
- Aggressionen in Beziehungen - Fotokünstler Gerd Altmann - pixelio.de
Leider wird man von Mitmenschen nicht immer so behandelt, wie man es sich erhofft. In zwischenmenschlichen Beziehungen liegt oft eine Hauptquelle für menschliches Unglück. Man wird verlassen und verraten, belogen, gedemütigt, ausgenutzt und betrogen. Und das von Menschen, mit denen man besonders eng emotional verbunden ist.
Harmoniebedürfnis kontra Beziehungsrealität
Differenzen und Feindseligkeiten erscheinen gerade zwischen nahestehenden Menschen häufig unvermeidlich. Persönliche Vorstellungen von Harmonie stoßen schnell auf Widerstand und Ablehnung. Interessen in Beziehungen können unterschiedlich bis unvereinbar sein. Da es Menschen überwiegend vorziehen, ihre eigenen Absichten durchzusetzen und sich nicht immer nur nach anderen Bedürfnissen richten wollen, ist mit Aggressionen zu rechnen. Und auch der Anteil eigener Feindseligkeit ist nicht zu unterschätzen. Das Wunschprinzip des guten Menschen scheitert schnell an der Beziehungsrealität. Auch gibt es kein Recht auf Anstand, wenn man sich immer nur selbst anständig benimmt, obwohl diese Annahme durch eine von Moral und Ethik geprägte Erziehung im Elternhaus gefördert wird. So schrieb schon Sigmund Freud zu diesem Widerspruch: “Indem sie die Jugend mit so unrichtiger psychologischer Orientierung ins Leben entlässt, benimmt sich die Erziehung nicht anders, als wenn man Leute, die auf eine Polarexpedition gehen, mit Sommerkleidern und Karten der oberitalienischen Seen ausrüsten würde”.
Aggressives Verhalten in Beziehungen
Geht man davon aus, alle Verhaltensweisen, die einen anderen Menschen ängstigen, schwächen oder schädigend manipulieren, als “aggressiv” zu werten, wird die Verbreitung von Aggression im “normalen” Alltag deutlich. Jeder Mensch bewegt sich in einem zwischenmenschlichen Beziehungsgeflecht und wird schnell mit offen oder verdeckt geführten Angriffen konfrontiert. Alltägliche Feindseligkeiten erscheinen eher harmlos. Doch schon ein herabsetzendes Wort, ein Blick oder eine bedrohlich wirkende Geste stören das Wohlbefinden. Schlimmere Folgen ergeben sich, wenn man zur Zielscheibe wird. Somit zum Opfer vielfältiger Aggressionsstrategien. Obwohl sich Menschen dadurch umfassend schädigen und nicht selten die seelische und körperliche Gesundheit auf dem Spiel steht, wird diese Tatsache zu häufig übergangen und ignoriert. Auch sind nur wenige Menschen bereit, ihr eigenes Aggressionspotential selbstkritisch zu überdenken. Zu selbstverständlich wird intrigantes und herabwürdigendes Verhalten gesellschaftlich akzeptiert. Eine Ellenbogenmentalität, die viele aggressive Formen des Miteinanders als “normal” erscheinen lässt und die Abgrenzung zu angemessenen Verhaltensweisen deutlich erschwert.
Gesellschaft und Aggression
Menschen können grausam, zerstörerisch und somit aggressiv sein. Das ist eine Tatsache. Nach Thesen des Soziologen Norbert Elias ging man mit aggressiven Gefühlen in früheren Epochen spontaner um. Sie wurden ungebrochener ausgelebt. Ohne offene Kampfeslust und aggressive Hassgefühle hätte beispielsweise das Leben eines Ritters seinen Sinn verloren. Spätere zivilisatorische Entwicklungen hätten, so meint Elias, die Neutralisierung und Kanalisierung von Emotionen bewirkt. In der modernen Gesellschaft ist Selbstbeherrschung und Affektdämpfung für das Zusammenleben unbedingte Voraussetzung. Trotzdem ist Friedfertigkeit kein gesellschaftlicher Wert, der uneingeschränkt Zustimmung findet. Die Fähigkeit und Bereitschaft, sich durchzusetzen und erfolgreich Konflikte auszutragen, gilt als erstrebenswert. Erfolgreich ist, wer aggressiv eigenmächtig und auch gegen die Interessen anderer Menschen handelt. Die amerikanische Soziologin Hannah Arendt interpretiert sogar den Verzicht auf Aggressivität nur als Privileg der Schwachen. Das gesellschaftliche Verhältnis zu aggressivem Verhalten ist somit gespalten. Und erschwert die moralische Orientierung. Der Umgang mit Aggressionen bewegt sich in einer irritierenden Grauzone zwischen Verboten, Verdrängung und erfolgsorientiertem Verhalten.
