger gerade über seine sozialkirchlichen Vorstellungen zum Antisemitismus kam, indem er "Judenfrage" und "soziale Frage" miteinander verknüpfte: Durch ihre Verbindung mit dem Manchesterliberalismus verursachten die Juden jene soziale Verelendung und Entfremdung vom Christentum, die in den unteren Volksschichten um sich gegriffen hätte. Von diesem sittlichen Zersetzungsprozess profitiere wiederum die „von Juden erfundene“ Sozialdemokratie, um in der sozialen Revolution die antichristliche Judenherrschaft zu vollenden. Zur Abwendung dieses verschwörungstheoretischen Szenarios setzte Stoecker auf praktisches Christentum und sozialkonservative Reformen. Daher steht sein sozialkirchliches Engagement in der Inneren Mission und im Evangelisch- sozialen Kongress nicht etwa im Gegensatz zu seiner antisemitischen Politik, sondern war integraler Bestandteil derselben.
Ehrenrettungsversuch 3: Gemäßigter Antisemitismus?
Stoecker vertrat einen christlich- konservativen Antisemitismus und grenzte sich vom zeitgleich entstandenen Rassenantisemitismus ab. Seine Rezepte zur „Lösung der Judenfrage“ waren Taufe, Ausnahmegesetzgebung und Rechristianisierung, nicht aber Vertreibung und Vernichtung. Diese ideologische Einordnung Stoeckers ist zwar grundsätzlich zutreffend. Allerdings war der christlich- konservative Antisemitismus weder zwangläufig gemäßigter, noch vollkommen überschneidungsfrei gegenüber völkischen Vorstellungen. Hierzu zwei Beispiele: 1. Stoecker rief zwar nicht zur Gewalt gegen Juden auf, stellte sich aber in aller Öffentlichkeit auf die Seite der Gewalttäter. Er behauptete, die russischen Judenpogrome der 1880er Jahre seien von den Juden selbst provoziert worden. 2. Die Parteizeitungen der Christlich- Sozialen Das Volk und der Siegener Volksfreund vertraten einen rabiaten Antisemitismus, der in Inhalt und Radikalität dem völkischen Rassenantisemitismus in nichts nach stand.
Nachwirkungen
In der politischen Landschaft des Kaiserreichs blieb Adolf Stoecker mit seiner Partei ein Randphänomen. Das gilt jedoch nicht für sein sozialkonservatives und judenfeindliches Gedankengut. Insbesondere zur Verankerung des Antisemitismus im Bildungsbürgertum dürfte er erheblich beigetragen haben. Durch sein Charisma verkörperte Stoecker geradezu den Idealtypus des nationalprotestantischen „politischen Pastors“, der für Generationen von Theologiestudenten als Vorbild diente.
