Roman von Alan Bennett – Così fan tutte

Eine verrückte Geschichte über ein biederes britisches Ehepaar

Bennett: Cosí fan tutte - Wagenbach Verlag
Bennett: Cosí fan tutte - Wagenbach Verlag
Britischer Humor pur: Alan Bennett schrieb vor dem Bestseller „Die souveräne Leserin" eine skurrile Story, die als Krimi beginnt und als Entwicklungsroman endet.

Wenn Alan Bennett ein Buch schreibt, entwickelt der britische Humor exzentrische Züge. Nachdem der 75-Jährige mit der „Souveränen Leserin“ – einer amüsanten Persiflage auf Queen und Königshaus sowie zugleich einer weisen sozio-philosophischen Betrachtung der Kulturtechnik des Lesens – international die Herzen und den Geist vieler Leser erobert hat, lenkt der Wagenbach-Verlag die Aufmerksamkeit auf ein früheres Bennett-Werk, das in England 1996 unter dem Titel „The Clothes they stood up“ erschienen war.

Mozart kittet marode Ehe

Die eigenartige Geschichte um ein braves, biederes und durchschnittliches britisches Ehepaar mittleren Alters, das zurückgezogen in einem „edwardianischen Wohnblock“ lebt und fast keine sozialen und gesellschaftliche Kontakte pflegt. Sie kennen ihre Nachbarn kaum, haben keine Kinder, keine Katzen, Hunde oder Vögel. Auch sprechen sie nicht sehr viel, jedenfalls nichts Bedeutendes oder besonders Liebevolles. Immerhin teilen sie die Leidenschaft für die Musik von Wolfgang Amadeus Mozart, wobei Mr. Ransome der eigentliche Musikkenner und -genießer ist. „Mozart spielte in ihrer Ehe eine wichtige Rolle, und ohne Mozart hätten sie sich wahrscheinlich bereits vor Jahren getrennt.“ Mr. Ransome, Partner einer Anwaltskanzlei, hasst Neuerungen jeder Art. Mrs. Ransome kultiviert ebenso ihre alten Gewohnheiten, von denen sie schwerlich abzuweichen bereit ist, aber – und das unterscheidet die beiden wesentlich – sie verspürt ein vages Gefühl der Unzufriedenheit und Unausgefülltheit, das ihr aber lange Zeit gar nicht auffällt.

„Così fan tutte“ in der Oper

Am fraglichen Abend, an dem die Geschichte ihren Verlauf nimmt, sitzen die Ransomes in der Oper „Così fan tutte“. Mit einem kriminalistischen Knall läutet Bennett die Geschichte ein: Einbrecher haben während des Opernbesuchs der Wohnungsbesitzer alles mitgenommen, was nicht niet- und nagelfest war. Und das ist wörtlich zu verstehen, denn sie nahmen nicht nur die Stereoanlage mit allen Mozart-CDs und den Pelzmantel mit, sondern auch die Vorhänge samt Gardinenstangen, Sofakissen, Schnurtelefone, Kleider und gebrauchte Zahnbürsten, Toilettenpapierrollen, Teppichböden, die Seifenschale und die Klobürste. Eine 32 Jahre zuvor bezogene und größtenteils gleich anfangs möblierte, später kaum veränderte Wohnung ist vollkommen leer.

Kriminalfall ohne Krimi

Was sich zunächst wie ein kleiner Krimi liest, entwickelt sich zusehends zu einem Miniatur-Entwicklungsroman, wobei sich Mr. Ransome fast gar nicht entwickelt. Das hübsche rote Büchlein in der Wagenbach-SALTO-Edition verwandelt sich nach und nach in eine Frauenemanzipationsstory. Denn Mrs. Ransome leidet schon nach wenigen Tagen gar nicht mehr unter dem Fehlen ihres kompletten Hausrats, ganz im Gegenteil, der Verlust der Gegenstände versetzt sie in die Lage, ihren Tagesablauf in überraschend gewonnener Freiheit zu gestalten. Die Aufgabe, dringend notwendige neue Gebrauchsutensilien zu erwerben, spült sie unversehens in neue Shopping-Umgebungen, lässt sie mit Menschen sprechen und Fernsehprogramme sehen, die bislang gar nicht in ihrer Welt vorkamen. Als die Wohnungseinrichtung schlagartig wieder auftaucht, kann Mr. Ransome direkt an sein vorheriges Leben anknüpfen. Zwar bleibt auch für ihn eine kleine Irritation erotischer Art zurück, die ihn aber nicht so aufrüttelt wie seine Frau, der es sogar noch gelingt, nachträglich die Einbruchshintergründe aufzuklären. Zum Schluss ist alles anders geworden, im Nachhinein stellt sich diese Lebensphase als Lehrzeit heraus.

Alan Bennett ist ein gewiefter Erzählkünstler

„Così fan tutte“ – so machen es alle, wobei „alle Frauen“ gemeint sind, „tutte“ bezeichnet im Italienischen die weibliche Form – ist ein lesenswertes Büchlein, eine gute Geschenkidee für Frauen vor, während und nach der Midlife-Crisis, Männer werden sich weniger mit den beschriebenen Helden und ihrer Psyche identifizieren können. Alan Bennetts Werke gehören zur humorig-kabarettistischen Literatur-Upperclass in Europa.

Alan Bennett: Così fan tutte. Eine Geschichte. Aus dem Englischen von Brigitte Heinrich. Verlag Klaus Wagenbach 2009/2003. Gebunden, 120 Seiten. Euro 14,90.

Andrea Reidt, Freie Journalistin, Foto Monika Werneke

Andrea Reidt - Die Freie Journalistin Andrea Reidt sammelte vielfältige Erfahrungen in ihrem Beruf. Am allerliebsten schreibt sie ...

rss