Aggressionen als Mittel zum Zweck
Niccolo Machiavelli beschrieb, wie ein guter Mensch zugrunde gehen muss an so vielen, die nicht gut sind. Obwohl Menschen Aggression überwiegend ablehnen, wird sie als Mittel zur Selbst - und Machterhaltung geschätzt. Der entstehende Zwiespalt wird gelöst, indem jede Aggression eine Rechtfertigung braucht. Aggression um ihrer selbst willen ist verboten. Aggression mit einem guten Grund ist legitim. Menschen in Machtpositionen verfügen über ein Rechtfertigungsmonopol. Aggression wird zur Durchsetzungskraft. Kindern ist aggressives Verhalten gegen Eltern streng verboten. Jedoch wenden Eltern aggressive Methoden geschickt verdeckt nicht selten bei ihren Kindern an. Abgeschwächt als Drohung, Beschimpfung, Erniedrigung, Liebesentzug und Schuldzuweisung wird Aggression zum Element der Erziehung. Aggressiv handelnde Chefs gehören zur Alltagserfahrung. Aggressive Angestellte eher nicht. Menschen in untergeordneten Positionen ist Aggression nicht erlaubt. Die Psychologin Claudia Szczesny-Friedmann betont in diesem Zusammenhang, wie das Gute gepredigt und gleichzeitig als Schwäche verachtet wird. Beziehungen haben oft deutliche Machtgefälle. Aggression dient dem Machterhalt.
Machtspiele in Beziehungen
Machtspiele in Beziehungen sind Methoden, mit denen der Mensch in überlegener Position andere einschüchtert und zu bestimmten Handlungen nötigt. Diese Demonstration von Stärke und Überlegenheit erfolgt schrittweise und kann an Intensität zunehmen. Anfänglich bleiben Machtspiele zumeist auf verbale Aggressionen beschränkt. Wortgefechte hinterlassen im Gegensatz zu roher Gewalt keine sichtbaren Spuren. Mienenspiel, Gebärden und Lautstärke des Aggressors verraten, dass Worte nur Schläge ersetzen. Die Intensität verbaler Attacken steht oft in keinem Verhältnis zum eigentlichen Anlass und verwirrt das Opfer extrem. Die Chancen stehen gut, Fügsamkeit und Unterordnung vom derart verbal Attackierten zu erzwingen.
Oft bemühen sich unterlegene Beziehungspartner trotz dieser persönlichen Erniedrigungen, Bindungen aufrecht zu erhalten. Jedoch verlieren sie dadurch doppelt, da sie vermeintlich schuldig sind und angeblich die Aggression ihres Partners selbst verursachen. Wer in Beziehungen jedoch seine aggressiven Impulse ungestraft ausleben und damit den Partner dominieren kann, wird nicht von selbst wieder damit aufhören. Das Karussell der Machtspiele beginnt sich zu drehen und der Verlierer steht fest, bevor es beginnt. Oft braucht es viel Zeit, ehe der Unterlegene die Spielregeln durchschaut. Der Verlierer kann konsequent reagieren und die Beziehung abbrechen. Oder er verändert sich, so dass er zum gleichwertigen “Gegenspieler” wird. Nur Trennung oder ein “Waffenstillstand” wird dauerhaft Machtspiele beenden.
Literaturquelle: Du machst mich verrückt, Psychoterror in Beziehungen, Claudia Szczesny-Friedmann, 1999, Hamburg, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 207 Seiten, ISBN 3 499 60646 1
