Alberto Moravia: Gefährliches Spiel

Porträt Alberto Moravia - Windoweb
Porträt Alberto Moravia - Windoweb
Mit "Gefährliches Spiel" befindet sich Moravia auf den Spuren der großen Romanciers des 19. Jahrhunderts, zum Beispiel Dostojewski, Tolsoj und Manzoni.

Alberto Moravias Todestag jährt sich 2010 zum 20. Mal. Teilweise wurde der Name des italienischen Schriftstellers sogar für den Literaturnobelpreis gehandelt. Sein Roman Gefährliches Spiel kommt dem russischen Gesellschaftsroman des 19. Jahrhunderts durch seine Beschreibung des gehobenen sozialen Milieus und dessen Strukturen sehr nahe. In der Psychologisierung und Überzeichnung seiner Charaktere sowie Thematik ist er hingegen nahe an Dostojewskijs Schuld und Sühne.

Inhalt des Romans Gefährliches Spiel

Die 24-jährige Andreina ist die Geliebte des mit Maria-Luisa verheirateten Grafen Matteo. Andreina hofft auf eine Heirat, aber Matteo kann sich nicht von seiner Frau trennen, da sie reich, er jedoch arm ist. Als Andreina erkennt, dass sie Matteo nicht für sich haben kann, schwört sie sich bittere Rache, mit der sie sowohl Matteo als auch Maria-Luisa und zuguterletzt sich selbst zugrunde richten will. Dazu will sie sich des philantropischen Journalisten Pietro Monatti als Werkzeug bedienen. Der ist mit Sophia, Matteos Schwester, verlobt, aber seit einiger Zeit Andreinas heimlicher Geliebter. Sie befiehlt ihm, Maria-Luisa zu töten. Er jedoch versucht, Andreina auf den Pfad der Tugend zurück zu führen, also will sie den Mord zusammen mit Maria-Luisas Hausmädchen durchführen, aber auch die kneift, so dass Andreina ihre Feindin schließlich ohne fremde Hilfe erwürgt. Anschließend findet sie sich offenbar damit ab, für diese Tat ins Gefängnis zu kommen.

Thema und Stil erinnern an Schuld und Sühne

Der Roman ist von exzessiver Dialoglastigkeit geprägt, hierin nicht unbedingt Schuld und Sühne ähnlich. Allein die Thematik scheint aber eins zu eins von Dostojewskijs großem Roman übernommen zu sein. Auch bei Moravia geht es um einen Mord aus Habgier. Zwar gibt Andreina zunächst Rache als Motiv an, bald überwiegt aber die Gier nach Maria-Luisas Reichtümern. Und wie Raskolnikow fühlt auch Andreina sich ihrem Opfer überlegen und hält es für gerechtfertigt, dass dieses sterben muss, um ihr ein bequemes Leben zu ermöglichen. Beide wollen in ihren Augen „unwertes Leben“ für einen höheren Zweck opfern.

Auch die starke Überzeichnung der Figuren ins Negative erinnert an Dostojewskij. Die Figuren werden durchgängig als selbstsüchtig, dumm oder naiv dargestellt. Überdeutlich wird diese Überzeichnung in Andreinas Selbsteinschätzung: „Ich erinnere mich sehr gut, dass ich mit zehn Jahren schon genauso war wie heute, ebenso verlogen, schamlos und gierig. (...) Nein, ich kenne mich zur Genüge, um zu wissen, dass ich nur aus Berechnung, Lüge, Niedrigkeit und Bosheit bestehe.“ Dieses Bekenntnis wirkt allerdings wenig glaubwürdig, es ist schwer vorstellbar, dass irgendeine Person sich nicht nur im Stillen selbst so einschätzt, sondern das auch noch anderen gegenüber zugibt. Der zwischen offener Selbstlosigkeit und verdecktem Eigennutz chargierende Pietro, dem sie dieses Geständnis macht, erinnert stark an Pièrre Besuchow aus Tolstois Krieg und Frieden. Die Namensgleichheit legt nahe, dass es sich um eine direkte Anleihe handelt. Und auch die Tuberkulose von Maria-Luisas Bruder Stefano ist offenbar eine Reminiszenz an die russischen Romane des 19. Jahrhunderts, in denen ja immer wenigstens einer die Schwindsucht hatte oder von ihr bedroht war.

Querverweis auf Manzoni

Einen Rückbezug auf die italienische Nationalliteratur gibt es durch Pietros Nachnamen: Monatti. Als solche werden in Manzonis Die Verlobten die Arbeiter bezeichnet, die die Pestkranken ins Lazarett oder ihre Leichen auf den Friedhof transportierten. Sie selbst waren immun gegen die Krankheit. Möglicherweise will Moravia mit der Namenswahl andeuten, dass auch Pietro Monatti gewissermaßen immun ist gegen Andreinas Habgier und Verworfenheit.

Fazit

Ein Gesellschaftsroman in Anlehnung an die großen Romane des 19. Jahrhunderts, der allerdings auch einige Schwächen aufweist. Seine Meisterschaft bildete Moravia erst in seinen späteren Romanen voll aus, besonders in den erotischen.

Alberto Moravia: Gefährliches Spiel – Das Buch gibt derzeit nicht in aktueller Auflage, aber bei Amazon sind zahlreiche gebrauchte Exemplare ab 1 Cent verfügbar.

Norman Riebesel, Norman Riebesel

Norman Riebesel - Hallo, ich bin Norman Riebesel. Ich bin seit Mai 2010 bei Suite101. Seit 2007 bin ich als freier Journalist tätig. Vorher habe ich ...

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