Albert Schweitzer (1875-1965), der Urwaldarzt von Lambarene, der zugleich evangelischer Theologe, Philosoph, Bachforscher und genialer Orgelanist war und 1952 den Friedensnobelpreis erhielt, hat immer wieder zum Verhältnis von Mensch und Tier Stellung genommen. Er stand in der Tradition humanistischer Ethik, wandte sich jedoch gegen deren enge anthropozentrische (nur am Menschen ausgerichtete) Sichtweise. Grundsätzlich gibt es für ihn keinen Unterschied zwischen menschlichem, tierischem und pflanzlichem Leben, das es zu achten und zu beschützen gilt. Er muss allerdings zugestehen, dass eine Güterabwägung in der Praxis nicht zu vermeiden ist. Die Mücken, die die Malaria übertragen, muss er bekämpfen, auch wenn sie ihm leid tun. Um Leben zu erhalten, muss anderes Leben vernichtet werden.

Wie sich Schweitzers Ethik des Erbarmens mit dem Tier entwickelte

Das Mitleid mit den Tieren hat seinen Ursprung in Schweitzers Kindheit. In seiner ersten Autobiografie 1924 berichtet er über frühe Erlebnisse, die seinen Charakter prägten. „Insbesondere litt ich darunter, dass die armen Tiere so viel Schmerz und Not auszustehen haben. Der Anblick eines alten hinkenden Pferdes, das ein Mann hinter sich herzerrte, während ein anderer mit einem Stecken auf es einschlug – es wurde nach Kolmar ins Schlachthaus getrieben – hat mich wochenlang verfolgt.“

Als ein Freund ihn auffordert, mit einer Gummischleuder auf Vögel zu schießen, wagt er nicht zu widersprechen, weil er nicht ausgelacht werden will. Doch als in dem Moment des Zielens die Kirchenglocken zu läuten beginnen, wirft er die Schleuder weg und scheucht die Vögel auf. Durch dieses und andere ihn beschämende Erlebnisse habe er gelernt, seiner innersten Überzeugung zu folgen und sich um andere Meinungen nicht zu kümmern. Er gelobte, sich niemals abstumpfen zu lassen und den Vorwurf der Sentimentalität nicht zu fürchten. Später warb er von der Kanzel herab für die Tierschutzvereine und wandte sich gegen Tierversuche "ohne vernünftigen Grund".

Lambarene: Schweitzers Umgang mit Tieren in der Praxis

Die umfassende Sittenlehre, die Schweitzer entwickelte, sollte alles Lebendige einschließen. Der Ausgangspunkt für seine Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben im Sinne von Miterleben und Mitleiden war die universelle Einsicht: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Dies sollte nicht nur auf dem Papier gelten, sondern in die eigene Praxis umgesetzt werden. Recht widersprüchlich muten die Berichte über seinen Umgang mit Tieren in Zentralafrika an, wo er seit 1913 sein Hospital aufbaute. Er isst Affenfleisch, beobachtet fasziniert einen Kaiman, statt auf ihn zu schießen, schießt aber selbst Schlangen und Raubvögel ab.

Im Laufe der Zeit wird seine Station zum Auffangplatz für alle möglichen Tiere, darunter Papageien, Schimpansen, Pelikane und Zwergantilopen. Ein Wildschwein, das lernt gesittet am Gottesdienst teilzunehmen, wird dann aber doch geschlachtet, als es beginnt Hühner und Küken zu fressen. In der Praxis lässt es sich nicht vermeiden, dass Leben geopfert wird, um (eigenes oder fremdes) Leben zu erhalten. Von diesem Widerspruch, den Schweitzer nicht leugnet, handeln viele Passagen seiner theologischen und philosophischen Schriften.

Der Theologe Schweitzer plädiert für Tierschutz aus Barmherzigkeit

In mehreren Predigten und Schriften zur Ethik setzte sich Schweitzer kritisch damit auseinander, dass sowohl das Christentum als auch die abendländische Philosophie den Tieren mit Gleichgültigkeit und Rohheit begegnen. Die europäischen Denker „wachen darüber, dass ihnen keine Tiere in der Ethik herumlaufen“. Er sieht den Widerspruch, dass das Sittengesetz sich nicht mit den Naturgesetzen vereinbaren lässt und kann daher nur Minimalforderungen aufstellen: Arbeitstiere sind gut zu behandeln; der Missbrauch von Tieren durch Sport und Spiel (Jagd, Stierkampf) ist zu unterlassen; wenn getötet werden muss, dann fachgerecht, ohne unnötiges Leiden zu verursachen.

Nach Schweitzer muss der Einzelne jeweils entscheiden, ob er unter dem Zwang der Notwendigkeit einem Tier Schaden zufügen will und dann die Verantwortung dafür übernehmen. Er soll sich seiner Schuld bewusst sein und, als Ausgleich, Gutes tun, indem er möglichst viele Mitgeschöpfe rettet: dem alten Pferd das Gnadenbrot geben, den Wurm vom Weg ins Gras setzen, keine Blumen brechen ohne vernünftigen Grund. Dennoch bleibt der Konflikt bestehen zwischen Zerstörenmüssen und Erhaltenwollen, und der Mensch muss ihn aushalten. Nur dann, so Schweitzer, sei er "wirklich fromm".

Im hohen Alter (1961) äußerte sich Schweitzer äußerst optimistisch, was die Fortschritte seiner Ethik des Erbarmens anbetrifft und lobte „das Ende der naiven Unmenschlichkeit“. Hätte er die massenhafte industrielle Ausbeutung der Nutztiere wahrgenommen, die berechnende Unmenschlichkeit, wäre er wohl nicht zu solch irrigen Schlussfolgerungen gekommen. Noch immer erreicht die Tierrechtsbewegung nur eine Minderheit, allerdings wächst ihr Einfluss auf Politik und Konsumenten langsam und stetig.

Quelle: Erich Gräßer (Hrsg.): Albert Schweitzer - Ehrfurcht vor den Tieren. Beck’sche Reihe 2006. Broschiert, 160 Seiten. 9,90 Euro.