
- frei spielende Kinder - Ulrike Bungert
Kindheit und Jugend des Alexander S. Neill verrieten noch nichts von dem späteren Weltruhm des Pädagogen: Neill versagte in der Schule und schaffte erst nach mehreren Anläufen die Ausbildung zum Hilfslehrer. Dann aber erwachte Neills Motivation, sich zu bilden. Mit 25 Jahren begann er sein Studium an der Universität von Edinburgh, das er mit dem „Master of Arts“ und dem „Master of Education“ abschloss.
Unfreiwilliges Ende der Karriere als Journalist
Bis zur Gründung der Summerhill-Schule sollten allerdings noch einige Jahre ins Land gehen. Neill versuchte sich nach seinem Studium zunächst als Autor. Arbeitgeber war der Verlag T.C. & E.C. Jacks, erst in Edinburgh und dann in London. Hier zog es Neill mit 29 Jahren hin. Kurz darauf konnte Neill als Journalist beim „Piccadilly Magazin“ einsteigen – und wurde arbeitslos. Der erste Weltkrieg hatte begonnen, das Blatt konnte nicht erscheinen.
Der erste Weltkrieg
Wegen einer Venenentzündung im Bein wurde Neill als für den Krieg untauglich erklärt und nahm eine Stelle als Direktor einer Dorfschule in Gretna Green, Schottland, an. Im Jahr 1916 veröffentlichte er sein Werk: „A Dominie’s Log“ (Tagebuch eines Dorfschullehrers), das Neills Gedanken über die Freiheit des Kindes enthielt. Im Anschluss daran meldete er sich nun doch noch freiwillig für den Kriegsdienst: Neill besuchte das Ausbildungslager Royal Scot Fusiliers in Greenock bei Glasgow. Wegen seiner schlechten Gesundheit quittierte er den Dienst jedoch wieder frühzeitig.
Inspiration „Little Commonwealth“
Um 1917 begegnete Neill dem Amerikaner Homer Lane, der eine Erziehungsgemeinschaft mit Namen „Little Commonwealth“ für straffällig gewordene Kinder in Dorset leitete. Die Begegnung beeinflusste Neill nachhaltig: Homer Lane glaubte daran, dass ein Kind von Natur aus gut sei und gestaltete das Leben in seiner Gemeinschaft nach demokratischen Prinzipien. Neill scheiterte bei seiner Folgeanstellung King Alfred School in Hampstead – seine durch Little Commonwealth inspirierten Reformversuche waren in der konservativen Schule mehr als unerwünscht.
Gründung der Summerhill-Schule
Im Jahr 1921 wurde Neill Mitbegründer der Internationalen Schule Dresden-Hellerau. Als sich 1923 die politische Lage in Deutschland zuspitzte und die Schule immer leerer wurde, siedelte Neill mit seiner Abteilung der Schule über in ein österreichisches Bergdorf. Von dort aus verlegte Neill 1924 seine Schule abermals, diesmal nach Lyme Regis, einer Stadt in Südengland. Die Schule wurde dort nach dem Haus, in das sie eingezogen war, benannt: Summerhill. 1927 zog Neill mit seiner Summerhill-Schule nach Leiston, England, wo sich das Internat heute noch befindet.
Pädagogische Erkenntnisse und Freundschaft mit Reich
Neben seiner Hauptaufgabe als Schuldirektor begann Neill weitere Werke über Kinder- und Jugendpsychologie und Fragen der Kindererziehung zu veröffentlichen. Er hielt an Universitäten Vorlesungen über seine antiautoritären Erziehungsmethoden. Bei einer solchen Vorlesung an einer Osloer Universität lernte er 1937 Wilhelm Reich kennen, eine Begegnung, die Neill in seinem Denken beeinflusste. Mit Reich verband ihn bis zu dessen Tode eine innige Freundschaft.
Neills Lebensaufgabe: Direktor und Lehrer der Summerhill-Schule
Die Summerhill-Schule bekam nach dem zweiten Weltkrieg Zulauf von Schülern aus aller Welt. Die finanzielle Lage der Schule war dennoch prekär: Von Seiten des Staates wurde Summerhill nicht unterstützt. Im Oktober 1946 wurde Neills Tochter aus zweiter Ehe mit Ena geboren: Zoe Neill. Neill widmete sich mit ganzem Herzen seiner Lebensaufgabe und blieb bis zu seinem Tode am 23.9.1973 Direktor der Summerhill-Schule. Seine Erfahrungen gab er in dem Bestseller „Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung“ wieder, das erstmals 1960 unter dem Originaltitel „Summerhill, A radical approach to Child Rearing“ in New York erschien.
Quellen:
Neill, A.S.: Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung. Das Beispiel Summerhill. Reinbek bei Hamburg, 1969.
Neill, A.S.: Neill, Neill, Birnenstiel! Erinnerungen des großen Erziehers A.S. Neill. Reinbek bei Hamburg, 1982.
