After Eight - Schokolade für Aristokraten

After Eight ist ein After Dinner Mint - das heißt, man darf es erst nach acht Uhr essen. - Louis Max Blank
After Eight ist ein After Dinner Mint - das heißt, man darf es erst nach acht Uhr essen. - Louis Max Blank
Das wohl berühmteste After Dinner Mint der Welt schmeckt auch der englischen Königin. Wie After Eight entstand und was daraus wurde.

Wer sich den Magen mit einem opulenten Mahl vollgeschlagen hat, braucht mitunter eine kleine Verdauungshilfe, um das Völlegefühl wieder loszuwerden. In Russland trinkt man einen Wodka (und wirft das Glas hinter sich), in Italien genehmigt man sich einen Caffè corretto mit einem Schuss Grappa, die Spanier lieben ihren Chupito mit Honigrum, wir Deutschen vielleicht einen Kräuterlikör und die Engländer? Die genehmigen sich ein oder zwei Dinner Mints – auf die feine englische Art. Nicht, dass die Briten keine Spirituosen mögen, aber die trinken sie lieber vor dem Essen als Aperitif. Nach dem Dinner genießt man gern das süß-herbe Geschmackserlebnis einer Pfefferminzcreme, die von zartbitterer Schokolade umarmt wurde.

Oft kopiert, doch nie erreicht

Die Rede ist vom wohl berühmtesten Schokoladentäfelchen der Welt, das in einer eleganten grünen Schachtel mit einer Kaminuhr steckt. Diese goldene Uhr zeigt an, dass es schon längst nach acht ist. Höchste Zeit also für ein After Eight.

Wie bei allen guten Dingen finden sich natürlich auch allerhand Nachahmer auf dem Markt. Pfefferminztäfelchen gibt es in Deutschland mittlerweile von Scholetta, Böhme oder Kaufhausmarken wie Kaufland oder Aldi in allen Preisvarianten. Doch die echten, englischen Mints lassen sich nicht kopieren. After Eight gilt als der Rolls Royce unter den Minzschokoladentäfelchen und beherrscht den Markt nach eigenen Angaben mit 54 Prozent. Verwendet wird nur 100 Prozent natürliches Pfefferminzöl, das leicht irritierbare Verdauungssysteme beruhigt. Wohl auch deshalb ist After Eight das ideale After Dinner-Praliné.

Wer hat After Eight erfunden?

Man könnte meinen, das traditionell-konservative Design der After Eight-Schachteln stamme aus einem anderen Jahrhundert. Doch in Wahrheit sind die britischen Schokotafeln gar nicht so alt. Sie wurden erst 1962 von der englischen Firma Rowntree Mackintosh kreiert. Im Original heißen die Schokoblättchen After Eight Thin Mints und wurden in der ersten Werbekampagne 1963 als "das perfekte Ende einer vornehmen Dinnerparty" - "the perfect end to a high-class dinner party“ angepriesen. Ein edler Rausschmeißer also!

Seit gut 48 Jahren werden die Minttäfelchen in der Kleinstadt Castleford in der Grafschaft West Yorkshire hergestellt. Castleford ist eine Industriestadt, wo auch das weltweit bekannte englische Modelabel Burberry seinen Sitz hat und der berühmte Bildhauer Henry Moore 1898 geboren wurde. Allerdings stehen auch hier wie in vielen Teilen Englands die Zeichen auf Niedergang. Vom Kohlebergbau ist nichts mehr übrig – alle Minen sind geschlossen. 1988 wurde Rowntree vom Schweizer Lebensmittelriesen Nestlé freundschaftlich übernommen. Jedes Jahr werden nun 1 Milliarde After Eight-Mints von Castleford in 30 Länder exportiert. Das berühmte Mintplätzchen hat also längst einen Siegeszug um die Welt angetreten, und verrät zugleich, dass ein Engländer spätestens acht Uhr zu Abend speist.

In Deutschland wird After Eight seit 1967 in Wandsbek bei Hamburg für Nestlé hergestellt. Die Schweizer versuchen immer wieder das klassische Erfolgsmodell durch weitere Varianten zu ergänzen. So gibt es die Mints auch in Milchschokolade, mit Blutorangen- oder Limonengeschmack oder weißer Vanilleschokolade. Allerdings fand diese Variante nicht viele Freunde und wurde in Testberichten als "unpassend" bewertet. Vanillearoma und Minze gehören einfach nicht zusammen.

