Ein brutaler Serienkiller macht die texanische Großstadt Houston unsicher. Der „Houston Hacker“, wie er sich selber in Briefen an die Lokalpresse und Polizei nennt, schlachtet unschuldige Frauen und Prostituierte brutal ab, vergewaltigt sie und nimmt ganze Körperteile als Trophäe mit. Seine Taten, mit denen er Polizei und Öffentlichkeit verhöhnt, bezeichnet er als einen "Akt der Liebe".

Der erfahrene, fettleibige und bärbeißige schwarze Detective Marvin "Gorilla" Hanson und sein junger, weißer und studierter Partner Joe Clark heften sich an die Fersen des Killers, der ihnen immer eine Nasenlänge voraus erscheint. Und nicht nur das – der sadistische Frauenhasser macht die beiden Ermittler und ihren Stab selbst zum Ziel seiner Jagd, vor allem Hansons Frau und Tochter.

"Akt der Liebe" - ein vergessener Vorläufer des Serienkiller-Genres

Wer diese Inhaltsangabe liest und sich im Serienkiller- und Psychothriller-Genre auskennt, winkt vielleicht ab, weil er zahlreiche Stereotypen dieses populären Subgenres des Kriminal- und Horrorromans zur Genüge kennt. Und tut dem Roman "Akt der Liebe" Unrecht, denn dieser hat mittlerweile 30 Jahre auf dem Buckel und nahm bei seiner Erscheinung 1981 in den USA viele Inhalte und Muster dieses Genres vorweg. Der Ruhm aber blieb ihm versagt.

Der Texaner Joe R. Lansdale, geboren 1951, wurde weltweit bekannt mit der Buchreihe um das ungewöhnliche Ermittlerduo Hap Collins, einen weißen, heterosexuellen Kriegsdienstverweigerer und Leonard Pine, einen schwarzen, schwulen Vietnam-Veteranen. In den vergangenen drei Jahrzehnten schrieb er zahlreiche Krimis, Horror, Western, Science Fiction, Fantasy-Bücher, Dramen und Comics und erhielt einige Auszeichnungen.

Während er in den USA einen gewissen Insider- und Kultstatus genießt, wird er hierzulande erst seit kurzem in der löblichen Buchreihe Heyne Hardcore aufgelegt. Bisher erschien von ihm in Deutschland nur der krude Jugendgang-Horrorroman "Der Gott der Klinge" in einer vorbildlichen Taschenbuch-Werkausgabe.

Der lange, 30 Jahre lange Irrweg von "Akt der Liebe"

"Akt der Liebe" ist Lansdales Debütroman und entstand 1979/80. Nach einer langen Odyssey über diverse Agenten und Verleger erschien der Roman im Frühling 1981 in den USA, erregte einiges Aufsehen und verschwand schnell wieder aus den Regalen. Die bis dato kaum gekannte Brutalität in Mainstream-Krimis, der unhippe Tatort Houston/Texas, ein abgedrehter Serienkiller als Titelheld und ein schwarzer Ermittler im konservativen Süden Amerikas ließen Verleger und Kritiker am Erfolg des Romans zweifeln.

Erst 1992 erschien der Roman wieder auf dem Markt, und weitere zwei Jahrzehnte schließlich auch auf dem deutschen Markt. Die Entstehungsgeschichte und den Irrweg des Buches kann man gut im Nachwort des Autoren sowie in einem lobenden Vorwort des Erfolgsautoren Andrew Vachss nachlesen.

Das Traurige an der Geschichte dieses kleinen, wieder entdeckten Genrejuwels ist die Tatsache, das viele andere Thrillerautoren wie Thomas Harris mit seinen Hannibal-Lecter-Romanen wie „Roter Drache“ und "Das Schweigen der Lämmer" an Lansdale vorbei zogen und den Ruhm einheimsten. In den vergangenen drei Jahrzehnten erschienen fast wöchentlich neue Bücher, Dokumentationen, Filme und TV-Episoden über Psychokiller und Serientäter, die heute fast zu jeder erfolgreichen TV-Krimiserie gehören.

Joe R. Lansdale im Schatten von Thomas Harris "Schweigen der Lämmer"

Dabei ist es schon bezeichnend, dass "Act of Love", so der Originaltitel, erst nach der erfolgreichen Verfilmung von Harris Genreklassiker "Das Schweigen der Lämmer" (1991) wieder auf den Markt kam. Lansdale scheint diese Entwicklung immer noch zu betrüben, so wie er in seinem Nachwort über seine Verleger, Agenten und andere Autoren sarkastisch sinniert.

Dabei braucht sich "Akt der Liebe" wirklich nicht hinter anderen bekannten Serienkiller-Romanen aus den USA sowie deren Pendants aus Europa und anderen Kontinenten verstecken. Der durchweg spannend und stellenweise nervenzerreißende Thriller vereint gekonnt die Genres des Polizeikrimis, Psychothrillers und Horrorromans und erschafft eine morbide, brutale und fast nekrophile Atmosphäre, die die dreckigen Armenviertel der Stadt, dem Tatort des Täters, den beschaulichen Vorstadtvierteln mit seinen Polizistenheimen gegenüber stellt.

Dazu erschuf Lansdale mit dem Houston Hacker einen phantasievollen, surrealen und brutalen Mörder, der in seinem Splatter- und Horrorcharakter den Figuren aus dem ebenfalls bei Heyne Hardcore wieder aufgelegten Autoren Richard Laymon und Jack Ketchum ähnelt.

Marvin "Gorilla" Hanson – ein ungewöhnlicher texanischer Profiler

Und der voluminöse, grobschlächtige Ermittler Gorilla Hanson sticht ebenfalls aus der Masse bekannter Polizisten und Profiler heraus - und man es bedauert nach dem Lesen sehr, dass er nicht Titelheld weiterer Romane des Autoren geworden ist.

Alles in allem ist "Akt der Liebe" ein spannender, sehr brutaler und teilweise ans Splatter- und Underground-Genre angelegter Kriminalroman, der auch noch fast 30 Jahre nach seiner Entstehung zu unterhalten und begeistern weiß. Und bei dem man sich nach dem Lesen fragt, warum ihm ein so bedauerliches Schicksal und Schattendasein im überfüllten Kriminalroman-Angebot beschieden ist.

Mehr Informationen über Joe R. Lansdale gibt es auf der Website des Autoren.

Joe R. Lansdale: Akt der Liebe. Heyne Hardcore 2010. Broschiert, 288 Seiten. 8,95 Euro.