
- Autorenporträt Alberto Moravia - Windoweb
Der 35-jährige Drehbuchautor Federico – genannt Rico – ist klein, dick und kahlköpfig. Einen zweifelhaften körperlichen Vorzug hat er aber doch: ein überdimensionales, geradezu riesiges Geschlechtsteil. Mit diesem, das er in Anlehnung an seinen eigenen Namen und an Friedrich den Großen Federicus Rex nennt, steht er in ständigem Dialog, meist in Form von Streitgesprächen. Der Penis, der vorgibt, die Inkarnation eines alten indischen Gottes zu sein, gibt seinem Eigentümer Befehle, gegen die dieser sich oft vergeblich wehrt. Die Ausführung wiederum, die meist in der Herstellung direkten Körperkontaktes mit fremden Frauen besteht, bringt Rico gewöhnlich in unmögliche und hochnotpeinliche Situationen.
Der zweite Kampf, den Rico zu führen hat, ist der um die Regie eines Revoluzzerfilms. Er ist eigens aus der ehelichen Wohnung ausgezogen, um sich ganz auf diesen Film konzentrieren zu können und sich die erste Regiearbeit seiner Karriere zu sichern. Dabei muss er zum einen den Widerstand Maurizios und dessen kommunistischer Gruppe überwinden, um die sich der Film dreht, zum anderen den des Produzenten Protti.
Sublimierung gegen Unsublimiertheit = oben gegen unten
Die zwei oben angedeuteten Kämpfe des Helden sind eigentlich Teil eines einzigen Konfliktes: Rico kämpft gegen seine von ihm selbst immer wieder beklagte Unsublimiertheit an um endlich auch ein sublimierter und damit kulturell und sozial höher stehender Mensch zu sein. Das eigentliche Hindernis ist dabei sein Glied. Das ist so dominant, dass Rico mit einem überbordenden Sexualtrieb geschlagen ist, was für ihn gleichbedeutend mit Unsublimiertheit in Reinform ist, weil er gar keine Chance hat, sich höheren Interessen zu widmen. Deshalb stemmt er sich den Befehlen seines Penis meist ebenso entschlossen wie erfolglos entgegen. Seinem Penis gibt er somit die Schuld daran, dass er beruflich und gesellschaftlich erfolglos ist. Sublimation versus Unsublimiertheit bedeutet für ihn gleichzeitig den Gegensatz zwischen oben und unten. Gegenüber den sublimierten Menschen fühlt er sich hoffnungslos unten. Deshalb tritt er gegenüber Maurizio und Protti als Kriecher auf. Hingegen fühlt er sich gegenüber anderen von ihm als unsublimiert eingestuften Menschen überlegen („oben“), weil er sich im Gegensatz zu ihnen seiner Unsublimiertheit bewusst ist. Im Einklang mit seiner opportunistischen Charakterprägung kostet er diese Überlegenheit gnadenlos aus. Er genießt es geradezu, seine Frau Fausta, die sich nicht wehren kann, zu erniedrigen. Nur hier erfährt er, was es heißt, Macht zu haben. Denn seine Unsublimiertheit bedeutet zugleich Machtlosigkeit: machtlos gegenüber seinem Geschlechtstrieb und machtlos, weil er auf einer niedrigen sozialen Stufe steht.
Am Ende erreicht Rico doch einen kurzzeitigen Sieg über sein Geschlecht, den Sieg der Liebe über die Libido, der aber nicht lange anhält. Die erstrebte Sublimiertheit erreicht er hingegen zu keinem Zeitpunkt.
Fazit: Männer sind schwanzgesteuert
Der Roman ist ein augenzwinkernder, noch dazu männlicher Beitrag zum feministischen Thema „Männer sind schwanzgesteuert“. Als solcher ist er sehr unterhaltsam, allerdings ist die Selbstironie insgesamt doch etwas zu dick aufgetragen, was den Roman in die Nähe des Nonsens bringt.
Alberto Moravia: Ich und er, Rowohlt, 1988, ab 10,99 Euro.
