Selbst in dieser aufgeklärten Zeit kommt es immer wieder zu ungewollten, ungeplanten Schwangerschaften. Manche Mütter sind noch sehr jung, manche fühlen sich schon zu alt, die einen möchten lieber Karriere machen statt Kinder zu versorgen, andere werden nach einem Seitensprung schwanger. Sie alle stehen vor dem Problem, ob sie das ungeborene Kind nicht lieber abtreiben lassen oder es zur Adoption frei geben. Entscheiden kann dies nur die Mutter selbst, denn sie muss ein Leben lang mit dieser Entscheidung klar kommen. Doch wie leben adoptierte Kinder mit dem Wissen, nicht gewollt oder erwünscht worden zu sein? Wollen sie irgendwann ihre leiblichen Mütter kennen lernen? Welche Gefühle haben sie?

Ich habe zwei Mütter

Früher wurden Adoptionen durch die Adoptiveltern oft verheimlicht, weil man der Ansicht war, es wäre besser für das Kind. In der Regel wird heute offener mit diesem Thema umgegangen. Vielfach wird bereits ganz kleinen Kindern beiläufig erklärt, dass es eine zweite Mutter gibt. Manchmal wird auch ein bestimmter Geburtstag abgewartet, um Adoptivkindern mitzuteilen, was geschehen ist. Beide Wege können ebenso richtig wie falsch sein. Der Schock bei der Methode, es dem Kind später zu sagen, ist in jedem Fall größer. Doch in beiden Fällen wird das Kind irgendwann beginnen, sich über seine Herkunft Gedanken zu machen. Dies geschieht unabhängig davon, ob das Leben bei den Adoptiveltern liebevoll geprägt ist oder nicht. Adoptiveltern müssen immer damit rechnen, dass ihr Kind seine leibliche Mutter kennen lernen möchte. Je liebevoller sie es dabei unterstützen, desto besser kann das Kind sich mit den Tatsachen auseinander setzen.

Fragen und Gefühle, mit denen ein Adoptivkind konfrontiert wird

Ein Kind beziehungsweise junger Erwachsener wird wissen wollen, warum es nicht bei der leiblichen Mutter oder den Eltern aufwachsen konnte. Es steht vor der Frage, ob es vielleicht noch mehr Familie gibt wie Geschwister, Großeltern, Onkeln und Tanten. Es wird überlegen, ob diese anderen Menschen von seiner Existenz wissen und wenn ja, ob sie es vielleicht auch kennen lernen wollen. Die ausgelösten Gefühle können sehr gemischt sein. Sie reichen von Sehnsucht über Neugier, aber auch Unverständnis und sogar Hass. Um diese Gefühle nicht fortan mitschleppen zu müssen und selbst ein zufriedenes Leben aufbauen zu können, müssen die Fragen in den meisten Fällen geklärt werden. Nur wenn ein Adoptivkind die Umstände der Adoption kennt, wird es auf die eine oder andere Weise einen Weg finden, damit Frieden zu schließen. Hilfen finden Adoptivkinder, aber auch ihre Eltern zum Beispiel in entsprechenden Selbsthilfegruppen.

Die offene Adoption

Bei einer offenen Adoption wissen die Adoptiveltern bereits, warum es zur Abgabe des Kindes kommt. Sie können Kontakt zur leiblichen Mutter oder den Eltern pflegen. Bei dieser Form der Adoption haben die Kinder die Chance, die Hintergründe altersgerecht früh zu erfahren. Sie können Kontakt zu ihrer Mutter und gegebenenfalls weiteren Verwandten haben. Doch auch wenn es den Anschein hat, dass dies die einfachste Art für das Kind ist, besteht die Gefahr, dass das Kind zu irgendeinem Zeitpunkt entweder die Adoptiveltern oder die leibliche Familie ablehnt. Auch wenn das Kind zu jedem Zeitpunkt alle Fragen stellen kann, bedeutet dies nicht zwangsläufig, dass es mit der Tatsache, nicht in der leiblichen Familie aufgewachsen zu sein, besser umgehen kann. Ein Konflikt der Gefühle kann auch bei einer offenen Adoption auftreten und oft benötigt ein Kind in dieser Situation psychologischen Beistand.

Die geschlossene Adoption

Bei der geschlossenen Adoption erfahren weder die leiblichen noch die Adoptiveltern Namen und Daten der anderen Seite. Dieses Verfahren dient zum Schutz aller beteiligten Personen. Adoptiert eine Familie ein Kind, soll es auch mit allen Rechten wie ein leibliches Kind sein. Die Herkunftsfamilie soll keine Möglichkeit auf die Erziehung des Kindes nehmen können. Dies ist besonders wichtig, wenn die Familien aus unterschiedlichen sozialen Ständen kommen. Mit dem 16. Lebensjahr haben Adoptivkinder allerdings das Recht, ihre Adoptionspapiere sowie ihre Geburtsturkunde einzusehen. Das dürfen sie auch ohne Zustimmung der Adoptiveltern. Sie erhalten damit die Möglichkeit, den Namen ihrer Mutter und eventuell des Vater zu erfahren. Sie selbst können nun entscheiden, ob sie versuchen wollen, einen Kontakt herzustellen. Oftmals möchten sie dies in der schwierigen Phase der Pubertät nicht. Der Entschluss zu einem Kennenlernversuch kommt häufig erst, wenn sie selbst eine Familie gründen wollen und nun die Fragen nach der Herkunft wichtig werden.

Gefühle geraten durcheinander

Mütter, die ihr Kind zur Adoption freigaben, sind meistens froh, wenn das Kind versucht, den Kontakt herzustellen. Endlich bekommen sie die Chance, sich bei dem Menschen zu rechtfertigen, den es am Meisten betrifft. Nur in einer halboffenen Adoption haben sie die Möglichkeit, sich über das Jugendamt mit den Adoptiveltern auszutauschen und wenn diese es gestatten, dem Kind zumindest schriftlich zu erklären, was zur Abgabe geführt hat. Bei der geschlossenen Adoption sind sie darauf angewiesen, zu warten, ob und wann das Kind den Kontakt wünscht. Für das Kind ist es nicht immer wichtig, den Kontakt nach einem kennen lernen auch aufrecht zu erhalten. Oft reicht es aus, zu wissen, wer die Mutter ist und warum sie ihr Kind hergegeben hat. Da die Umstände, die zur Abgabe führten, meist nicht schön sind, benötigen viele Kinder sehr viel Zeit, zu entscheiden, ob die weiteren Kontakt wünschen oder nicht.

Quelle: Handbuch Adoption von Momo Evers und Ellen-Verena Friedemann, Suedwest Verlag, 2007