Edle Verpackung für eine edle Schokolade

After Eights edle Geschmacksnuancen und ihr unvergleichlicher Duft werden durch eine nicht weniger edle Verpackung ergänzt. Jedes einzelne quadratische Mint steckt in seinem Tütchen aus schwarzem Papier. Auf dem erscheint wieder die sonderbare Kaminuhr, die daran erinnert: Yes, its After Eight! Time to have a chocolate! Sofort fühlt man sich in die Kindheit zurückversetzt, als man tatsächlich dachte, diese Schokolade dürfe man nicht vor acht Uhr essen! Umso größer war die Enttäuschung über den Geschmack. Denn After Eight war von Anfang an nur etwas für Erwachsene und schmeckt den meisten Kindern gar nicht. Man muss also regelrecht hineinwachsen, um der englischen Minze gewachsen zu sein. Allerdings eignen sich die delikaten Täfelchen weniger für die Tropen. Die hohen Temperaturen lassen Schokolade und Minzfondant schnell schmelzen. Vielleicht sind sie deshalb in den extra Tütchen verstaut? Wer im Hochsommer eine Packung After Eight im Auto liegen lässt, bedankt sich jedenfalls bei den Verpackungsingenieuren für die gute Idee.

After Eight pflegt eine humorvoll-frische Webpräsenz

Wie das Produkt ist übrigens auch das Design der Website von After Eight eine geschmackvolle Sache. Hier mischen sich britisches Understatement, Eleganz und Humor auf feine Weise. Zwar seien die Tage des klassischen Dinners mit all den Formalien passé, heißt es in der Internetpräsenz, doch das bedeute nicht, dass man alle Errungenschaften über Bord werfen müsse. Britischer Witz wird auch bei den Do’s und Dont’s zur Dinner-Party bewiesen. Eine Grafik zeigt, wie die geöffnete After Eight-Schachtel auf der gedeckten Tafel für die vornehmen Gäste präsentiert werden sollte. Und zwar so, dass die daumenförmige Greiföffnung zu den Gästen hinweist und ihnen nicht den Rücken zukehrt. Außerdem wird empfohlen, einige Tütchen aus der Schachtel leicht herauszuziehen, um das Zugreifen zu erleichtern. Das Prozedere erinnert an die Abläufe einer japanischen Teezeremonie. Die Website hält des Weiteren feine Rezepte für Desserts, Dinner Party Tipps, unterhaltsame Spiele und eine passende Playlist für den gelungenen Abend (die allerdings kostenpflichtig ist) bereit.

Rezepte mit After Eight-Mintblättchen:

  • Lime and Mint Chocolate Posset
  • Winter berry yogurt sherbets
  • Butter croissant pudding with mint chocolate custard
  • Chocolate mint sundae fondants

Das geschmähte Siegel der Queen – Nestlé verzichtet darauf

Auch die einflussreichste Frau Englands, die Queen persönlich, hat die dünnen Schokotafeln abgenickt, und ihnen die höchste Auszeichnung, die ein Produkt im Vereinigten Königreich bekommen kann, verliehen. Das Prädikat mit dem königlichen Gütesiegel "Warrant of Her Majesty" enthält zudem den Hinweis: "By appointment to her Majesty the Queen". Diese Ehre erhalten nur Produkte von besonderer Qualität, die mit besonderer Sorgfalt hergestellt wurden. Seit einigen Jahren aber scheint der Einfluss der Königin nachzulassen. Anders ist nicht zu erklären, dass After Eight auf das Siegel freiwillig verzichtet hat. Im Dezember 2009 standardisierte Nestlé die Verpackung und ließ das königliche Wappen einfach weg. Die britische Zeitung The Guardian vermutet, dass gerade bei internationalen Unternehmen wie Nestlé das Siegel eher als Ballast denn als Ehre empfunden werde. Eine Umfrage der Marketingfirma Coley Porter Bell unter 230 befragten Kunden ergab, dass das Siegel von 42 Prozent für unbedeutend gehalten wird.

Quellen:

The Guardian: John Crace: Is the royal warrant losing its appeal?, 19.1.2011

Nestlé

Louis M. Blank, Blank

Louis Max Blank - Journalist auf Reisen

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