Timothy Garton Ash alias „Romeo” macht sich auf die Suche nach der deutsch-deutschen Vergangenheit, die detailliert in der eigenen Akte des Wissenschaftlers von den „Schattenmännern- und frauen“ der Stasi während seiner Aufenthalte in der DDR notiert worden ist. Anhand eines Abgleichs mit seinem Tagebuch und im nachhinein angestellten Nachforschungen gelingt es ihm den Schleier der Geschichte anzuheben und ein Licht auf das Funktionieren des Ministeriums für Staatssicherheit MfS zu werfen.
Welt der Kürzel und Akronyme: Stasi für Anfänger
Mit ironischer Spitze und einem offenen Auge für die moralischen Implikationen des menschlichen Handelns eröffnet Garton Ash vor dem Leser den Wirkungsbereich der Staatssicherheit. Ohne pseudowissenschaftliche Erwägungen zeigt der Schriftsteller die wichtigsten Begrifflichkeiten im Umgang mit den Stasi-Akten auf. Für manch einen kann die „Akte Romeo“ somit zu einem literarischen Kompendium über die Stasi werden. In der Welt der Kürzel entchiffert Garton Ash auch für den ausländischen Leser verständlich die Akronyme und Abkürzungen. Von OPK (Operative Personenkontrolle), über IM (Inoffizieller Mitarbeiter) und KP (Kontaktperson) bis zu HVA (Hauptverwaltung Aufklärung) erklärt er die Codes am eigenen Beispiel.
Der falsche Romeo
Die Observation der eigenen Beschattung anhand der Stasi-Akten lässt ihn zurückblicken auf die Vergangenheit von Ländern, Menschen und Nationen. Von der Staatssicherheit wurde Garton-Ash während seines Stipendium-Aufenthalts an der Humboldt-Universität in Ostberlin der vielsagende Name „Romeo“ angedichtet. Ob als Held der Dramen Shakespeares oder auch aufgrund seines Fahrzeugs (Alfa Romeo) ist Garton Ash als Journalist für den „Spiegel“ jenseits der innerdeutschen Grenze ein „Verdächtiger“, den es „abzuschöpfen“ gilt. Sein Interesse für die neuste Geschichte, gepaart mit dem Engagement an dem politische Leben der Volksrepublik Polen, das von dem „Bakzyll der Solidarität“ (Solidarnosc) beinahe brodelt, machen ihn suspekt.
Der deutsche James Bond ?
Als Garton Ash im Geflecht von Observation, Beschattung und Spionage der deutschen Vergangenheit auf die Schliche kommt, zeigt sich für ihn: „Eine Wanze ist eine Wanze, ob Ost oder West.“ Die Arbeitsweise von MfS und anderen Geheimdiensten stellt sich heraus gar nicht weit voneinander abzuweichen. Die Welt, gespalten in zwei Blöcke, beeinflussen James Bonds in MI5 und MI6 oder MfS auf vergleichbare Weise – so das erstaunliche Resumee des Autors.
Gauckisierung
Nicht zuletzt ist die „Akte Romeo“ zugleich ein beeindruckendes Kapitel aus der deutschen Vergangenheitsbewältigung unter der Gauck-Behörde. Im Umgang mit der „Geschichte, die noch qualmt“ zeigt der Brite ein außerordentliches Feingefühl. Auch heute, da die Nachfolgerin des Pastors Gauck - die Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik - Marianne Birthler dieses Amtes waltet, bleibt die historische Perspektive in der Debatte um die Stasi-Akten aktuell und hat kaum an Brisanz verloren.
Speer und Staufenberg – Schlüsselfiguren der deutschen Geschichte
Für Garton Ash ist die Welt der Stasi angesiedelt zwischen den zwei paradoxen Schlüsselfiguren der deutschen Geschichte: Albert Speer und Graf Schenk von Staufenberg, zwischen bürokratischem Konformismus und Glauben an das System einerseits und dem symbolischen Aufbegehren gegen totalitäre Macht auf der anderen Seite.
