
- Heinrich von Kleist - http://www.google.de/imgres?imgurl=http://lesekrei
Einer der bedeutendsten dieser Außenseiter der menschlichen Gesellschaft und gleichzeitig wichtiges Mitglied unter den tragischsten deutschen Künstlerfiguren ist Heinrich von Kleist. Er scheiterte am gnadenlosen preußischen Militär, an den gesellschaftlichen Anforderungen und am eigenen Unvermögen.
Dabei war sein Leben eigentlich voller Chancen. Heinrich von Kleist wurde am 18. Oktober 1777 geboren und entstammte einer recht wohlhabenden Familie des pommerschen Uradels. Der Sohn eines preußischen Offiziers war gebildet, sensibel und ehrgeizig. Dennoch erschoss er mit 34 Jahren zuerst seine verheiratete Freundin Henriette Vogel, die angeblich an Krebs litt, und schließlich sich selbst. Dies geschah am 21. November 1811 in der Nähe eines Gasthauses am Kleinen Wannsee. Augenzeugen fiel kurz vorher ihr fröhliches, gelöstes Verhalten auf. Beide sehnten sich danach, ihr Leben zu beenden, wie ihre Abschiedsbriefe beweisen.
Henriette Vogel schrieb an ihren Mann: „Mein treuer geliebter Louis! Nicht länger kann ich mehr das Leben ertragen, denn es legt sich mir mit eisernen Banden an mein Herz. […] Nur soviel weiß ich zu sagen, dass ich meinem Tod als dem größten Glücke entgegensehe.“
Und in Kleists Abschiedsbrief an seine Schwester heißt es: „Möge dir der Himmel einen Tod schenken, nur halb an Freude und unaussprechlicher Heiterkeit, dem meinigen gleich.“
Kleists Scheitern
Die Beziehung zwischen den Leidensgenossen Heinrich und Henriette definierte sich vor allem über ihr gemeinsames Ziel: den Lebensüberdruss zu beenden. Eine andere wichtige Frau in Kleists Leben schien seine Schwester Ulrike zu sein, wie Briefe und schriftliche Zeitzeugnisse belegen. Mit ihr unternahm er lange Reisen, ausgedehnte Ausritte. Ihr gegenüber öffnete er sich, obwohl Kleist gleichzeitig, nach dem damaligen Rollenverständnis, mit ihrem ‚unweiblichen‘ Verhalten haderte. Dabei spürte er selbst den Druck durch zeitgenössische Ansichten. Nach sieben Jahren beendete Kleist seine militärische Laufbahn im Potsdamer Garderegiment, in das er 1792 mit nur vierzehn Jahren eingetreten war. Dann scheiterte seine wissenschaftliche Karriere nach wenigen Semestern an der Frankfurter Universität. Seine literarischen Werke stießen bei den meisten Zeitgenossen auf Unverständnis. Auch als Journalist und Zeitungsherausgeber hatte Heinrich von Kleist keinen Erfolg, 1811 musste sein letztes Projekt, die „Berliner Abendblätter“, nach einem halben Jahr eingestellt werden. Ihm blieb neben Schulden lediglich die Erkenntnis, dass keines seiner Ziele zu gelingen schien. An Adolfine von Werdeck schrieb der unzufriedene Kleist schon 1801: „Ach, ich trage mein Herz mit mir herum, wie ein nördliches Land den Keim einer Südfrucht. Es treibt und treibt, und es kann nicht reifen.“
Rastlos reiste er durch Europa, phantasierte von einem einfachen Leben als Bauer und litt unter quälenden Versagensängsten und zwanghafter Selbstbewertung. Er stotterte und litt unsäglich darunter. Heinrich von Kleist scheiterte auf ganzer Linie.
Todessehnsucht und Ausweglosigkeit
Was hätte ihn retten können? Vertraute? Mehr Anerkennung durch Zeitgenossen? Christa Wolf ist in ihrer Erzählung „Kein Ort. Nirgends“ dieser Frage nachgegangen, indem sie eine fiktive Begegnung zwischen Kleist und Karoline von Günderrode inszeniert. Letztere erdolchte sich im Sommer 1806. Was wäre geschehen, wenn sich die zwei Unglücklichen getroffen hätten? Bei Wolf ist die Antwort ernüchternd: Alles wäre wohl trotzdem so gekommen. Beide verstehen das Leiden des anderen, spüren das gegenseitige Gefühl des Ungenügens, das durch die Realität in ihnen ausgelöst wird. Doch dann gehen sie auseinander, denn die Todessehnsucht der beiden blieb unheilbar.
Zeitlose Werke
Was bleibt, sind ihre Werke, die heute zum Kanon der deutschen Literaturgeschichte gehören und die dem Leser die menschlichen Abgründe und Probleme aufzeigen. Kleists Protagonisten sind durch große, innere Spannungen gekennzeichnet, leiden unter ständiger Gewalt und der Angst, dass etwas Schlimmes, Unvorhergesehenes geschehen könnte. Er beschreibt Hass und Tod, aber auch Liebe, genau und schonungslos. In seinem „Michael Kohlhaas“ verarbeitet Kleist einen tiefen Gerechtigkeitssinn und schildert gleichzeitig eine selbstzerstörerische Wut, die schließlich im Unrecht endet. Nicht nur seine Figuren scheinen zerrissen durch Gegensätze, am Ende seines Lebens schreibt der Autor an seine Schwester: „… die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war.“
