
- Unbequeme Fragen zum Afghanistan-Krieg - Verlag - Edition Nautilus Hamburg 2010
Wenn einer eine Reise tut... Marc Thörner ist viel gereist, in den vergangenen Jahren vor allem in das, von dreißig Jahren Krieg zerschundene Afghanistan. Er war meistens als Freier Journalist für die ARD-Rundfunkanstalten, oft für das DeutschlandRadio, unterwegs. Zeitweise „eingebettet“ bei der Bundeswehr, der französischen oder US-amerikanischen Armee, also abhängig in seiner Informationsbeschaffung von der Genehmigung der jeweiligen Befehlshaber. Jedoch nicht immer. Thörner bewegte sich keineswegs nur in gepanzerten Mannschaftswagen und abgeschirmt von der Bevölkerung. Er fuhr auch im privaten Pkw und im Taxi und sprach mit Dorf-Bürgermeistern, afghanischen Journalisten, Bauern und mit Aufständischen.
„Papa ist Soldat“– und schießt ohne Warnung auf Taxis
Thörner schildert gleich auf den ersten Seiten, was passieren kann, wenn man als Journalist gemeinsam mit Afghanen in einem Taxi sitzt und hinter einem Bundeswehr-Konvoi fährt: Auf sein Taxi wurde aus dem Bundeswehr-Konvoi heraus ein Warnschuss mit Leuchtspurmunition abgegeben. Gleich auf der ersten Seite seines Buches räumt Thörner auf mit dem Bild des braven deutschen Familienvaters, der am fernen Hindukusch die Deutschen und ihre Freiheit verteidigt oder sich für Afghanen einsetzt. Thörner nimmt Bezug auf das 2007 in München erschiene Buch „Mein Papa ist Soldat“, in dem der Bundeswehrsoldat als Gutmensch daher kommt, der den afghanischen Kindern Bonbons schenkt und dafür sorgt, dass auch die Mädchen eine Schule besuchen können. Thörner zitiert nach dem Beschuss ihres Fahrzeugs seinen Begleiter Harun mit dem Ausruf: “Spinnen die? Wieso geben die nicht vorher irgendein Zeichen? Was haben wir getan?“ Thörner schreibt: „Eigentlich nichts. Wir sind nur da, wir ‚drei Afghanen’ in unserem gelbweißen Taxi. Und wir sind 'Papa' begegnet“.
US-Soldaten ermorden schlafende Hausangestellte
Auf der zweiten Seite beschreibt der Autor, was passieren kann, wenn US-Soldaten auf bloßen Verdacht hin nachts Dörfer überfallen. „Im März 2009 haben US-Spezialeinheiten das Haus des Ortsvorstehers von Imam Sahib gestürmt und fünf seiner Angestellten erschossen. Auf dem Weg vom Portierhäuschen zum Innenhof sehen wir an der Umfassungsmauer die alte, blutdurchtränkte, von Kugeln zerfetzte Matratze liegen.“ Thörner besuchte den Ortsvorsteher wenige Wochen nach dem Überfall. In den Stellungnahmen der US-Army werden aus Hassanjan, dem geistig behinderten Teekocher und Naqibullah, dem Leibwächter sowie den weiteren drei Hausangestellten des Dorfvorstehers „Terroristen,“ die – so war es später in einer Presseerklärung der US-Militärs zu lesen „ wild um sich schießend“ den - tatsächlich gar nicht beim Einsatz beteiligten „afghanischen Polizisten- und US-Spezialtruppen entgegen liefen.“ Fünf harmlose Hausangestellte wurden im Schlaf ermordet - und das mitten im deutschen Mandatsgebiet, nur wenige Kilometer entfernt vom deutschen Feldlager Kundus.
90 tote Frauen und Kinder sind keine zivilen Opfer
Kein Einzelfall. Das weiß Jean McKenzie. Die US-amerikanische Journalistin leitet in der afghanischen Hauptstadt Kabul das „Institute for War and Peace Reporting.“ Als „typisches Muster beschreibt sie einen US-Angriff in Farab am 4. Mai 2009. Genau wie dort sei es auch anderswo gelaufen. „Eine afghanische Einheit wird in ein Gefecht mit Aufständischen verwickelt. Die Afghanen fordern US-Luftunterstützung an. Dorfbewohner bringen Frauen und Kinder in den Häusern der Stammesältesten unter. Am Ende gibt es Luftunterstützung, werfen Flugzeuge Bomben ab. In Farab starben mindestens 97 Menschen, mehrheitlich Frauen und Kinder." Die erste Reaktion des US-Militärs bestand laut Jean McKenzie darin, mitzuteilen, dass es keinerlei glaubwürdige Beweise für den Tod von Zivilisten gebe.
Ein Mörder als Partner der Bundeswehr?
Thörner belegt in seinem Buch eindruckvoll, wie die Öffentlichkeit manipuliert und falsch informiert wird. Einem wichtigen afghanischer Politiker, der Provinzgouverneur im Norden Afghanistans, Atta Mohammed, werden von mehreren Zeugen „systematische Morde und ethnische Säuberungen vorgeworfen. Doch Thomas Kossendey, Parlamentarischen Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium, schätzt Atta als verlässlicher Partner“. Die dort stationierte Bundeswehr kooperiert mit ihm. Die Bevölkerungsmehrheit im Einsatzgebiet der Bundeswehr fürchtet den heutigen Provinzgouverneur Atta als früheren Warlords.
Afghanischer Journalist: Die Deutschen werden belogen
Sayed Yaqub Ibrahimi, zeigt: Die Unterstützung Attas, dass es dem Westen im Afghanistan Krieg nicht um die Hilfe für die Bevölkerung geht, sondern „dass es der westlichen Staatengemeinschaft in Afghanistan letztlich um Hegemonie geht. In einem Interview mit Deutschland Radio sagte Ibrahimi: "Deutschland und die anderen Länder sind nach Afghanistan gegangen, weil sie eine Mission hatten: den Terrorismus und die Drogen zu bekämpfen und eine demokratische Gesellschaft aufzubauen. Daher sagten sie ihren Steuerzahlern: Gebt uns Geld für diese Mission. Heute aber tun die Regierungen der ISAF-Staaten nichts dergleichen und sie belügen ihre Bevölkerung."
Der junge Journalismus-Student, Pevez Kambaksh, der wegen vermeintlicher Lästung des Propheten zunächst zum Tode verurteilt ,und dessen Urteil später in eine zwanzigjährige Jahren Haftstrafe verändert wurde, fiel Thörer zufolge einem Komplott zum Opfer. Sein Pech: Er ist ein Bruder des bekannten Journalisten Ibrahimi.
Quelle und Buchtipp: Marc Thörner, Afghanistan CODE, Edition Nautilus Hamburg 2010, 154 Seiten, 16 Euro.
