
- Agatha Christie - in über 100 Sprachen übersetzt - U. Kohaupt
Ein Krimi von Agatha Christie ist im wahrsten Sinne ein Mordsvergnügen: schrullige Charaktere gepaart mit typisch britischem Flair und angemessener Spannung. Was steckt hinter dem Phänomen Agatha Christie?
Agatha Christie – Lady of Crime
Am 15. September 1890 im englischen Torquay geboren, genießt Agatha Christie eine unbeschwerte Kindheit und trägt sich mit dem Gedanken, Sängerin zu werden. Doch 1912 lernt sie den Offizier Archibald Christie kennen, in den sie sich verliebt. Sie heiratet ihn 1914. Wie viele junge Frauen leistet auch sie freiwilligen Kriegsdienst. Hier, im Umgang mit Medikamenten, wächst der Gedanke eine Geschichte um einen Giftmord zu schreiben.
Mit diesem ersten Roman erging es Christie zunächst nicht anders als anderen Schriftstellern: es dauerte, bis sich ein Verleger fand. Doch dann kommt der Erfolg rasant. In den nächsten Jahren schreibt Christie nicht nur eifrig, sondern wird auch Mutter einer Tochter. "Alibi", ihr sechster Roman, bringt 1926 den Durchbruch.
Privat läuft es nicht so gut: 1928 wird Agatha von Archibald geschieden. Auf einer langen Reise lernt sie den Archäologen Max Mallowan kennen, den sie 1930 heiratet und der sie zu dem Ausspruch inspirierte: "Ein Archäologe ist der beste Ehemann, den eine Frau haben kann; je älter sie wird, um so mehr interessiert er sich für sie".
Die Eindrücke ihrer Reisen flossen immer wieder in Christies Romane ein. Ihren letzten Krimi schreibt sie zwei Jahre vor ihrem Tod, dem 12. Januar 1976.
Mit über zwei Milliarden verkauften Büchern gilt Agatha Christie als die erfolgreichste Krimiautorin der Welt.
Agatha Christie und ihre Helden
Agatha Christie hatte nicht nur einen Helden, sondern eine ganze Reihe von Hobbydetektiven an der Hand, die in ihren Büchern die Hauptrollen übernehmen konnten: Allen voran Miss Marple, die von der unvergessenen Margaret Rutherford in vier Filmen nahezu perfekt verkörpert wurde. Dann der eierköpfige belgische Hercule Poirot mit dem affektiert gezwirbelten Schnurrbart und den polierten Lackschuhen, der immerzu auf die korrekte Aussprache seines Namens besteht und dem ein eifriger, aber etwas begriffsstutziger Captain Hastings zur Seite steht. Ferner hat Christie das pfiffige Ehepaar Tommy und Tuppence Beresford sowie Mr. Parker Pyne, Superintendent Battle und die lebenslustige Mrs. Oliver dazu ausersehen ihre verzwickten Fälle zu lösen. Letztere ist fast so etwas wie eine autobiografische Figur, denn sie ist Krimischriftstellerin und klagt dann und wann ihr Leid über die Tücken des Autorendaseins.
Dorothy L. Sayers soll zu Agatha Christie bei einem Dinner im Detection Club, dem exklusiven Londoner Klub der Kriminalautoren, einmal gesagt haben: "God I’m sick of Wimsey. Aren’t you sick of Poirot, Agatha?"* Bei der Auswahl an Hobbyspürnasen dürfte es Mrs. Christie wohl nicht so ergangen sein wie Mrs. Sayers.
Das Rezept eines Romans von Agatha Christie
The Mysterious Affair at Styles ("Das fehlende Glied in der Kette") von 1920 war Agatha Christies erster Roman und er weist bereits das Muster auf, von dem Christie im Laufe ihrer Krimikarriere nicht mehr lassen sollte. Man nehme:
- einen Mord, der gleich zu Beginn der Geschichte geschieht
- einen engen Kreis von Verdächtigen
- einige sogenannte red herrings (falsche Fährten)
- einen unverwechselbaren (Hobby-)Detektiv
- einen nicht allzu geistig regen Assistenten, der dem Detektiv zur Seite steht
- einen double twist (ein Täuschungsmanöver) kurz vor Schluss
- einen gut inszenierten Showdown, bei dem der Mörder überführt wird
Bei all dem gilt das Fairplay, das auch Ronald A. Knox in seinen Regeln für einen klassischen Kriminalroman 1928 gefordert hat. Soll heißen: der Leser ist immer auf dem gleichen Wissensstand wie der Detektiv, ihm werden keine Erkenntnisse vorenthalten, sodass er seine kleinen grauen Zellen im Wettkampf mit Poirot & Co arbeiten lassen kann.
Cozy Murder – Krimis auch für schwache Nerven
Ihr scheinbar einfaches Rezept variierte Agatha Christie in Dutzenden von Spielarten in rund 70 Romanen – und es wird dem Leser niemals langweilig dabei. Für Krimifreunde, die Nervenkitzel und Action bevorzugen, für die Blutvergießen zu einem spannenden Plot dazugehört, ist Christie nicht die richtige Lektüre. Als cozy mystery wird ihr Genre beschrieben, als anheimelnd und gemütlich – obwohl ein Mord im Zentrum des Geschehens steht. Agatha Christie war nie eine Freundin unappetitlicher Details, wie sie gerade in der zeitgenössischen Krimiliteratur en vogue sind. Shocking ist nicht ihr Thema. Für Christie ist der Kriminalroman eine elaborierte Form des Kreuzworträtsels, ein Puzzle, ein Gedankenspiel, das Fantasie und Verstand beim Autor und beim Leser voraussetzt.
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Quellen:
- Ulrike Leonhardt: Mord ist ihr Beruf. Eine Geschichte des Kriminalromans, München 1990. (*Zitat S. 88)
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