Afghanistan: Sofortiger Abzug als Friedensweg?

Reinhard Erös (l.) fordert den Abzug - Oliver Klatt
Reinhard Erös (l.) fordert den Abzug - Oliver Klatt
Reinhard Erös fordert auf dem 2. ökomenischen Kirchentag den sofortigen Abzug aller Soldaten aus Afghanistan. Eklat um Käßmann-Zitat

In der Diskussion um den Afghanistan-Konflikt fordert der prominente Entwicklungshelfer und ehemalige Sanitätsoffizier Reinhard Erös den sofortigen Abzug aller Soldaten aus dem südasiatischen Land. "Militärischer Schutz ist kein Schutz in Afghanistan. Unsere Schulen und Entwicklungsprojekte sind deshalb nicht Ziel von Kampfhandlungen, weil wir ohne jeden militärischen Schutz arbeiten", sagte Erös im Rahmen einer Podiumsdiskussion auf dem 2. Ökumenischen Kirchentag in München.

Jeder Soldat mache die Region unsicherer

Unter großem Beifall des Publikums in der Eissporthalle im Münchener Olympiapark stellte sich Erös damit vor allem gegen die Position von Ruprecht Polenz (CDU). Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages betonte in seinem Statement: "Ein reines, ziviles Kümmern ohne ein Maß an Sichehreit hat in der Vergangenheit nicht funktioniert und wird auch in Zukunft nicht funktionieren."

Dem entgegnete Erös mit Erfahrungen aus der eigenen Entwicklungsarbeit: "Die US-Truppen haben in den Bereichen keinen Zugang. Nur deshalb sind unsere Einrichtungen sicher." Als Alternative sieht er den sofortigen Abzug aller Truppen der NATO und der Vereinigten Staaten. Eine nachhaltige Entwicklung sei nur zivil möglich. Dabei übte er vor allem Kritik an Ausbildung und Auftreten der US-Armee. Deren Soldaten fehle jegliche interkulturelle Kompetentz, so Erös.

Eklat um Käßmann-Zitat

Einen Eklat löste der katholische Bischof von Fulda Heinz Josef Algermissen aus. Angesprochen auf das prominente Zitat der ehemaligen evangelischen Bischöfin Margot Käßmann, nichts sei gut in Afghanistan sagte er: "Zwar ist das Engagement in Afghanistan gescheitert, doch Frau Käßmann kann ich nicht zustimmen. 'Nichts ist gut in Afghanistan', ist so nicht haltbar und auch für eine Predigt vollkommen ungeeignet."

Algermissen wurde für seine Äußerungen aus dem Publikum ausgepfiffen und beschimpft. Teile der Zuhörer forderten dem Geistlichen das Wort zu entziehen. Erös entgegnete für seinen Teil dem Bischof: "Es ist in Afghanistan nichts sicher geworden - nur unsicherer. Der Begriff Partisanenkrieg trifft zur Zeit in Afghanistan zu."

Bundeswehr ein Gartenzwerg

Vor allem Polenz und Winfried Nachtwei (Grüne) hielten sich bedeckt für die Forderungen, die Bundeswehr möglichst bald aus Afghanistan abzuziehen. Dies fordern nach aktuellen Umfragen mehr als 70 Prozent der Deutschen. Bereits am Vortag hatte Susanne Kastner (SPD), Vorsitzende des Verteidigungsausschusses des Deutschen Bundestages gefordert: "Die Sinnhaftigkeit des Afghanistan Engagements in die Köpfe der Menschen zu tragen," anstelle blind aus der Region abzuziehen. Vor allem Polenz erhielt Schelte aus dem Publikum. Mit Zwischenrufen, wie: "Polenz lügt!" und "Schluss mit derm Morden" versuchten Zuschauer, das Podium zu übertönen.

Erös, der die Counter Insurgency Strategie des ISAF Oberbefehlshabers Stanley Mc Chrystal für falsch und undruchführbar hält, bezeichnete in diesem Zusammenhang die Bundeswehr als "militärischen und politischen Gartenzwerg" in der Region, dessen Engagement keinen Unterschied mache. Er bezeichnete ferner die Bundeswehr als Sicherheitsrisiko für Hilfsorganisationen vor Ort. Der Afghanistan-Konflikt gehörte zu den zentralen Konfliktthemen des 2. Ökumenischen Kirchentages, der unter Beteiligung zehntausender Menschen vom 12. bis 16. Mai in München stattfand.

Robert Malzbrand, Robert Malzbrand

Robert Malzbrand - Robert Malzbrand Jahrgang 1980, geboren in Berlin. Studium der Politikwissenschaften, Friedens- und Konfliktforschung. Erfahrung ...

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