Ganz nach dem Leitsatz von Maria Montessori „Hilf mir, es selbst zu tun“ hat die moderne Pflegewissenschaft Handlungsgrundlagen für die „aktivierende Pflege“ entwickelt. Für diese Form der Hilfe in der Kranken- und Altenpflege wurde außerdem ein entsprechender so genannten Expertenstandard (Qualitätsicherung Q 03) erarbeitet. Er legt exakt fest, in welcher Weise Pflegende unterstützen, anleiten und motivieren müssen, damit kranke und pflegebedürftige Menschen nach und nach möglichst weitgehend alltägliche Tätigkeiten wieder selbst „in die Hand“ nehmen können.
Aus dem Bett heraus pflegen
Das Ziel und damit der größte Erfolg für alle, die „aktivierend“ pflegen – ob Angehörige oder Pflegeprofis – liegt darin, sich selbst nach und nach quasi überflüssig zu machen. Aktivierende Pflege bedeutet für die Pflegenden aber auch mehr Arbeit, Geduld, eine gute Beobachtungsgabe, großes Einfühlungsvermögen und vor allem viel Zeit.
Denn: Eine Handlung komplett zu übernehmen, also beispielsweise einem pflegebedürftigen Menschen das Gesicht zu waschen, ist inklusive Vor- und Nachbereitung eine Angelegenheit von etwa zwei Minuten. Viel mehr Aufwand allerdings bedeutet es, einem alten Menschen mit einer Gelenkversteifung im rechten Arm zu zeigen, auf welche Weise er es trotz dieser Behinderung alleine schafft, sein Gesicht zu waschen. Wie kann er den Waschlappen nass machen? Wie kann er dafür die Armatur bedienen? Wie bekommt er die Hand in den Waschlappen? Welche Bewegungen kann er ausführen? Gibt es eine alternative Handlungsmöglichkeit? und so weiter.
Jeder für das Gesichtwaschen nötige Einzelschritt muss außerdem erklärt, anfangs noch unterstützend geführt, immer wieder geübt und so lange trainiert werden, bis der "gemeinsame" Erfolg erreicht ist: Jemand, dessen Gesicht von einer Pflegeperson gewaschen werden musste, kann es wieder allein. Langsam zwar und anders vielleicht als früher, aber eigenständig und mit dem Gefühl, weniger hilflos zu sein, abhängig zu sein von Hilfe, sich entmündigt zu fühlen.
Vorhandene Fähigkeiten erkennen und fördern
Die körperlichen und geistigen Fähigkeiten, die ein pflegebedürftiger Mensch noch hat, nennen Pflegewissenschaftler Ressourcen. Sie zu erkennen, ist der erste Schritt auf dem langen Weg wieder zurück zu mehr selbständigem Handeln. Das ist nicht selten dann besonders schwierig, wenn Menschen nach langer Bettlägerigkeit wegen Krankheit und nach einem Unfall oder auch Schlaganfallpatienten sich kaum noch bewegen können oder wollen.
Dadurch verlieren sie immer mehr das Gefühl für ihren Körper, können ihn oder Teile von ihm nur noch schwer selbst wahrnehmen. Sie verlieren ihr „Körperschema“, das ihnen durch die Bewegung einen Bezug zu ihrer Umgebung gegeben hat. Dieses „Sichverlieren“ erfolgt nicht nur auf körperlicher Ebene, sondern wirkt sich auch psychisch negativ aus. Es zeigt sich unter anderem in zunehmender Apathie bis hin zur Depression.
Es gilt also, diese Ressourcen zu entdecken, zu fördern und entsprechend zu trainieren. Ohne positive Motivation, viel Zuspruch und eine einfühlsame Gesprächsführung aber bleiben alle Bemühungen erfahrungsgemäß erfolglos. Es kann einem manchmal vorkommen, als „müsse man jemanden zu Jagen tragen“. Und nicht selten müssen Pflegende mit dem Vorwurf ihres Schützlings klarkommen, dass sie nicht gut pflegen, den Pflegebedürftigen gar vernachlässigen. Das kann in manchen Fällen die Folge von kompensatorischer Pflege sein, also von einer Pflege, bei der die Pflegeperson jede Handlung vollständig übernimmt und so eine schleichende Passivität fördert. Nicht selten neigen Pflegende außerdem dazu, Pflegemaßnahmen ganz zu übernehmen, sei es nun aus Zeitgründen oder übertriebenem Mitgefühl (Helfersyndrom).
Neuer Lebensmut und mehr Selbstwertgefühl
In enger Zusammenarbeit mit Physiotherapeuten kann es aber gelingen, dass der pflegebedürftige Mensch durch aktivierende Pflege trotz verschiedener Behinderungen oder Beeinträchtigungen wieder eine ganze Reihe von Fähigkeiten zurückerobert. Das gelingt mit Behandlungskonzepten wie "Basale Stimulation" oder dem "Bobath-Konzept". Aber nicht nur das.
Mit jeder eigenständig durchgeführten Handlung wächst nämlich bei einem kranken oder/und alten Menschen auch wieder das Zutrauen zu sich selbst und den eigenen Fähigkeiten. Jeder noch so kleine Erfolg gibt neuen Lebensmut, stärkt das Selbstwertgefühl und die Selbstachtung – und führt so auch aus dem seelischen Tief heraus, in dem sich viele der schwer pflegebedürftigen Menschen befinden.
