Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ gehört unbestritten zu den Klassikern der Weltliteratur. Dank des humor- wie auch phantasievollen Plots avancierte der Bestseller auch zu einem der am öftesten verfilmten Stoffe überhaupt. Bereits 1903 erfolgte die erste cineastische Adaption, der unter anderem ein Pornomusical (sic!) oder die 1951 gefloppte Zeichentrickversion der Disney-Studios folgte. 2010 schließlich nahm sich mit Tim Burton einer der visionärsten Filmemacher des beliebten Klassikers an. Kommerziell erfolgreich, enttäuscht sein in zeitgemäßem 3D inszeniertes Remake dennoch.
Alice im Wunderland versnobter Aristokratie
Aus der unbeschwerten Alice (Mia Wasikowska) ist eine hübsche junge Frau geworden, die jedoch nach dem Tod ihres liebevollen Vaters viel an Lebenslust eingebüßt hat. Um gesellschaftlichen Konventionen zu entsprechen, fädelt ihre Mutter eine Hochzeit mit dem witz- und geistlosen Herzog Hamish (Leo Bill) ein – sehr zur Überraschung ihrer Tochter, die von den Heiratsplänen erst im Rahmen einer aristokratischen Feier erfährt.
Hamishs Heiratsantrag veranlasst Alice zur Flucht. Wie schon wenige Jahre zuvor läuft sie hinter einem nervösen weißen Kaninchen her und stürzt durch ein Loch hinab ins Wunderland. Dort haben sich die Machtverhältnisse überschlagen: Die sadistische Rote Königin (Helena Bonham Carter) herrscht über ein freudloses Reich voll furchtsamer Untertanen. Selbst der einst übermütige, verrückte Hutmacher (Johnny Depp, "Sweeney Todd") präsentiert sich zutiefst verbittert. Als er und seine Freunde der inzwischen erwachsenen Alice angesichtig werden, konfrontieren sie sie mit verstörenden Weissagungen, deren zufolge die junge Frau auserkoren sei, den furchteinflößenden Jabberwocky zu erschlagen. Eine für die pazifistische Alice absurde Vorstellung …
Jeanne D’Arc im Wunderland
Die üppige Ausstattung des 200-Millionen-Dollar-Blockbuster kann nicht über den mehr als dürftigen Plot hinwegtäuschen. Von „Alice im Wunderland“ ist in Burtons Version kaum noch etwas übriggeblieben. Seine Protagonistin – verkörpert vom Mia-Farrow-Lookalike Mia Wasikowska – Alice hinterlässt einen blassen und weinerlichen Eindruck, womit sie zugegebenermaßen hervorragend mit dem übrigen Ensemble harmoniert. Der verrückte Hutmacher wird seinem Attribut kaum noch gerecht und versprüht nichts mehr an fröhlichem Irrwitz.
Die Rote Königin (Helena Bonham Carter) darf sich als mit gigantischem Kopfwuchs ausgestattete Despotin austoben und erfüllt somit den formellen Zweck einer Antagonistin. Ihre schlimmste Feindin ist das Gute in Form der Weißen Königin, dargestellt von einer kalkweißen Anne Hathaway. Selbst die anarchistische Nicht-Geburtstagsfeier des Verrückten Hutmachers erinnert eher an eine Trauerfeier, als an eine fröhlich-absurde Veranstaltung mit allerlei Albernheiten.
Den Vogel schießt Burton jedoch mit dem Finale ab, wenn Alice als Jeanne D’Arc im Wunderland dem Jabberwocky entgegentritt und sich die Heerscharen der verfeindeten Königinnen bekämpfen. Da verwundert es auch nicht mehr, dass eben jenes Finale den Charme eines Computerspieles verströmt und nicht die geringste Spannung oder Originalität aufweist.
Tim Burtons „Alice im Wunderland“: 3D-Film mit 1D-Charakteren
Visuell ist ein solcher Film natürlich über jeden Verdacht erhaben. Die CGI-Animationen spiegeln den aktuellen Stand der Technik wider und den meist aus dem Computer stammenden Hintergründen merkt man ihren künstlichen Ursprung kaum noch an. Doch gleich James Camerons „Avatar“ laboriert „Alice im Wunderland“ an keinerlei technischen Problemen oder mangelhafter 3D-Umsetzung. Vielmehr sind es die eindimensionalen, uninteressanten Charaktere, die nach zwei Stunden keinerlei nachhaltigen Eindruck beim Zuschauer hinterlassen.
Witzige Figuren wie Humpty Dumpty oder das fiese Walross fanden in Burtons Version ebenso wenig Platz wie ein quietschbuntes, von fröhlichen Wesen jeglicher Art bevölkertes Wunderland. Stattdessen herrschen düstere Farben vor, lösen ausgebrannte Ruinen Häuser ab und wimmelt es von mordlüsternen Charakteren. Konsequenterweise dreht sich die Handlung im Wesentlichen darum, Alice von ihrer Rolle als Drachentöterin zu überzeugen. Abschließende Katharsis samt mit Holzhammer verabreichter Botschaft inbegriffen.
Kinder dürfen nicht ins Wunderland
Angesichts des düsteren und gänzlich humorbefreiten Remakes verwundert es nicht, dass „Alice im Wunderland“ in deutschen Kinos erst ab 12 Jahren freigegeben ist. In Tim Burtons neuesten Film haben Kinder somit keinen Zutritt, obwohl der Streifen von Walt Disney produziert wurde. Eigentlich ein Treppenwitz der Geschichte, dass sechzig Jahre nach dem wundervollen Zeichentrickklassiker „Alice im Wunderland“ ein vom selben Studio finanziertes Remake als ungeeignet für Kinder eingestuft wird. Was wohl der Firmengründer dazu gesagt hätte?
Originaltitel: „Alice in Wonderland“
Regie: Tim Burton
Produktionsland und -jahr: USA 2010
Filmlänge: ca. 108 Minuten
Verleih: Walt Disney
Deutscher Kinostart: 4.3.2010
