AKW Fukushima: Die Zähmung des GAU

Fukushima Daiichi - Tepco
Fukushima Daiichi - Tepco
Fukushima Daiichi News für den 04.07.2011: Vor Ort scheinen „kleinere" Probleme endlich die großen abzulösen. Doch ist die Lage damit unter Kontrolle?

Die Lage im havarierten AKW Fukushima Daiichi scheint stabil. Alle wichtigen Behelfskonstruktionen laufen mit ertragbaren Unschärfen. Der Betreiber des AKW, die Tokyo Electric Power Company, kurz Tepco, schlägt sich derzeit anscheinend mit weniger haarsträubenden Problemen herum, welche darüber hinaus kurzfristig lösbar scheinen. Allem Anschein nach zeigt sich die jetzige Situation entspannter als noch vor einer Woche, als man eine lange Periode dauernder Rückschläge und Unwägbarkeiten durchschritten hatte. Der sich wochenlang als „Problemkind“ gebärdende riesige Kühlkreislauf läuft sowie die in diesen eingebundene Filteranlage zur Senkung der Radioaktivität funktionieren anscheinend auch und seit gestern wird laut einem Bericht des Daily Yomiuri erstmals nur recyceltes Wasser zur Kühlung der Reaktoren eingesetzt.

Neuer Kühlkreislauf läuft

Der riesige Kühlkreislauf machte den Ingenieuren und Arbeitern vor Ort in den letzten Wochen die meisten Probleme. Nichts wollte so richtig laufen. Erst versagte die Filteranlage mehrfach, dann wurden an den Pipelines des Kreislaufes ständig Lecks gefunden. Manchmal wechselten sich Hiobsbotschaften und Erfolgsmeldungen stündlich ab und man bekam den Eindruck einer „Neverending Story“, bei der man an kein „Happy End“ mehr glauben mochte. Bei diesem Kreislauf wird erst stark verseuchtes Wasser aus den Kellern der Anlagen abgepumpt, dann, in der Reihenfolge, durch einen Ölabscheider, einen Caesiumfilter, einen weiteren Dekontaminator und eine Entsalzumgsanlage geschickt, woraufhin es in einen temporären Tank gelangt. Ein Teil dieses aufbereiteten Wassers wird dann neuerlich als Kühlwasser genutzt. Dieser als „Schlüsselsystem“ angesehene Kreislauf läuft derzeit scheinbar wie gewünscht.

„Schlüsselsystem“ sorgt für Fortschritt

Bitter nötig und gerade noch rechtzeitig, möchte man meinen. 110.000 Tonnen schwer verseuchtes Wasser dümpelten wochenlang in allen Kellern der Anlage vor sich hin und die Wasserstände näherten sich gefährlich den Erdgeschossen. Das Ausfluten der stark belasteten "Brühe" in die Umwelt drohte lange für den 5. Juli. Diese Verseuchung wäre der größtmögliche Unfall im immer noch ablaufenden GAU in Fukushima gewesen. Dass die Anlage jetzt funktioniert, bedeutet, dass jeden Tag 1.200 Tonnen des Wassers damit gereinigt werden, aber man in derselben Zeit nur etwa 500 Tonnen als Kühlwasser benötigt – die Wasserpegel in den Kellern dürften sinken, ein befürchtetes Überlaufen kontaminierter Brühe scheint verhindert und nach einiger Zeit dürfte zudem Platz für wichtige Arbeiten in den unteren Geschossen der Reaktor und Turbinenblöcke des AKW entstehen.

Große Sorgen und „kleine Wehwehchen“

Gute Aussichten also für willkommene, deutliche Fortschritte in den nächsten Wochen. Sollte das System weiter relativ fehlerfrei laufen, wäre eine Kontinuität in der Kühlung der Kerne in den Blöcken 5 und 6 und der Schmelzmassen in den Blöcken 1 bis 3 gegeben. In die letzteren wird weiterhin - blind - Kühlwasser eingespeist, weil man immer noch über die tatsächliche Lage der geschmolzenen und noch aktiven Masse im Unklaren ist. Die überschüssige Wärme der „Klumpen“ wird bisher erfolgreich abgeführt. Bislang wusste man nur nicht, wohin mit dem ganzen Kühlwasser, welches aus den beschädigten Reaktorbehältern auslief. Dieses große Problem ist ja nun hoffentlich gelöst, „kleinere Wehwehchen“ treten derweil täglich auf.

Kühlung des Reaktors 5 unterbrochen

Zum Beispiel musste gestern die Kühlung des Kernes in Block 5 unterbrochen werden. Grund war ein Leck im provisorischen Kühlwassereinspeisesystem des Blockes. Dreieinhalb Stunden dauerte die Reparatur und damit die Unterbrechung. In dieser Zeit wurde laut einem Bericht der Mainichi Daily News ein Anstieg der Kerntemperatur von fünf Grad Celsius gemessen, woran man wieder einmal eindrücklich erkennt, wie abhängig die Situation von einer kontinuierlichen Kühlung ist. Nicht nur in den eigentlichen Krisenreaktoren 1 bis 3, sondern ebenfalls in den medial vernachlässigten Reaktoren 5 und 6. Glücklicherweise ist man ja nicht mehr zwischen zwei Übeln in der Zwickmühle, denn der neue Kreislauf kühlt ja, ohne neue „Müllwasser“-mengen zu produzieren. Doch ist das System insgesamt fragil. Zwar hat man anscheinend die technischen Unwägbarkeiten endlich im Griff. Neuerliche Naturkatastrophen, die nach Ansicht von Experten nicht unwahrscheinlich sind, könnten den diffizilen Aufbau schädigen. Tepco versucht derweil vorzusorgen.

Neuer Behelfs-„Damm“ fertig gestellt

Zu dieser Vorsorge gehört neben der Stabilisierung des statisch instabilen Abklingbeckens in Block 4 mit 32 Stahlträgern aus Angst vor Erdbeben und der Beben-sicheren Konstruktion der Hülle, welche Block 1 bis September erhalten soll (Suite101 berichtete mehrfach über diese Maßnahmen), auch, die Aufschüttung eines Dammes gegen einen möglichen neuen Tsunami. Wie die Asahi Shimbun nun berichtete, wurde dieser jetzt fertig gestellt. Der insgesamt 362 Meter lange Wall aus Steinen, Erde und Planen, ragt an seinem Kamm etwa 14 Meter über den Meeresspiegel heraus.

Wie fast alle Kontsruktionen handelt es sich dabei um ein Provisorium. In der Zukunft soll diesem Damm ein besserer folgen, wie auch die technischen Anlagen stetig verbessert werden sollen. Die Lage im AKW Fukushima Daiichi ist nicht mehr so besorgniserregend wie noch vor einigen Tagen. Jedoch ist dort noch nichts entschieden – die Katastrophe ist noch immer im Gange, sie wird bloß zusehends besser verwaltet. Tepco wollte die schrittweise Rückgewinnung der Kontrolle, doch darf man nicht denken, dieser Zustand sei schon erreicht – denn die derzeitige Kontrolle ist nicht belastbar und damit äußerst fragil. Die letztliche Zähmung des GAU wird noch lange auf sich warten lassen.

Quellen: NHK-World, asahi.com, Daily Yomiuri Online, The Mainichi Daily News, Tepco-Pressebericht (1) - (2)

Siehe auch: tägliches Fukushima Update: Mai, Juni, 01.07, sowie Restrisiko Fukushima und IAEA/Fukushima